Hochleistungssport ist gleichbedeutend mit großem Erwartungsdruck. Wie groß dieser Druck sein kann, hat der Kapitän von Arsenal London, Per Mertesacker, in einem bemerkenswert offenen Interview mit dem Nachrichtenmagazin Spiegel geschildert. Der ehemalige deutsche Fußballnationalspieler berichtet dort, dass er vor jedem Spiel – und davon hat Mertesacker in seiner Karriere gut 500 bestritten – an Durchfall und Brechreiz leide, so groß sei die Angst davor, einen entscheidenden Fehler zu begehen, der zum Gegentor führt. Muss ein Sportler bei der Ausübung seines Berufs solche Angstzustände in Kauf nehmen?

Bloß weil er – und das auch nur in den wenigsten Sportarten – überdurchschnittlich viel verdient? Rechtfertigt das Gehalt oder der Bekanntheitsgrad eines Athleten, dass er je nach Lust und Laune der Fans als Fußabtreter herhalten muss? Und dieses Phänomen trifft nicht nur auf Weltstars wie Mertesacker zu, auch der Luxemburger Chris Philipps sah sich zu seiner Zeit in Metz in den sozialen Netzwerken immer wieder mit Anfeindungen der abartigsten Sorte konfrontiert.

Kritik gehört zum Leben eines Profi-Athleten dazu. Ein Hochleistungssportler muss sich Tag für Tag neu beweisen, sich selbst, den Medien und dem Publikum gegenüber. Das macht den Reiz aus. Doch was bringen einem Fußballprofi all seine Millionen, wenn er am Ende seiner Karriere nicht bloß ein körperliches, sondern auch ein mentales Wrack ist? Auch gut acht Jahre nach dem Tod von Robert Enke (der Torhüter litt an Depressionen und nahm sich im November 2009 das Leben) ist die Gefühlswelt der Profis tabu.

Per Mertesacker hat bis kurz vor seinem Karriereende gewartet, bis er offen über seine Angstzustände gesprochen hat. Zu groß ist die Angst, dass man als zu schwach für den Profibereich abgestempelt wird und somit um seine Existenz bangen muss. Immer mehr Vereine, sprich Arbeitgeber, stellen ihren Sportlern psychologische Betreuung zur Verfügung, doch solange mentale Probleme immer noch als Tabu oder Zeichen der Schwäche angesehen werden, werden nur die wenigsten Athleten auf diese Hilfe zurückgreifen.

Auch viele Einzelsportler arbeiten mit Sportpsychologen oder Motivationstrainern zusammen und geben dies auch offen zu. Wenn dann allerdings über die Zusammenarbeit gesprochen wird, geht es meistens darum, die wahre Siegermentalität zu verinnerlichen oder eben konstant auf höchstem Niveau konkurrenzfähig zu sein. Vielleicht braucht es etwas mehr Mut der Topsportler, auch mal über ihre Schwächen zu reden, damit die kommende Generation verinnerlicht, dass auch ihre Idole keine Maschinen sind.

Ein Hauptproblem vieler Athleten ist allerdings, dass sie keine Alternative zu ihrem Sport sehen. Bereits in jungen Jahren wird alles dem Ziel einer möglichen Profikarriere untergeordnet. Um den Sportlern in Zukunft diese Existenzängste zu ersparen, ist das Modell der dualen Karriere, wie es auch immer stärker in Luxemburg gefördert wird, unabdingbar. Nur wer auch wirklich eine Alternative zum Hochleistungssport hat, kann das Abenteuer einer Profi-Karriere mit der nötigen Gelassenheit angehen und muss es sich nicht gefallen lassen, in jeder Situation als Fußabtreter herhalten zu müssen.

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