Der demografische Wandel macht auch vor der Filmindustrie nicht halt:
In den letzten Jahren sind viele Filme gelaufen, die die Probleme des Älterwerdens und den Generationskonflikt aus unterschiedlichen Blickwinkeln aufgreifen. In ihrem ersten Langfilm „Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ verknüpft Drehbuchschreiberin Elizabeth O’Halloran die Sehnsucht nach ungelebten Erfahrungen mit Natursport im Alter. Es ist wohl Regisseur Simon Hunter zu verdanken, dass die rührselige Geschichte sich trotzdem einen gewissen Schauwert bewahrt,
findet Tom Haas.

Edith Moore (Sheila Hancock), genannt Edie, hat sich drei Jahrzehnte lang um ihren durch einen Schlaganfall gelähmten Mann gekümmert. Als er stirbt, beschließt die Tochter, die über 80-Jährige in einem Seniorenheim zu „parken“. Beim Durchsehen des Gerümpels auf dem Dachboden fällt Edie dann eine Postkarte ihres Vaters in die Hände. Sie zeigt den Berg Suliven in den schottischen Highlands, den der verstorbene Moore Senior mit seiner inzwischen ergrauten Tochter besteigen wollte. Und natürlich setzt Edie sich in den Kopf, genau dieses lang ersehnte Abenteuer nun nachzuholen.

Die Geschichte verläuft erwartungsgemäß recht linear und die Wendungen kommen wenig überraschend. Natürlich macht das Alter Probleme, die Campingausrüstung ist nicht mehr die neueste und natürlich gibt es auch einen jungen Mann mit gutem Herzen, der die Seniorin bei der Verwirklichung ihres Traums unterstützt. Und die schottischen Highlands wären nicht die Highlands, wenn es nicht regnen und stürmen würde. Eigentlich könnte man den Film nach der ersten halben Stunde auch ausschalten und sich den Rest denken.
Der Grund, weshalb man trotzdem weiterschaut, sind die Berge. Natürlich ist Schottland objektiv schön, aber die Kameraarbeit von August Jakobsson setzt sie auf eine Weise in Szene, die sie rau und zerklüftet, alt und erhaben wirken lässt. Und diese Erhabenheit spiegelt sich in dem grimmigen, entschlossenen Gesicht der Protagonistin, deren stechend blauen Augen so klar wie die Bergseen der Highlands strahlen. Der Wechsel zwischen den Panoramabildern und den Details gibt dem Film die ästhetische Dynamik einer guten Naturdokumentation.

Aufgelockert wird die starre Geschichte zudem durch die durchaus unterhaltsamen Dialoge zwischen Edie und ihrem Bergführer Johnny, die anfangs keinen rechten Draht zueinander finden und sich gegenseitig mit einer Mischung aus Verachtung und Mitleid begegnen. Diese Spannung trägt den Film, die sich entwickelnde Freundschaft erscheint zart und glaubwürdig. Erst zum Ende hin löst sich diese Spannung leider in einer allzu kitschigen Rettungsaktion vollends auf. Ebenfalls durchwachsen ist die Filmmusik. Stellenweise fängt sie die raue Landschaft und das schottische Lokalkolorit herrlich ein und untermalt die Bilder überaus passend, dann wiederum verfällt sie in ein derart überzogenes Pathos, dass man sich die Schwerhörigkeit des Alters fast schon herbeisehnt. In dieser Zweideutigkeit bleibt sie zumindest dem Gesamtkonzept des Films treu.

„Edie – Für Träume ist es nie zu spät“ ist ein Film, der sich leider hauptsächlich für fanatische Bewunderer der schottischen Highlands lohnt. Wer sich mit Durchsetzungskraft und Problemen des Alters auseinandersetzen möchte, findet bessere Alternativen – zum Beispiel die großartige Tragikomödie „Robot & Frank“. Für Träume mag es nie zu spät sein, für Edie allerdings schon.

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