Die Ankündigung der Regierung, den öffentlichen Transport gratis zu machen, brachte Luxemburg Ende 2018 weltweit in die Schlagzeilen. Große Zeitungen wie Guardian, Spiegel oder Tagesanzeiger berichteten über das erste Land der Welt, in dem Bus- und Bahnfahrten ab dem 1. März 2020 kostenlos sein werden. Sogar der amerikanische Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders beglückwünschte Luxemburg zu diesem wichtigen Schritt, den er als Maßnahme zur Reduzierung der CO2-Bilanz ansah.

Doch Sanders hatte sich geirrt. Die Einführung des gratis öffentlichen Transportes sollte vor allem das Image des reichen Großherzogtums in der Welt aufbessern, wie Premierminister Xavier Bettel etwas zynisch verkündete. Die Rechnung ging auf. In den ausländischen Medien war Luxemburg für einmal kein raffgieriges Steuerparadies, sondern ein großzügiges Land, das sein Verkehrsproblem in den Griff kriegen will.

Transportminister François Bausch war dem kostenfreien öffentlichen Personennahverkehr gegenüber von Beginn an skeptisch eingestellt und sprach von einer sozialen Maßnahme. Damit mehr Menschen Bus und Bahn fahren, müsse laut Bausch vor allem das Angebot verbessert werden. Die nationale Eisenbahngesellschaft CFL und der Staat investieren deshalb in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Euro in den Ausbau des Schienennetzes und in neue Maschinen. Denn damit der öffentliche Transport für die Menschen attraktiv wird, muss er nicht nur kostenlos, sondern flächendeckend und vor allem zuverlässig sein.

Zwar hat die CFL kürzlich ausgerechnet, dass die Pünktlichkeitsquote 2018 bei 89 Prozent gelegen habe und nur 3,1 Prozent der Züge ausgefallen seien, doch diese Zahlen decken sich nur bedingt mit den Erfahrungen, die viele CFLKunden im Alltag machen. Erst vergangene Woche fielen zahlreiche Züge aus, weil die Maschinen bei den hohen Temperaturen offenbar kaputtgingen. Dabei hatten die Radiosender wegen der hohen Ozonwerte den ganzen Vormittag dazu geraten, das Auto stehen zu lassen und auf den öffentlichen Transport umzusteigen. Ausfälle und Verspätungen, die sich beileibe nicht auf Hitzetage beschränken, sind die denkbar schlechteste Werbung für den öffentlichen Transport.

Ob diese unangenehmen Vorfälle mit dem Ausbau der Infrastruktur und den neuen Maschinen ausbleiben oder sich zumindest verringern werden, ist zu bezweifeln. Die Bevölkerung Luxemburgs wächst jedes Jahr um 10.000 bis 15.000 Menschen. Zählte das Großherzogtum 2010 noch 502.000 Einwohner, sind es mittlerweile 614.000. Hinzu kommen rund 200.000 Grenzpendler. Die Straßen und Züge sind gnadenlos überlastet.

Die Ansprüche an das Verkehrsnetz steigen bedeutend schneller, als der Staat bauen kann. Eine ernsthafte Wachstumsdiskussion hat in Luxemburg aber bislang nicht stattgefunden. Obwohl sich alle Regierungsparteien im Wahlkampf für ein nachhaltiges oder qualitatives Wachstum ausgesprochen hatten. Dabei wäre diese Diskussion die einzige Lösung für das Verkehrsproblem.

26 Kommentare

  1. Einmal gratis, immer gratis! Eine Milchmädchenrechnung, die im Endeffekt nicht aufgehen kann. Wer kommt z.B. allein nur für den Unterhalt auf? Natürlich der Steuerzahler. Und, was nichts kostet, wird auch nicht honoriert und geschätzt. Das Verkehrsproblem bekommen wir, mit der steigenden Einwohnerzahl, so bald nicht in den Griff wenn überhaupt! Vom Mond aus betrachtet, ist es kein Problem! Und auch die Tram ist nur ein Tropfen Wasser auf den heissen Stein.

  2. 400 Leute im Ticketverkauf und Kontrolle, mit den Millionen die die Automaten kosten kommt nicht mal genug Geld rein um _diese_ zu bezahlen, vom Fahrbetrieb mal gar nicht zu reden.

    Der Gratistransport spart Geld.

    • Hallo, da irren Sie sich aber gewaltig. Wer bezahlt denn jetzt für den Unterhalt des Materials ? Sie und ich ? Nicht unbedingt. Früher oder später wird sich die Frage der Rationalisierung stellen und dann werden Bus- und Bahnlinien die wenig benutzt werden ganz einfach abgeschafft. In einigen Jahren werden dann nicht mehr sondern unterm Strich weniger Leute den öffentlichen Transport benutzen. Wahrlich eine Riesendummheit dieser Regierung genauso wie die Nominierungen der Direktorposten in den grossen öffentlichen Banken (LOL)

      • “Hallo, da irren Sie sich aber gewaltig. Wer bezahlt denn jetzt für den Unterhalt des Materials ? Sie und ich ? Nicht unbedingt. ”

        Doch, auch wenn es Sie enttäuscht.

        • Hallo, meine Sorge ist natürlich, dass man ab einem Moment probiert Kosten zu sparen anstatt die Steuern zu erhöhen und dann werden Linien abgeschafft. So hat man sich am Schluss selbst betrogen !

  3. In den Spitzenstunden wird am Anfang wohl etwas Chaos entstehen weil nicht genügend Transportkapazität da sein wird. Vielleicht wäre es günstiger den Start des Gratis-Transport in die Sommerferien zu verlegen wenn weniger Leute unterwegs sind, zum trainieren.

  4. Der öfentliche Transport wurde noch immer vom Staat finanziert.Darum heisst er ja “öffentlicher Transport”.
    Die Peanuts die vom Ticketverkauf in die Kasse kommen können wir vergessen. Wissen sie wieviel eine E-Lok kostet? Dafür müssten sie ein Jahr lang Tickets erster Klasse verkaufen. Also bitte,wer hier was bezahlt bleibt marginal. Hauptsache wir haben weniger Autos auf der Straße.

    • Es ist auch eine Frage des gesunden Menschenverstands. Die Luxemburger sind ein autobesessenes Volk, so schnell werden sie nicht auf ihr Auto verzichten. Glauben Sie mir, wir schiessen uns ins eigene Knie. Mit dem Ticketverkauf werden auch die Personalkosten der CFL gedeckt, es sind ganz bestimmt keine “Peanuts”! In 3 Jahren sprechen wir noch mal darüber, dann können Sie mir eine Kiste Bier spendieren wenn Sie sehen werden dass ich recht hatte.

  5. Es ist leider zu befürchten das der Ausbau des Verkehrsnetzes und die zusätzlichen “Maschinen” das Problem nicht lösen sondern sogar noch verschärfen werden. Denn die CFL haben schon heute zwei zentrale Probleme: 1. Es fehlt seit Jahren an Lokführern. 2. Die zentralen Leitstellen müssten dringend reorganisiert und die Betriebsabläufe überdacht werden. Es ist nicht normal, dass Züge am Bahnhof Luxemburg 15 bis 20 Minuten an einem Bahnsteig warten um dann am Ende mit Verspätung abfahren. Bahnhöfe sind nicht zum Vorhalten von Zügen da sondern zum Durchfahren von Zügen, mit zwei oder drei Minuten Halt zum Aus- , Ein – und Umsteigen. In anderen großen Bahnhöfen schafft man es so, ein Vielfaches an Zügen pro Stunde an einem Bahnsteig abzufertigen. In Luxemburg baut man lieber für teures Geld vier neue Bahnsteige.

  6. “Mit dem Ticketverkauf werden auch die Personalkosten der CFL gedeckt,”

    Wie süß, wenn Sie das tatsächlich glauben. Es genügt nicht mal für die Ticketverkäufer allein.

    • Auch die Käufe an den Automaten, die ja keinen Lohn bekommen, genügen nicht mal um den Automaten zu bezahlen.
      Am besten wäre es Handy-Tickets zu benutzen für die erste Klasse, wie die Stadt Luxemburg es seit einer Dekade macht mit den 2 Stunden-Tickets.

      4 Fünftel der 1. Klasse-Reisenden sind Eisenbahner die gratis reisen, die brauchen überhaupt keinen, keinen Automaten und keinen Schalter.

      Das sind auch diejenigen die durchgesetzt haben, dass die 1, Klasse bleibt, man will ja schließlich nicht mit Kreti und Pleti zusammen sitzen.

      Wenn mal kein Platz frei ist in der 1., einfach einen Eisenbahner rausschmeißen, die müssen Platz machen für zahlende Kunden.
      Am nächsten Tag wird die erste Klasse dann wie durch ein Wunder, viel größer sein, werden Sie sehen, so war es auf der Südstrecke auch.

  7. Öffentlicher Transport macht nur Sinn, wenn er effektiv eingesetzt wird. Beispiel: Stehe manchmal, nachmittags an der Bahnschranke in Dippach. Kommt ein nichtendender Zug herein, Fahrgäste etwa 12, restlichen 300 Plätze frei. Beispiel: Fahren Sie mal mit öffentlichem Transport von Nospelt nach Rodingen zur Arbeit, mindestens 2 Stunden Fahrt, bis zu 3-mal umsteigen, manchmal alleine im Bus. Noch einpaar Beispiele?

  8. Und jetzt ein Vorschlag und ich hoffe viele werden das lesen, vor allem Politiker. Anstatt nächstes Jahr den gratis Transport einzuführen, ein gratis Jahresabo für jeden Einwohner Luxemburgs, wirklich jeden und warum auch nicht für Grenzgänger, für das Jahr 2020 und danach verlängerbar. Das ist das gescheiteste denn damit ermutigen Sie mehr Leute ein Jahresabo zu kaufen und es kommt Geld in der Kasse. Das Jahresabo sollte auch gültig sein für Transporte über die Grenze.

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