Annegret Kramp-Karrenbauer hat einen Witz gemacht. Die neue CDU-Präsidentin hat sich als Putzfrau verkleidet, Gretel. Sie hat sich vor ein Karnevals-Publikum gestellt und ist über verweichlichte Männer in Großstädten und das dritte Geschlecht hergezogen. Der Witz geht so: „Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen.“

Seither diskutieren in Deutschland Menschen darüber, ob dieser Witz angebracht ist. Ob man das machen kann. Empörung über den Witz auf der einen Seite. Empörung über die Empörung auf der anderen. Auch in Luxemburg. Exemplarisch lässt sich der Twitter-Austausch zwischen Kulturministerin Sam Tanson („déi gréng“) und dem Abgeordneten Laurent Mosar (CSV) heranziehen. Tanson hält den Witz für ein No-Go. Mosar spricht von einer Verbotskultur der politischen Korrektheit.

Die Frage dahinter ist nicht neu. Sie taucht regelmäßig auf. Beim Witz des früheren CSV-Präsidenten Marc Spautz über rosa Uniformen der Polizei, beim humoristischen Konzept von Hoppen Théid oder beim täglichen Kalauer der RTL-Déckkäpp. Darf man Witze zulasten von Minderheiten machen?

Die liberale Antwort muss lauten: ja. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, jeder hat das Recht darauf, beleidigt zu werden. Eine Art Welpenschutz ist eine Bevormundung, eine Diskriminierung an sich. Und ein Witz geht stets auf Kosten von jemandem oder einer Gruppe. Der Witz bewegt sich am Rande des Sagbaren – erst die Tabuverletzung verleiht ihm Sprengkraft. Und man kann ja nicht sagen, in Zukunft sind nur noch gute Witze erlaubt und schlechte verboten.

Alles gut also? Ganz so einfach ist es nicht. Denn Witze gegen Minderheiten haben ein Geschmäckle. Wenn eine Präsidentin einer konservativen Volkspartei das dritte Geschlecht zur Zielscheibe hat, dann tritt sie nach unten. Dann bedient sie sich eines Außenseiters, um die Mehrheit hinter sich zu einen. Negative Integration nennt sich das Konzept, bei dem ein Gemeinschaftsgefühl auf Kosten eines schwachen Dritten entsteht.

Vielleicht sollten Konservative sich deshalb an den ursprünglichen Gedanken von Karneval oder Fastnacht erinnern: eine Kulturpraxis, die ins Mittelalter zurückreicht und deren ursprünglicher Zweck die Verhöhnung der Obrigkeit ist. Eine temporäre Umkehr der Herrschaftsordnung, der sozialen Hierarchie: Klerus und Adel werden zu Narren, der Pöbel wird zu Herren. Die Schwachen teilen gegen die Starken aus, die Oberen machen sich zum Narren. Und alle lachen gemeinsam.

Mit der Mehrheit gegen die Minderheit zu lachen, zeugt hingegen nicht nur von schlechtem Geschmack, es ist auch ein Zeichen von Feigheit. Oder anders ausgedrückt: Das kannste schon so machen, aber dann isses halt kacke.

20 Kommentare

  1. Schäbig und billig, diskriminierend obendrein und das von einer Spitzenpolitikerin und möglichen Kanzlerin. Da dürfte man ein wesentlich höheres Niveau verlangen, auch in der Bütt. Wie hätte der unvergessliche Rhetoriker Herbert Wehner, etwas geistreicher, über Frau Kramp-Karrenbauer gelästert? ” Wenn man so einen Namen hat, braucht man keinen Spottnamen!”. Wer austeilt, muss auch einstecken können.

    • Nanu, Herr Wohlfart? Witze über Transgender-Toiletten tabu, aber über Doppelnamen-Trägerinnen erlaubt? Tststs. Passen Sie bloss auf, sonst geht es Ihnen wie dem RTL-Comedian Bernd Stelter, der dieser Tage nach einem solchen Witz nicht nur auf der Bühne attackiert wurde, sondern einen regelrechten Shit-Storm über sich ergehen lassen musste, ironischerweise oft im Wortlaut Ihres Postings (“diskriminierend”, “billig”, “Niveau”, usw. usf.). Die politische Korrektheit frisst ihre Kinder.

      • Ich zitiere wortwörtlich Herbert Wehner, SPD Fraktionsvorsitzender unter Kanzler Willy Brandt. Wehner hat man selten lachen sehen, er war einer von der Sorte, der zum lachen in den Keller ging. Ob seine bescheidene Wohnung allerdings über ein Untergeschoss verfügte, entzieht sich meinen Kenntnissen.

    • Das ist das Problem von Minderheiten . Sie wollen genau so behandelt werden wie die Mehrheit. Macht man das denn so ,sind sie beleidigt und reden von Diskrimination.
      Was sollen Belgier Ostfriesen und Andere sagen wenn Witze auf ihre Kosten erzählt werden ?

  2. Herr Roger Wohlfart: Jeder Witz geht irgendwo immer auf kosten von irgendwem. Zusätzlich ist Fastnacht bei unsern Nachbarn, dann müssten alle Umzüge und Veranstaltungen verboten werden. Übrigens auch bei uns. Also lassen sie mal die Katze im Dorf anstatt hier rum zu kläffen.

  3. Habe ich das jetzt verstanden: Witze von Mehrheit gegen Mehrheit und von Mehrheit gegen die Minderheit sind erlaubt.
    Mit Verlaub dieses PC wird immer unerträglicher!

  4. Man kann nur hoffen, dass die vielen demnächst in Luxemburg neu erbauten Häuser alle über grosszügig angelegte Keller verfügen werden. Da müssen wir bald nämlich alle runter, wenn wir mal lachen müssen.

  5. Ganz passend hierzu – als Vorwarnung zur nächsten Stufe- unserer lieber Nachbar und Vorreiter in Sachen PC: In Hamburg hat jetzt eine Kinderkrippe verboten, dass die Kinder sich zum Fasching als Indianer und Scheichs verkleiden.

  6. @Mephisto. Sie sind auch einer von den “Narren (im wahrsten Sinne des Wortes) die sich (aber nur) im Schutz der Anonymität gerne über andere lustig machen. Aber mit Verlaub: Ihr Gespött über AKK`s Namen geht weit unter die Gürtellinie.Mephisto heißt nicht umsonst im Griechischen “Der Lichtscheue”.in Goethe’s Faust hieß der Teufel so.Definitiv kein Zufall !

  7. Natürlich ist der Witz erlaubt. Frau Kramp-Karrenbauer hat damit aber ihre retrograde Meinung geäußert, die ich gar nicht teile. Sie muss die Meinungsfreiheit auch den Leuten zugestehen, welche die genau entgegengesetzte Meinung haben. Die progressiven Menschen müssen konservative Meinungen akzeptieren und rational darauf reagieren. Es darf aber nicht geschehen, dass wir als Reaktion auf übertriebene “political Correctness” wieder in die konservative Meinungsdiktatur zurückfallen, gegen die wir uns jahrzehntelang gewehrt haben.

  8. Also unterm Strich geht es um Meinungsfreiheit. Das Problem ist die Art und Weise, wie man diese Meinung äussert. Die Freiheit des einen hört dort auf, wo die des anderen beginnt. Die progressiven Menschen sollen die konservativen Meinungen akzeptieren und …. umgekehrt. Mit etwas mehr Toleranz und gegenseitigem Respekt hätten wir wesentlich weniger Probleme in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Konservativ und progressiv ist relativ, nicht alles Konservative ist schlecht und nicht alles Progressive ist gut. Das hängt vom Standpunkt des Einzelnen ab.

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