Vor kurzem erschien mit “Lynchage médiatique” von Enrico Lunghis Ehefrau Catherine Gaeng eines dieser Bücher, die sofort für viel Aufsehen hätten sorgen müssen. Bisher blieb der ganz große Knall aber aus: Abgesehen von ein paar Kommentaren und Shares auf sozialen Netzwerken und einigen (zu seltenen) Artikeln aus dem Kulturbereich tat sich auch um die neuen Perspektiven und Informationen, die Gaeng preisgibt, nicht viel.

Vielleicht, weil die Affäre damals so viel durchdiskutiert wurde, dass das Buch nun schon vor der Lektüre als kalter Kaffee abgetan wird. Weil die Populisten immer noch glauben, Kultur wäre Nebensache und das Mudam würde doch sowieso nur unbegreifliches Zeug ausstellen. Oder weil die Vertriebsmethode gewollt heimlich ist – man kann das Werk nur in der Buchhandlung Alinéa ergattern. Vielleicht aber auch, weil die Schuldigen unbestraft davonkamen – und sich folglich ein Gefühl der Resignation im Kulturbetrieb breitmacht. Das Schweigen der Hauptangeklagten – allen voran Kulturminister Xavier Bettel – wirkt aber symptomatisch für eine Art und Weise, (nicht) mit Kritik umzugehen, die fast schon als rhetorischer Kniff bezeichnet werden kann.

Auf Anklagen der Kulturschaffenden wird im Allgemeinen einfach nicht reagiert, und wenn, dann wird mit Floskeln kommentiert, die der Linguist Roman Jakobson als phatische Funktion der Sprache bezeichnet hätte. Diese bezeichnet nämlich Aussagen, deren Informationsgehalt inexistent ist, da Sprache hier ausschließlich die soziale Funktion hat, Geräusch zu produzieren, um ein Gespräch aufrechtzuerhalten. Wer nichts sagt, riskiert auch nicht, Ungereimtheiten zu produzieren. Und irgendwann wird man (die Presse, die öffentliche Aufmerksamkeit) sich sowieso wieder anderen Themen hinwenden.

Aber auch die Revolte der Kulturschaffenden bleibt in solchen Affären oft sehr zahm. Als die von einer internationalen Jury abgesegnete Kandidatur von Janina Strötgen und Andreas Wagner Ende 2017 auf der Kippe stand, versammelten sich zwar einige protestierende Kulturschaffende vor der Escher Gemeinde, man hätte sich hier aber eine massivere Unterstützung erhoffen können.

Wieso die Kulturschaffenden nicht solidarischer vorgehen, bleibt Spekulationssache. Fürchtet man die (finanzielle) Vergeltung vom Kulturministerium? Man weiß, wie sehr die meisten Künstler von staatlichen Geldern abhängig sind – weshalb man vielleicht erst mal abwarten möchte, bevor man voreilig zur persona non grata wird.

Bleibt zu hoffen, dass, falls das Projekt Esch 2022 nun wieder ins Straucheln kommen sollte, die Kulturschaffenden einen massiveren Ausdruck von Solidarität zustande bringen. Denn Janina Strötgen und Andreas Wagner erhalten zurzeit kein Gehalt, weil das Budget blockiert ist – was einen daran erinnert, dass Ende letzten Jahres die “Intermittents du spectacle” wegen Budgetmangel auch nicht ausgezahlt wurden.

Dass Luxemburg keine Streikkultur hat, ist bekannt. Wie Lämmer brav zuzuschauen, wenn auf undemokratische Art und Weise kreative Kulturschaffende aufs Abstellgleis gedrängt werden, ist auf jeden Fall feige. Manchmal wünscht man sich, jemand würde die Kulturpolitik, ihre Entscheidungsträger, Opfer und Begünstigten mal, ein bisschen wie bei Milo Raus politischem Theater, auf die Bühne bringen, um genau die Themen zu verhandeln, die im Tagesgeschäft unter den Teppich gekehrt oder totgeschwiegen werden.

4 Kommentare

  1. Wer sich im Marienland schon einmal getraut hat für ” Autogramme ” hausieren zu gehen um eine Petiton durchzusetzen,hat einiges zu erzählen über die überwältigende Zivilcourage des ” Mir wëlle bleiwe wat mir sinn..”
    Gegen Vetternwirtschaft und/oder Korruption,sprich ” Abus de pouvoir”, wird nie lange demonstriert.Dieses Thema wird erstaunlichschnell totgeschwiegen.
    Leider gibt es den ” Abus de pouvoir ” schon solange es Macht gibt.
    Buchempfehlung: ” Formen der Macht ” von Bertrand Russell

  2. Das Buch ist leider ein pro domo Schinken deshalb mit Vorsicht zu geniessen…nicht von einem neutralen Außenstehenden geschrieben…..

    • Ja, aber es ist nur eine minimale intellektuelle Redlichkeit erforderlich um die Dinge gut wieder zu geben. Thoma und Schram waren ja “neutraler Außenstehender”…

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