Was müssen sie sich nicht alles gefallen lassen: Sind die streikenden Klima-Kids denn jetzt eher Gurken oder Melonen? Außen und innen grün oder außen grün und innen rot? Können sie mit der 68er-Bewegung mithalten oder sind sie bloß entpolitisierte Mülltrenner? Der Blick auf die Debatte rund um die fürs Klima streikenden Jugendlichen zeigt: Wer die „Alten“ derart ins Grübeln bringt, hat bereits den Kampf um die Themensetzung gewonnen. Viel schwieriger ist hingegen die Vermittlung des Problems.

Emanzipatorische Prozesse leben von sprachlicher Abgrenzung. Gerade die Frage, ob die streikenden Jugendlichen Grüne, rote Revoluzzer oder apolitische Wassersparer sind, verdeutlicht die Ratlosigkeit der älteren Semester. Die Kernbotschaft der Protestierenden wird zum Teil überhört oder missverstanden. Den Jungen geht es nicht um die ewig gleichen ideologischen Grabenkämpfe, sondern um direkte Veränderungen. Dies zu vermitteln, bleibt ihre größte Herausforderung. Die in über 100 Ländern protestierenden Schüler sind zwar wütende Pragmatiker voller Hoffnung. Und ihre Plakate zeugen davon, dass sie das Hauptproblem erkannt haben: System- statt Klimawandel. Allerdings begeht die protestierende Jugend einen kapitalen Fehler, wenn sie weiterhin von „Wandel“ spricht. Klima- und Systemkrise bringen die Problematik eher auf den Punkt als der weiche Begriff „Wandel“.

Wandlungsprozesse stehen für mittel- bis langfristige, lineare Prozesse. Eine Krise stellt hingegen den Höhe- und Wendepunkt einer gefährlichen Entwicklung dar – und genau um diese geht es der Generation Klima. Wird also weiterhin an den Begriffen Klima- und Systemwandel festgehalten, klammert die Jugend den politischen Kern des Problems aus. Denn die „Rettung“ der Umwelt kann nicht über den bisherigen schmerzfreien, langatmigen Wohlfühldiskurs gelingen. Es braucht vielmehr eine Bewegung, die ökologische, soziale und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt und miteinander in Verbindung setzt. Das haben die Schüler der „Fridays for Future“ verstanden. Sie verschreiben sich deshalb keiner Partei – ihre Forderungen sind dennoch zutiefst politisch.

Kommt es nicht zu dieser Vernetzung, entstehen Phänomene wie die „gilets jaunes“ in Frankreich. Wenn soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten stark ausgeprägt sind, können stumpfe klimapolitische Maßnahmen die Akzeptanz für eine nachhaltigere Welt senken, statt sie zu fördern. Das Resultat sind Widerstände, die eine mehrdimensionale Politik verhindern. Gerade deswegen bleibt zu hoffen, dass die jungen Pragmatiker jenseits von allen parteipolitischen Phrasen ökologische und verteilungspolitische Aspekte gemeinsam berücksichtigen. Sollte dies nicht der Fall sein, mag zwar das System ins Wanken geraten – ob dadurch aber eine nachhaltigere Neugestaltung unserer Gesellschaftsmodelle gelingt, ist zweifelhaft.

 

112 Länder, 1.769 Orte, ein Ziel: Wieso auch Schüler in Luxemburg für die Kehrtwende im Klimaschutz protestieren

2 Kommentare

    • Nicht nur die! Die haben wenigstens den Versuch unternommen etwas zu verändern, auch wenn es ihnen nicht ganz gelungen ist oder nur zum Teil. Der Begriff Müsli ist anscheinend hängengeblieben und Müsli steht zumindest für eine gesundheitsbewusste Ernährung.

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