Das Sex-sells-Konzept ist alles andere als neu. Dementsprechend findet es auch im ach so frommen Luxemburg alltäglich seinen Niederschlag. Quasi jeder hört oder schaut hin. Fast niemand beschwert sich. Aber eben nur fast. Wehe, es steht „Fuck me, not the planet“ auf einem Schild bei einem Klima-Streik. Dann kann’s schon mal reichlich krachen. Der aktuelle virtuelle Shitstorm, der sich gegen die Schildträgerinnen richtet, lässt tief blicken.

In der Regel wird vor allem Kindern und Frauen im Fall einer Belästigung geraten, „Feuer“ statt „Hilfe“ zu rufen. Laut der Erfahrungen vieler Rettungskräfte, Polizisten und Psychotherapeuten erregt Ersteres mehr Aufmerksamkeit als ein Hilferuf. Man muss nicht allzu weit graben, um hieraus mangelnde Solidarität und eine gewisse Sensationslust herauszulesen. Dieses tragischen Befunds bedienen sich zahlreiche Werbeagenturen und PR-Experten. Nur wird das Feuer durch sexualisierte Inhalte ersetzt. Ist ein Getränk nicht aufregend genug, fügt man – ohne dass irgendein logischer Zusammenhang besteht – einen prallen Frauenhintern hinzu, und schon ist einem die Aufmerksamkeit gesichert.

Beim Klima-Streik in der vergangenen Woche, an dem unter anderem Tausende luxemburgische Jugendliche teilnahmen, verwies man frei nach der jungen schwedischen Klima-Aktivistin Greta Thunberg darauf, dass das Haus brennt, also dringender Handlungsbedarf in der Klimapolitik besteht. Um dies zu betonen, erlaubten sich Einzelne eine gesunde Prise Selbstbewusstsein sowie Selbstironie und wagten es, das F-Wort zu nutzen. Und zwar nicht, um auf ein kommerzielles Produkt, sondern auf ein existenzbedrohliches Problem aufmerksam zu machen. Dass ein derartiger Griff nun für Empörung, Moralpredigten, ja sogar persönliche Angriffe gegen junge engagierte Menschen sorgt, während Kommerz-Giganten quasi eine Narrenfreiheit eingeräumt und der Missbrauch von Körpern zum Verhökern ihrer Ware gestattet wird, ist schlichtweg verlogen und auf gesellschaftlicher Ebene extrem besorgniserregend. Der Konflikt zeugt von jeder Menge Selbstgerechtigkeit, Kommunikationsproblemen sowie einer mittelalterlichen Sexualmoral.

Letzterem lässt sich übrigens vorbeugen, wenn man sich Folgendem bewusst wird: Es gibt Menschen, die haben Sex im Dunkeln. Und zwar nicht (nur), um Strom zu sparen. Auch existieren andere Gangarten, bei denen eine gewisse Härte (die stets mit dem Gegenüber abgesprochen sein sollte) mehr Lust bedeuten kann. Entscheiden zwei Sexualpartner, sich gegenseitig FB-Kommentare oder Laurent-Mosar-Tweets vorzulesen oder sich mit aktueller Klimapolitik zu beschäftigen, um das Schmerz-Level zu erhöhen, so hat das ebenso seine Berechtigung wie das Verhalten der Blümchen-Sex-, ja sogar der Anti-Kopulations-Fraktion. Im Idealfall sollte sie trotz unterschiedlicher Präferenzen eine gesunde Kommunikation verbinden. Also die Fähigkeit, über Wünsche und Grenzen beim Sex diskutieren zu können. Ein „Zieh bitte deine Tennissocken aus“ ist ebenso legitim wie ein straightes „Fick mich“.

Es steht niemandem zu, das verkehrstechnische Verhalten anderer (außerhalb der nationalen Straßen) zu kommentieren. Wenn man das verstanden hat, deutet man vielleicht auch so manches Protestschild anders.

3 Kommentare

  1. Scheisse und Fuck gehören mittlerweile zum normalen Sprachgebrauch. Man braucht sich bloss die zeitnahen Filme im deutschen Fernsehen anzuschauen. Der inflationäre Gebrauch dieser vulgären Ausdrücke zeugt nicht eben von Niveau und Benimm. Es geht auch anders. Aber beides ist in der heutigen Zeit nicht mehr gefragt. Und das hat nichts mit dem verkehrstechnischen Verhalten anderer zu tun, das niemanden etwas angeht oder interessiert. Wem die Wortwahl fehlt, greift auf Fuck zurück. Die Fäkaliensprache scheint mittlerweile salonfähig geworden zu sein. In Sachen Niveaulosigkeit sind wir noch lange nicht ganz unten angekommen. Und dieses Ziel wollen wir doch unbedingt erreichen, Shitstorm hin, Shitstorm her.

    • Genau so.
      Die fortgeschrittene Verrohung der Gesellschaft trägt endlich ihre Früchte. Kinder und Jugendliche hören zu und setzen das “gelernte” um. Es sei denn sie haben ein höheres Bildungs- und Erziehungsniveau und klassieren dieses Jargon unter “mittelmässig”. Da ist das “merde alors” unseres Außen ja noch milde Sorte. Ob jugendliche Demonstranten mit “Fuck” oder “Scheiße” in eine Gesprächsrunde kommen ist fraglich. Vielleicht bei RTL

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