Von André Feller

Taubheitsgefühle, Wärme- und Kälte-Missempfindungen an Händen und Füßen, Muskelzucken, das Empfinden von Strom in den Gliedern oder chronische Schmerzen – all diese Symptome können auf eine Polyneuropathie, eine Schädigung des peripheren Nervensystems, hinweisen. Aufgrund der langsamen Wachstumsrate von Nervenfasern ist ein Heilungsprozess meist sehr langwierig oder unvollständig. Betroffene büßen ihre Lebensqualität ein. Seit kurzem gibt es einen Hoffnungsschimmer aus Deutschland.

Präzise Statistiken über die Polyneuropathie liegen in Luxemburg nicht vor, erklärt Dr. Alexandre Bisdorff, Vorsitzender der „Société luxembourgeoise de neurologie“. Die Erkrankung betrifft Frauen und Männer gleichermaßen und tritt in allen Altersgruppen auf, Tendenz steigend mit zunehmendem Alter, so der Neurologe aus Esch/Alzette. Das deutsche Ärzteblatt schätzt die Anzahl der Betroffenen auf etwa 5 bis 8 Prozent der erwachsenen beziehungsweise älteren Bevölkerung. Zu den häufigsten Ursachen zählen Diabetes, exzessiver Alkoholkonsum, verschiedene infektiöse Erkrankungen, Toxine, Nebenwirkungen von Medikamenten, erbliche Faktoren oder etwa Unfälle. In rund einem Drittel der Fälle ist die Ursache unbekannt.

Parthenolid als möglicher Wirkstoff

Trotz intensiver Forschung ist es in den vergangenen 30 Jahren nicht gelungen, die Behandlung peripherer Nervenschädigungen wesentlich zu verbessern. Neurobiologen der Ruhr-Universität Bochum (RUB) um den neu auf den Lehrstuhl für Zellphysiologie berufenen Prof. Dr. Dietmar Fischer erforschen derzeit eine mögliche Wirkstoffgruppe: Parthenolid, ein Molekül aus dem Mutterkraut.

Prof. Dr. Dietmar Fischer (r.) und sein Mitarbeiter Dr. Philipp Gobrecht wollen aus einem Inhaltsstoff des Mutterkrauts ein Medikament entwickeln (Foto: RUB, Marquard)

Bei Mäusen mit dem genetisch veränderten Enzym „Glykogensynthase-Kinase 3“ stellten die Neurowissenschaftler eine deutlich schnellere Regenerierung der geschädigten Nervenzellen fest als bei Versuchstieren mit unverändertem Enzym. Auf der Suche nach einer Substanz, die den Effekt des veränderten Enzyms imitiert, stießen die Forscher auf das Mutterkraut. In darauffolgenden Zellkulturexperimenten bestätigte sich, dass Parthenolid das Nachwachsen von Nervenfasern erheblich beschleunigt. In weiteren Tierversuchen behandelten die Wissenschaftler Mäuse mit geschädigten Ischiasnerven mit dem neu entdeckten Wirkstoff. Bereits nach weniger als einer Woche – und damit erheblich schneller als bei unbehandelten Tieren – bewegten die Mäuse die durch Nervenverletzung gelähmten Zehen und nahmen wieder sensorische Reize wahr.

Einen neuen therapeutischen Ansatz lieferte zudem die systemische Verabreichung des Wirkstoffs anstelle einer lokalen Injektion. Prof. Dr. Dietmar Fischer sieht darin eine mögliche Chance, etwa Gesichtslähmung bei Diabetikern zu heilen. Erforscht wird ebenfalls die Wirkung von Parthenolid auf die Regeneration des verletzten Rückenmarks oder Sehnervs – diese regenerieren normalerweise überhaupt nicht. Für die Wissenschaftler an der Ruhr-Universität Bochum sind noch weitere Ergebnisse aus der Krebsforschung aus dem Jahr 2015 von hoher Wichtigkeit. Im Vergleich zur Behandlung der geschädigten Nerven verabreichten die Krebsforscher Mäusen den Wirkstoff in einer 1.000-fach höheren Dosierung zur Behandlung verschiedener Leukämie- und Brustkrebsarten. Trotz der hohen Dosierung stellten sie keine Giftigkeit fest.

Bisherige Produkte mit Mutterkraft unwirksam

Die Neurowissenschaftler um Prof. Dr. Fischer und Dr. Gobrecht erwarten somit weder kurz- noch langfristig nennenswerte Nebenwirkungen bei der Behandlung der Neuropathie mittels Parthenolid. Dies soll das „Parregeron“-Projekt klären, eine Studie, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Erst wenn diese Studie sowie eine zusätzliche toxikologische Prüfung positive Ergebnisse liefern, ist der Weg für eine Kooperation mit einem Pharmaunternehmen frei.

Bis zu einer möglichen Vermarktung eines Medikamentes werden noch mehrere Jahren vergehen. Dietmar Fischer rät Patienten mit Polyneuropathien von der Einnahme von kommerziell erhältlichen Mutterkraut-Tees oder -Kapseln, beispielsweise zur Behandlung von Migräne, ab. Sie seien unwirksam bei der Behandlung von Neuropathien, der Wirkstoff werde nicht in ausreichenden Mengen aus dem Darm aufgenommen.

Dr. Alexandre Bisdorff steht der Studie teilweise skeptisch gegenüber. Er glaubt nicht an einen Durchbruch, bisherige Forschungen mit nervenregenerierenden Wirkstoffen verliefen enttäuschend oder es kam zu erheblichen Nebenwirkungen. Was den Wirkstoff Parthenolid angeht, so sieht Dr. Bisdorff eine mögliche Chance für die Heilung von unfallbedingten Nervenschädigungen, nicht jedoch bei metabolisch oder genetisch bedingten Neuropathien.

 

3 Kommentare

  1. Ausserdem sollen sie mal ergründen warum Kamille gegen Parkinson hilft, warum Omega3 gegen Herzrythmusstörungen hilft, warum Griffonia (afrikanische Schwarzbohne) gegen Depressionen hilft, warum Olivenöl gegen Schuppenflechte hilft, warum Brennessel und Ginseng gegen Lethargie helfen, warum die Mariendistel der Leber hilft, warum Fenchel dem Magen hilft, warum Zimt gegen Kopfschmerzen hilft, warum Ingwer gegen Erkältung hilft und warum Hagebutten gegen Rheuma und Arthrose helfen 😉 keine Wundermittel, aber es hilft.

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