In Großbritannien wird derzeit zur Abwechslung mal wieder über den Brexit debattiert. Am kommenden Dienstag soll die entscheidende Abstimmung über den von Theresa May mit der EU ausgehandelten Austrittsvertrag im Parlament stattfinden. Der Ausgang der Abstimmung ist noch völlig offen. Der Ausstieg Großbritanniens aus der EU ist für den 29. März geplant. Der lang gehegte Traum vieler lautstarker Briten soll dann Wirklichkeit werden.

Im Rest von Europa hat man sich mittlerweile mit der Idee eines Austritts Großbritanniens abgefunden, auch wenn die Entscheidung anfangs von allen Seiten bedauert wurde. Immerhin zählte das Vereinigte Königreich in den vielen Jahren seiner Zugehörigkeit zum Klub nicht gerade zu den proaktiven Mitgliedern.

In Großbritannien jedoch erhält dieser Traum mehr und mehr Risse. Immer mehr Menschen verstehen, dass ein nationaler Alleingang nicht im Interesse der Bürger ist. Sie verstehen, dass die Versprechen der Brexiteers vor allem warme Luft waren und dass ein Austritt die Chancen und Möglichkeiten der Bürger (etwa beim Studieren) verkleinern wird. Heute ist hingegen klar, dass auch in Großbritannien eigentlich nur eine kleine Minderheit der Leute für einen harten Brexit ist. Diese hatten jedoch jahrelang laut geschrien – während die EU-Befürworter geschwiegen hatten.

Doch der drohende Austritt aus der Gemeinschaft hat alles verändert. Heute sieht man in dem offiziell euroskeptischen Land so viele EU-Flaggen wie noch nie zuvor. Heute hat Großbritannien zudem so viele EU-Befürworter – auch lautstarke – wie noch nie zuvor. Tendenz steigend. Jüngste Umfragen (Eurobarometer) zeigen, dass beispielsweise satte 74 Prozent der Briten einen freien Personenverkehr innerhalb Europas befürworten. Zudem gaben 58 Prozent der befragten Briten an, sie würden sich als Bürger der Europäischen Union fühlen.

Die ursprüngliche Angst, der Brexit könne weitere Länder zu einem Austritt motivieren, ist hinfällig. Großbritanniens Politiker zeigen mit aller Deutlichkeit, dass nicht die EU das Problem ist – sondern sie selbst. Populisten in anderen Ländern haben es verstanden. Lautstarke Forderungen nach Austritten sind seltener geworden. Zur Erinnerung: Auch in Griechenland wurde vor einigen Jahren mit Austrittsgedanken gespielt – schließlich wurde klar, dass die Kosten viel höher als die Gewinne sein würden.

Brexit zeigt nun, dass die EU wirklich unabdingbar ist – im Interesse der Bürger. Auch wenn es abgedroschen klingt, so ist es doch wahr: Die EU hat während Jahrzehnten für Frieden und wachsenden Wohlstand in Europa gesorgt. Hinzu kommt, dass ein Bild von Brüssel als Bösewicht nichts taugt, wenn die EU ihren Mitgliedern die freie Wahl darüber lässt, ob sie Mitglieder bleiben wollen oder nicht.

Die britischen Politiker haben nun ein Problem. Was auch immer sie entscheiden … es wird weniger gut sein, als es vorher war und es wird ein gespaltenes Land hinterlassen. Doch für die Parteien, die fast alle euroskeptisch waren und während vieler Jahre mit EU-Kritik auf der Suche nach Wählerstimmen waren, ist der Umschwung schwierig.
Wahrscheinlich wird langfristig kein Weg an einem neuen Referendum über eine erneute EU-Mitgliedschaft vorbeiführen. Die neue Generation der EU-Befürworter, die vom Brexit geschaffen wurde, kann das Land dann wieder in die europäische Gemeinschaft zurückführen. Vorausgesetzt, dass das Land den Brexit wirklich umsetzen wird.

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