Und dann waren es schon zwei: Nach Luc Frieden gibt es mit Claude Wiseler jetzt noch einen CSV-Politiker, in dem mindestens das halbe Land schon den nächsten Premierminister gesehen hatte. Doch keiner von beiden kann derzeit zuversichtlich sein, dass sich die großen Erwartungen noch erfüllen werden. Sie werden es überleben. Das Land auch. Ihre Partei hingegen riskiert in die größte Sinnkrise ihrer Geschichte zu fallen.

Die CSV existiert, um zu regieren. Allein dieses Selbstverständnis vermag die Wahlkampfstrategie der Oppositionspartei zu erklären. Nicht die Alternativen zur Dreierkoalition standen im Fokus, sondern, nach einer Legislaturperiode, die ganz natürliche Korrektur eines bedauerlichen Unfalls. Zehn Jahre in der Opposition sind hingegen bei der stärksten politischen Kraft Luxemburgs nicht nur nicht vorgesehen. Sie waren nicht vorstellbar. Und so hat die Parteiführung am Wahlabend, wie bereits 2013, die Kontrolle verloren und kapituliert … um zwei Tage später wieder kämpfen zu wollen, als der Ring schon abgebaut war.

Der zweite Sitzverlust in Folge zeigt auch, wie schwer der Abgang des Übervaters Jean-Claude Juncker wiegt. Erstmals seit 39 Jahren trat die CSV ohne ihn an. Am Ende fehlten nicht nur seine persönlichen Stimmen im Süden. Seine Abwesenheit machte sich auch in den anderen Bezirken bemerkbar.

Es gibt einen weiteren Juncker-Effekt. Wie fast immer bei dominanten Persönlichkeiten fehlt es an Nachwuchs. In der Altersklasse 40 bis 50 Jahre ist die CSV äußerst schwach aufgestellt. Zu den Konsequenzen gehört, dass mit Viviane Reding und Laurent Mosar Politiker an Gewicht gewonnen haben, die eigentlich für die Zeit vor Juncker stehen – und jahrelang gezielt von ihm aus der Regierung gehalten wurden. Erneuerung sieht anders aus.

Es kommen demnach spannende Zeiten auf die CSV zu. Die Realisten in ihren Reihen müssten verstehen, dass die jetzigen 21 Parlamentssitze bei den nächsten Wahlen bei Weitem nicht sicher sind. Die Volksparteien stehen europaweit unter Druck. Der egozentrische Zeitgeist frönt kleinen und Kleinstparteien mit ein, zwei Kernthemen, nicht Sammelbewegungen. Hinzu kommt, dass das politische Personal 2023 kaum noch von früheren Ministerehren zehren können wird.

Darauf, dass die Partei einen besonderen Draht zum Wahlvolk hat, deutet auch wenig hin. Zu offensichtlich haben die Wahlkampfstrategen die Stimmung im Land falsch eingeschätzt. Es wurde eine Kampagne gegen die hyperaktive, amateurhafte, überforsche Dreierkoalition der Jahre 2013 bis 2015 geführt. Im Jahr 2018 hingegen glich die Regierungsarbeit sehr viel stärker der beruhigenden, unaufgeregten und risikofreien Behäbigkeit, die gerade die CSV so lange auszeichnete.

Die CSV-Granden stehen somit vor einer besonderen Herausforderung: den Jungen Platz zu machen. Alphamännchen wie Juncker fressen zwar ihre Kinder, nicht aber ihre Enkel. Das größte Potenzial für die Partei liegt demnach in einem beherzten Generationssprung. Doch genau das – siehe die anderen Parteien – ist die vielleicht größte Herausforderung, die die luxemburgische Politlandschaft zu bieten hat.

6 Kommentare

  1. Lieber Jean Loup

    Danke für den interessanten Beitrag. Viele Kommentatoren dissertieren über den Generationenwechsel.
    Mir scheint das zu kurz gegriffen. Unser potentielles sozio-ökonomisches Resevoir an möglichen Politikern ist äusserst beschränkt (200 000 Wähler). Wie soll diese Erneuerung stattfinden?

  2. Die CSV hatte anscheinend keinen Plan B. Sie muss sich von grundauf neu aufstellen. Diese Partei war im Grunde genommen nie wesentlich stärker. Sie wurde stets überschätzt und für unersetzbar gehalten. Unter dem Einfluss und der Unterstützung der Kirche , die es so nicht mehr gibt, und dem Sprachrohr des Bistumsblattes, das stark nachgelassen hat, schien die CSV unbesiegbar. Die Zeiten haben sich geändert und die Christlichsozialen haben es nicht geschafft, gestärkt aus der Opposition herauszukommen. Jetzt ist ein zerstrittener Haufen, der, wie ein herrenloses Schiff, ziellos auf dem politischen Meer herumtreibt.

  3. Es gab weder einen Plan A noch einen Plan B, sondern nur den Plan “C”, wie “Christentum”. Mit der religiösen Dogmatik einer Religion, die am Ende ist, kann man keine Politik mehr machen, sogar wenn die entsprechende Moral nicht schlecht ist. Die katholische Moral ist überhart, erlaubt keine Kompromisse, und die Verantwortlichen halten sich gar nicht daran. Die Wähler, sogar die praktizierenden Katholiken, kaufen der CSV ihre Doppelmoral und ihren Realitätsverlust nicht mehr ab.

    • Wir sehen was auf der Welt los ist wenn religiöse Sekten Politik machen. Sogar die USA geben einen Dreck auf die Idee ihrer Gründerväter und ihr doofer Präsident schwört gleich auf zwei Bibeln. Die CSV sollte ihren Namen ändern und mit neuen Ideen antreten die ein aufgeklärtes Wählervolk überzeugen. Praktizieren sollte man zuhause,dann kriegt man vielleicht auch Wähler ins Boot die nicht an Geister glauben.

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