Vor 100 Jahren, am 9. Januar 1919, wurde in Luxemburg die Republik ausgerufen. Zwei Tage lang war der linksliberale Politiker Emile Servais ihr Präsident, auch wenn seine Vereidigung ausgerechnet vom französischen Militär vereitelt wurde. Die revolutionäre, republikanische Bewegung am Ende des Ersten Weltkrieges, an der liberale und sozialistische Politiker sowie namhafte Gewerkschafter beteiligt waren, hat sich bislang nicht im kollektiven Gedächtnis der Luxemburger verankert. Einer der Gründe dafür ist in der teleologischen Geschichtsschreibung nach dem Ersten Weltkrieg zu suchen. Historiker wie Arthur Herchen verbreiteten in den 1920er-Jahren das Märchen, Großherzogin Maria-Adelheid habe während des Krieges nicht mit Deutschland sympathisiert. Stattdessen habe sie im Interesse der Autonomie des Landes sich selbst geopfert. Diesen Mythos, die Monarchie sei ein Garant für die Unabhängigkeit und Stabilität Luxemburgs gewesen, haben andere Historiker wie Christian Calmes im Laufe des 20. Jahrhunderts weitergesponnen. Selbst heute wird an manchen Stellen noch von der „angebliche(n) Nähe (Maria-Adelheids) zur deutschen Besatzungsmacht“ gesprochen. Dabei berichtete der Historiker Henri Wehenkel noch kürzlich in einem Beitrag im Lëtzebuerger Land über die engen Verbindungen von Maria-Adelheid zum Deutschen Reich und von mindestens drei Besuchen des Kaisers Wilhelm II. bei der jungen Großherzogin zu Beginn des Ersten Weltkrieges. Bestätigt werden diese Besuche auch von Gast Mannes in seinem Buch „Der Abschied des Hofbibliothekars“.

Die Glorifizierung der Monarchie geht im Mythos einher mit einer Diskreditierung der republikanischen Bewegung, deren Mitglieder als „Meuterer“ und Spalter der Nation dargestellt werden. Ihr Ziel sei der Anschluss Luxemburgs an Belgien oder Frankreich gewesen. Widerlegt hat diese Behauptung u.a. Jacques Maas, der kürzlich in einem Tageblatt-Beitrag den „patriotisch-antidynastisch-antideutsch“ ausgerichteten Charakter der republikanischen Bewegung betonte.

Das Scheitern dieser Bewegung führen Historiker wie Maas und Denis Scuto nicht – wie im konservativen Mythos gerne behauptet wird – auf die Treue des Luxemburger Volkes zur Monarchie, sondern auf „geschicktes Taktieren“ von führenden Politikern der Rechtspartei und einigen sozialdemokratischen Verbündeten zurück.

Im Mythos wird der Grundstein für die Popularität von Großherzogin Charlotte im Resultat des Referendums vom 28. September 1919 gelegt. 78 Prozent der Luxemburger sprachen sich damals für Charlotte aus. Eine „überwältigende“ Mehrheit. Verschwiegen wird aber oft, dass die Sozialisten und einige Liberale zum Boykott des Referendums aufgerufen hatten. Letztendlich entschied sich nur etwas mehr als die Hälfte (66.000) der 125.000 Stimmberechtigten für den Fortbestand der Monarchie. 17.000 waren für die Republik, 35.000 enthielten sich, eine Wahlpflicht gab es nicht.

Und selbst die den konservativen Mythos weiter befeuernde Entscheidung von Großherzogin Charlotte, nach der Besetzung 1940 ins Exil zu gehen, anstatt sich den Nationalsozialisten zu unterwerfen, erscheint bei genauerer Betrachtung eher als eine Selbstverständlichkeit denn als ein großes Verdienst.

Fakt ist aber, dass der konservative Mythos die jahrzehntelange politische Herrschaft von Monarchie, katholischer Kirche und Rechtspartei/CSV legitimiert hat. Ihre gemeinsame Macht hatte sich im Laufe der Jahre dermaßen verfestigt, dass selbst die anderen Parteien sich dem Mythos unterworfen haben. Die CSV ist heute immer noch stärkste Partei, doch ihre Macht bröckelt. Bislang spricht sich nur „déi Lénk“ (wenn auch nicht besonders laut) für die Republik aus. Vielleicht sollten sich auch andere Parteien die Frage stellen, ob Luxemburg tatsächlich noch eine undemokratische Institution braucht. Während der Staatskrise von 2008 haben sie die Chance verpasst. Mit der geplanten Verfassungsreform eröffnet sich nun eine weitere Möglichkeit.

8 Kommentare

  1. 1919 war Luxemburg ein Bauernstaat unter der Fuchtel der katholischen Kirche und der Leitung der Rechtspartei, einer konservativen Oberschicht. Dass am 9. Januar vor nunmehr 100 Jahren, unser Land für 2 Tage eine Demokratie war, wird in keinem Geschichtsbuch erwähnt. Im Grunde genommen entschied sich eine knappe Mehrheit von 52,8% für die Monarchie. Die 35.000, die sich der Stimme enthielten, waren die Zünglein an der Waage. Typisch für die damalige Mentalität des Durchschnittsluxemburgers: keine Meinung, weil nicht oder schlecht informiert oder aus Mangel an Zivilcourage. Und dieser konservative Mythos reicht bis in die heutige Zeit.

  2. Grundsätzlich kann man sagen, dass unsere französischen Freunde unserer 2 Tag Republik eben den Garaus gemacht haben. Was die Monarchie angeht, so war sie eben deutsch freundlich klar denn die Nassauer kommen ja von dort…… Also, es gab ja auch schon rezent eine Petition für die Republik in Luxemburg, aber nur wenige Leute haben Interesse gezeigt, so wird halt die undemokratische Monarchie mit ihrem Fürstenbeirat ( Consiel d’Etat genannt) weiter über unser Land herrschen können, weil den Leuten denen das auch ziemlich egal ist, , nur dass der Spaß eben zusätzlich sehr teuer ist!

  3. Vive la République!

    Bommeleeër – ein Skandal, der allein schon den Beweis für die Durchsetzung klerikal-konservativer Interessen des Rechts-Staates (nicht zu verwechseln mit Rechtstaat!) darstellt, um genau das zu verhindern, was 1919 fast gelungen wäre….

    Man überlege den inhalt dieser Aussage sehr genau und setze diese in den richtigen Kontext…denn: wohin führte die Spur?

  4. Was verschwiegen wird ist die Angst vieler in Westeuropa und auch in Luxemburg vor einer kommunistischer / sozialistischer Revolution wie in Russland, die, wie die französische Revolution, sich in eine Gewaltherrschaft verwandelte zum Zeitpunkt des Referendums. Keiner wollte das in Luxemburg. Die Monarchie war der Garant dafür!

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