Ein wenig war es ein Siegeszug, als Clinton Pryor am Sonntag die letzten Schritte seines “Walk for Justice” tat: ein persönlicher, weil Pryor zwölf Monate lang Sonne, Regen und Wind trotzte und zu Fuß eine der unwirtlichsten Landschaften der Erde durchquerte, aber auch ein Siegeszug aller Ureinwohner, denen er mit seiner Aktion international eine Stimme verschaffte.

Ureinwohner werden entwurzelt

In erster Linie ging es dem jungen Aborigine darum, gegen die Schließung von Gemeinden der Ureinwohner zu kämpfen. 2015 hatte die westaustralische Regierung bekannt gegeben, 150 Gemeinden im Outback schließen zu wollen. Sie seien finanziell nicht mehr tragbar, behaupteten die Politiker, und begannen Einwohner zwangsweise umzusiedeln. Doch für die Ureinwohner bedeutet der Verlust ihrer Heimat den Verlust ihrer Identität. “Unsere Spiritualität ist eng mit dem Land verknüpft: Wenn man uns das Land wegnimmt, nimmt man uns die Möglichkeit weg, unsere Spiritualität auszuüben”, erklärte schon damals die Menschenrechtsanwältin Tammy Solonec, die selbst Aborigine ist und sich bei Amnesty International um die Rechte der Ureinwohner kümmert.

Clinton Pryor machte es sich zur Aufgabe, während seines über 5.000 Kilometer langen “Walkabouts” betroffene Gemeinden zu besuchen und ihre Geschichten zu sammeln, um sie den Parlamentariern in Canberra vorzutragen. “Gemeindeleben ist sehr wichtig, da es meine Leute aus den größeren Orten und Städten raushält”, schrieb Pryor in einem Artikel für das indigene Medium IndigenousX. Denn dort würden sie mit Drogen, Alkohol und Gewalt in Verbindung kommen.

Wie in einem Entwicklungsland

Während seiner Wanderschaft habe er die Wahrheit über die Bedingungen der Ureinwohner herausfinden wollen. “Was ich gesehen und erlebt habe, ist, dass unsere Leute in Zuständen wie in einem Entwicklungsland leben.” In einigen Gemeinden gebe es kein frisches Wasser, andere seien von der Bergbauindustrie verseucht worden, die dazu noch andere Arbeiter einfliege, anstatt den Einheimischen Jobs zu geben. “Was die Leute in diesen Gemeinden wollen, ist selbstbestimmt zu sein.” Die Aborigines wollten sich um sich selbst kümmern.

Clinton Pryor bei seiner Ankunft in Canberra (Foto: Clinton Pryor‏ twitter.com/Clintonswalk)

Dazu gehört in Clinton Pryors Augen auch ein weiteres wichtiges Thema: die extrem hohe Anzahl an indigenen Jugendstraftätern. 2015/16 war es 25 Mal wahrscheinlicher für indigene Kinder und Jugendliche, inhaftiert zu sein als für andere Jugendliche. Pryor, der selber schwierige Zeiten durchlebt hat und nach dem frühen Tod seiner Mutter und seines Vaters obdachlos war und die Schule abgebrochen hatte, plädiert für kulturelle Rehabilitationscamps statt Jugendstrafanstalten, damit die indigenen Jugendlichen mit ihrem Land und ihrer Kultur eine Verbindung aufbauen könnten, wie er in einem Interview mit Amnesty International sagte.

Aborigines hoffen auf Gehör

Sein Marsch, währenddessen er in Teilen den Songlines oder Traumpfaden seiner Vorfahren, die sich wie ein unsichtbares Netz über Australien ziehen, folgte, habe vielen anderen Menschen Hoffnung gegeben, sagte Pryor. Ihm ist es daran gelegen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, einander zu vergeben und lieber gemeinsam nach vorne zu schauen.

Für diese positive Zukunft hofft er in Canberra unter anderem beim Governor General, dem Vertreter der britischen Krone, Gehör zu finden. “Ich hoffe, die Regierung ehrt deine Reise, indem sie unseren Sorgen zuhört und wirklichen Wandel bringt – jetzt und nicht später irgendwann einmal”, schrieb ein anderer Ureinwohner auf die Facebookseite von Pryor.

Ein Vertrag für die Ureinwohner

Pryor ist nicht der einzige Aborigine, der sich in diesem Jahr um eine positive Veränderung und ein besseres Miteinander bemühte. Bereits im Mai trafen sich bei einem historischen Treffen am Uluru 250 Vertreter der australischen Ureinwohner, um für eine in der Verfassung verankerte Stimme im Parlament zu kämpfen. Die Aborigines sprachen sich damals für einen Vertrag aus, wie dies andere indigene Nationen vor ihnen bereits getan haben. Bisher ist jedoch keine Einigung mit der australischen Regierung in Sicht, die auf eine rein symbolische Erwähnung in der Verfassung drängt.

Barbara Barkhausen, Sydney

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