Die Eloquenz bleibt einfach nur bewundernswert. Die Eliteschulen in Eton und „Oxbridge“ scheinen immer noch durch, selbst wenn die Debatten im britischen Unterhaus nur noch Millimeter vor dem politischen Abgrund geführt werden. Gesteigert wird das Ganze durch die gedrängte Atmosphäre im Westminster-Palast, mit eng platzierten Abgeordneten, die sich um die ungenügenden Sitzplätze streiten müssen. Selbst Mehrheit und Opposition trennen nur wenige Meter.

Doch allerspätestens am vergangenen Dienstag beim Brexit-Votum wurde klar, dass dieses jahrhundertealte Dekorum nicht mehr darüber hinwegtäuschen kann, wie sehr sich die britische Elite verrannt hat. Da lobt man sich doch die rhetorisch vielleicht nicht immer begabtesten und meist weder in Oxford noch Cambridge ausgebildeten Luxemburger Politiker. Wenigstens haben sie bisher immer verstanden, dass man vor dem Handeln doch noch einmal über die Konsequenzen nachdenken sollte.

Es ist ja nicht so, als ob man in Luxemburg nicht auch schon mal aus reinem Stolz (vermischt mit viel egoistischem Eigeninteresse) der Welt zeigen wollte, wie störrisch so ein Großherzogtum sein kann. Bei der De-facto-Abschaffung des Bankgeheimnisses hörte man so des Öfteren Stimmen, die der EU, der G20-Gruppe und den USA – der OSZE sowieso – einfach Nein sagen wollten. Aber der Realitätssinn stellte sich schnell wieder ein.

Ein Reflex, der bei den Absolventen einiger der ältesten und besten Universitäten der Welt, die in Großbritannien regieren, offensichtlich unterentwickelt ist. Hemmungslos hat man die Konsequenzen eines EU-Austritts verharmlost und verdrängt – meist hat man einfach gelogen. Jetzt weiß man jedoch nicht mehr, wie man die Versprechen von gestern, die blanke Angst vor den Folgen eines harten EU-Austritts und das nackte politische Überleben unter einen Hut bekommen soll. Womit heute niemand mehr garantieren kann, dass es auch Ende März noch frisches Gemüse in britischen Supermärkten geben wird.

In Luxemburg haben sich politische Konkurrenten, wenn es ernst wurde, noch immer zusammengerauft. Das mag man als „Mainstream“ verdammen. Aber immerhin steht das Land noch.

Der Scherbenhaufen in London erklärt sich hingegen in erster Linie durch die innere Zerrissenheit der konservativen Partei. Ein harter, aber letztlich kleiner Kern von EU-Gegnern, unterstützt von einer Handvoll milliardenschwerer Verleger der auflagenstärksten Zeitungen, hat es so fertiggebracht, ein Referendum über ein Thema anzustiften, das wirklich nicht zu den Hauptsorgen der Briten gehörte. Vor der Wahl, seine Partei oder das Land in Stücke gerissen zu sehen, hat sich der damalige Premier David Cameron für Letzteres entschieden. Seine Nachfolgerin Theresa May tut es ihm, bisher jedenfalls, gleich. Da Labour den Tories in der Orientierungslosigkeit kaum nachsteht, würde sie bei Neuwahlen wohl trotzdem den Kürzeren ziehen.

Es ist demnach zum Heulen. Aber vielleicht haben die britischen Abgeordneten ja in den kommenden Tagen doch noch ein Luxemburger Moment und überlegen sich nicht, was das Beste für ihre Partei, sondern für ihr Land ist.

1 Kommentar

  1. Die Engländer sind einfach eine Spezies für sich. Auf der anderen Seite vom Ärmelkanal tickt man anders. Ein Trauerspiel oder zu Shakespeare’s Zeiten eine bühnenreife Tragikomödie erster Güte.

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