Turnup Tun erschien vor der Urteilsverkündung weniger aufgedreht als vielmehr niedergeschlagen. Dem Musiker, im zivilen Leben Tun Tonnar, hatten die Anklage durch die Staatsanwaltschaft sowie das Verhör durch die vorsitzende Richterin offensichtlich zugesetzt. Er schien überzeugt, dass sein Lied „FCK LXB“ („Féck Lëtzebuerg“) ihm eine strafrechtliche Verurteilung einbringen würde. Dabei hatte der junge Rapper eigentlich gute Gründe, die Sache zuversichtlicher anzugehen. Seine Chancen, freigesprochen zu werden, standen nämlich gar nicht so schlecht.

Der Rapsong „FCK LXB“ ist eindeutig ein politisches Werk. Er beschäftigt sich mit (rechten) gesellschaftspolitischen Tendenzen. Sein Inhalt ist demnach unter den Gesichtspunkten der Meinungsfreiheit in einer demokratischen Gesellschaft zu betrachten. Es blieb, dass in dem Lied Menschen persönlich, mit Namen, angegangen werden. Was deren Klage wegen Beleidigung begründet.

Turnup Tun hat viel Unterstützung erhalten. Wobei der Beistand meist von Akteuren kam, die seine politischen Ansichten teilten. Dies war aber genau der Faktor, der vor Gericht keine Rolle zu spielen hatte. Doch genauso falsch wäre es gewesen, die Rechtsfrage allein aus dem Blick des luxemburgischen Strafgesetzbuchs zu betrachten.

Die meisten europäischen Staaten halten sich für lupenreine Demokratien. Dennoch gilt festzuhalten, dass die breite Interpretation unserer Grundfreiheiten, die wir für selbstverständlich halten, vor allem dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) in Straßburg zu verdanken ist. Für Turnup Tun sprach somit von Anfang an ein Urteilsspruch von 1976, der Folgendes klarstellte: Die Meinungsfreiheit erfasst nicht nur Informationen und Ideen, die positiv oder gleichgültig aufgenommen werden, sondern auch solche, die den Staat oder eine Bevölkerungsgruppe kränken, schockieren oder beunruhigen.

Trotz dieses Grundsatzes konnte der Rapper sich nicht auf der sicheren Seite wähnen. „Féck“ ist nicht wirklich eine Information und auch keine besonders subtile Idee. Selbst im Jugendslang gilt das Wort als vulgär. Doch zwei weitere Elemente kamen Turnup Tun zugute. Erstens, die künstlerische Freiheit. Es ist nicht sicher, ob einem Journalisten die gleiche Wortwahl zugestanden worden wäre. Zweitens, und vor allem, an wem der Musiker sich gerieben hatte. Zwei der Kläger sind Politiker (wenn auch erfolglose), der dritte ist wegen Fremdenhasses vorbestraft. Sie sind also Personen des öffentlichen Lebens, die selbst die Meinungsfreiheit beanspruchen und somit – so die ständige Rechtsprechung des EGMR – auch mehr zu ertragen haben als der Durchschnittsbürger.

Dennoch durfte man auf das Urteil gespannt sein. Die hiesigen Richter taten sich schon mal schwerer mit der Anerkennung der Meinungsfreiheit in all ihren Dimensionen. Luxemburg wurde bereits mehrmals in Straßburg verurteilt. In weiteren Fällen brauchte es ein Berufungsgericht, um dieses Menschenrecht zu schützen. Es ist demnach beruhigend, zu sehen, dass die Rechtsprechung sich bereits in erster Instanz weiterentwickelt. Jetzt müsste nur noch die Staatsanwaltschaft, die eine Verurteilung des Musikers verlangt hatte, einen Grundrechtekurs belegen.

24 Kommentare

  1. Falls die Luxemburger Justiz wieder einmal versucht hätte so etwas zu bestrafen so hätte der Gerichtshof in Straßburg Luxemburg wieder einmal verurteilt, und zwar zu Recht, denn es geht um eine Grundfreiheit! auch wenn die Wortwahl vulgär ist, es betrifft eben die künstlerische Freiheit…..

  2. Bedeutet künstlerische Freiheit etwa auch seine Mitmenschen öffentlich zu beleidigen, lächerlich zu machen und zu beschmutzen? Man kann alles auf die Spitze treiben, auch die Demokratie und die künstlerische Unappetitlichkeit. Ja zur Meinungsfreiheit, nein zu vulgären Übergriffen auf die Person anderer. Wo die Freiheit des einen aufhört, beginnt die des anderen Sind wir damit einverstanden? Durch Schläge unter die Gürtellinie diskreditieren sich diese Pseudokünstler von alleine. Wenn es ihnen selber an den Pelz geht, zeigen sie auf einmal Gefühle und sind niedergeschlagen. Nein, so funktioniert’s nicht, wer A sagt, muss auc B sagen und die Konsequenzen seines Handelns tragen. Die Sprache ist auch eine Waffe und mit Worten kann man gewaltig verletzen und vieles zerstören, das dann nicht wiedergutzumachen ist. Diese Waffe ist umso gefährlicher, wenn sie bewusst und gezielt in aller Schärfe eingesetzt wird. Es gibt Witze bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt und das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie geschmacklos sind. Und Kunst sollte nicht geschmacklos sein!

    • Dass die Personen, die im Text angesprochen werden, sich angegriffen fühlen ist verständlich. Nur – bei uns haben solche Bewegungen nun mal keine Namen (z.B. Pegida), sie haben Köpfe. Und wenn man sich gegen diese Bewegungen aussprechen will, geht das nur über die Namen der Hauptakteure.

      Ausserdem: Sie glauben doch wohl nicht, dass diese Hauptakteure nicht auf solche Angriffe gefasst waren? Wer öffentlich solche Meinungen äussert, kann sehr leicht einen Shitstorm auf sich ziehen. Aber auch für sie gilt die Meinungsfreiheit …

  3. Nicht zu vergessen, den pädagogischen Aspekt der Kunst. Wenn “Ficken” und “Scheisse” zu ganz normalen, banalen Bestandteilen unserer Umgangssprache werden und die Kunst diese Entwicklung noch zusätzlich fördert, dann stimmt doch etwas nicht mehr in unserer Erziehungsmethode. Adieu Ästhetik in Kunst und Kultur!

  4. Wenn solche Wörter die einzigen Probleme der Erziehung von heute sind, steht die heutige Erziehung eigentlich ganz gut da. Haben Sie sich das Video angeschaut? Es zeigt eine ganz klare politische Position, die uns eigentlich freuen sollte, auch wenn die Wortwahl nicht die distingierteste ist.

    Und – Kunst ist nicht immer schön.

    • P.S. … “die uns eigentlich freuen sollte”

      Hab kurz noch mal ins Video reingeschaut und da gibt es Aussagen, mit denen man nicht so einverstanden sein kann: FCK Lëtzebuerg, z.B., aber auch das ist freie Meinungsäusserung.

    • Auch wenn sie gegen politische Gegner oder mir poiitisch nicht genehme Persönlichkeiten gerichtet ist, kann ich dieser Wortwahl nicht zustimmen und finde sie einfach schäbig, lamentabel . Kunst kann auch hässlich sein, das hängt immer vom Betrachter ab, von dessem Sinn für Ästhetik und intellektuellem Niveau. Kunst kann auch und sollte die weniger schönen Aspekte unserer Gesellschaft hervorheben und sogar verzerrend darstellen. Kunst darf aber niemals verletzend und böswillig sein. Die Klassiker in der Kunstgeschichte bestechen durch ihren Stil, durch ihren Feinsinn und Tiefgründigkeit. Die heutigen selbsternannten Pseudokünstler sind nicht einmal Mittelmass und werden bald in der Versenkung verschwinden.

    • Wenn solche “Wörter ” zum Normalgebrauch in unserer Ausdrucksweise und dem täglich verbalen Unmgang miteinander werden, finde ich das, als guterzogener Mensch, schon bedenklich. Aber es steht jedem frei sich so unhöflich und primitiv auszudrücken wie er möchte.

      • @ de Schéifermisch

        Ach, hier im Minett sind solche Wörter doch seit Ewigkeiten normal. Ich hab sie schon in den1970er Jahren in der Schule gehört, denn bei uns zuhause gab’s das nicht (und gibt’s auch heute noch nicht). Gut, damals waren sie auf Luxemburgisch, Französisch und nicht zu vergessen Italienisch und Portugiesisch. Englisch wurde erst später eingeführt.

  5. Mamomam. Wat sech hei awer iwert e Wuert opgereecht gett. Mir schwätzen hei vun HipHop/Rap. Do gett säit jo Joerzengten “gefe…t” am engleschsproechegem, franseischen an däitschem Raum. A mir echauffeieren eis 2019 dodriwer, Wat se mir Hintlerwäldler. NTM eng vun deenen greissten franseischen Rap-Formatiounen huet et souguer an hierem Numm stoen. Därfen di dann iwwerhapt am Atelier lo optrieden – well di f… jo emmerhin eis Mammen.

    • Muss ierch Recht ginn. Daat ganzt erennert mech un d’Ufänck vum Eminem.
      Demols ass sech och iwert ‘verschidde’ Wieder opgereecht ginn, awer keen hued den Text iwerhaat gelauschtert.
      Wann awer haut eng Popdiva am Text 100x Bitches sengt, ass ett ok. Wann se ‘H….’ giff soen, Skandal.
      Oder Lily Alen, Fuck You. Daat ass ‘Salonfähech’ ? Naja, desst versteet vleicht nett all Hintlerwäldler!

      • Ët gi vill méi sougenannt Hinterwäldler mat héichem Niveau wéi Dir mengt. Well fir déi Texter an déi Sprooch ze verstoen, geet drëtt Schouljoer vollkommen duer, wann iwwerhaapt!

        • @ De Schmatt
          An Dir mengt Dofir geet e 3.Schouljor duer ???
          “A l’aube de l’an 2000, pour les jeunes c’est plus le même deal
          Pour celui qui traîne, comme pour celui qui file
          Tout droit, de tout façon y a plus de boulot
          La boucle est bouclée, le système a la tête sous l’eau
          Et les jeunes sont saoulés, salis sous le silence
          Seule issue la rue même quand elle est en sang
          C’est pas un souci pour ceux qui s’y sont préparés
          Si ça se peut, certains d’entre eux même s’en sortiront mieux
          Mais pour les autres, c’est clair, ça sera pas facile
          Faut pas se voiler la face, il suffit pas de vendre des “kil”
          Faut tenir le terrain pour le lendemain, s’assurer que les siens aillent bien
          Éviter les coups de surin
          Afin de garder son bien intact
          Son équipe compacte, soudée, écoute de scanner pour garder le contact
          Ou décider de bouger, éviter les zones rouges, et
          Surtout jamais prendre de congés
          C’est ça que tu veux pour ton fils ? C’est comme ça que tu veux qu’il grandisse ?”

            • An areecht dofir en aneren Public.
              NTM huet jo och net de selwegten Usproch wei d’Internationale. Mais soit – mir 2 gien eis hei net mei eens. mbg

              • @ Architecte . A genee dorop kënt ët un, mir 2 si verschiddener Meenung iwwert e Sujet a ginn trotzdeem respektvoll mateneen ëm. B.G.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here