Klimawandel und Umweltfragen werden künftige Generationen von Verbrauchern, Winzern und Experten stärker beschäftigen als Veränderungen bei der Weinherstellung selbst, sagt Mikrobiologe Dr. André Mehlen, zuständig beim „Institut viti-vinicole“ (IVV) für die Bereiche Önologie und Weinüberprüfung, voraus.

Die Geschichte des Weinanbaus ist mehr als 10.000 Jahre alt. Heute gelten dort hohe Standards. „Worauf es in Zukunft ankommen wird – und diese Entwicklungen schließen mittel- bis langfristig indirekt Auswirkungen auf den Weinbau selbst mit ein –, sind Bereiche wie Klimawandel und Umwelteinflüsse“, sagt André Mehlen voraus.

Ersterer lasse sich nicht mehr von der Hand weisen, ebenso wie sein Einfluss auf die Reben im Weinberg. Ein Beispiel dafür sind Erkrankungen an den Pflanzen, die es anderorts gab, in Luxemburg aber bisher nicht. So stellte vor etwa drei Jahren die Kirschessigfliege die hiesigen Winzer vor eine neue Herausforderung.

Drohen statt Hubschrauber

Andere Flugobjekte, deren Einsatz im Weinberg immer realistischer erscheint, sind Drohnen. „Nicht nur Amazon experimentiert damit. Im Weinberg sind sie mit Infrarotkameras ausgestattet und suchen die Pflanzen nach möglichen Krankheiten ab.“ Über GPS wird die genaue Position an den Winzer weitergeleitet und erlauben damit eine gezielte und umweltschonende Behandlung des Pflanzenbestandes.

Dr. André Mehlen ist Mikrobiologe vom Beruf und beim Weinbauinstitut in Remich für die Kontrolle der Weine zuständig

Stichwort Umwelt. Ihren Schutz stellt die Winzer vor immer neue Herausforderungen und bedingt gleichzeitig technische Veränderungen. Flogen noch bis vor rund drei Jahren Helikopter über die Steilhänge und Terrassen an der Mosel, mussten sie zum Schutz von Mensch und Umwelt im Zuge des neuen Pestizidgesetzes ihren Einsatz stark einschränken und einen Mindestabstand zu öffentlichen Flächen, Wohngebieten, Wasser- und Naturschutzgebieten einhalten.

Die Branche musste sich mal wieder umstellen. Neben technischen Entwicklungen reagierte sie mit dem Einsatz von neuen Sorten. Das Aufkommen der sogenannten PIWI-Züchtungen – PIWI steht für „pilzwiderstandsfähige Rebsorten“ – ist ein Beispiel hierfür. Gleichzeitig stehen sie für die veränderten Anforderungen, denen die Pflanzen genügen müssen. „Im Zuge des Klimawandels kann es passieren, dass unsere traditionellen Sorten die neuen klimatischen Bedingungen nicht mehr optimal vertragen“, schickt der Experte voraus.

Weniger ist mehr

„Die erste PIWI-Generation fiel leider durch“, schildert Dr. Mehlen. Im IVV in Remich befinden sich inzwischen die zweite und dritte Generation solcher neuer Sorten in der Testphase. Neben ihrer Widerstandskraft muss auch geprüft werden, ob sie sich als Basis für gute Weine eignen. Die dritte Generation könne sich sehen lassen, berichtet der Experte und verweist auf einen aromatischen Cabernet blanc auf Basis ebensolcher PIWI-Trauben.
Der Klimawandel wird sich auch in der Weinherstellung bemerkbar machen. Insbesondere im Bereich Alkoholgehalt. Länder im Süden, berichtet der Fachmann, arbeiten derzeit an weniger „alkohollastigen“ Weinen. Die Vorbereitungen dafür beginnen bereits im Weinberg, wo es darum geht, einen geringeren Oechslegehalt in den Trauben anzustreben.

Mikrobiologische Entwicklungen wie neue Hefen bzw. Mikroorganismen, die den Alkohol anders verstoffwechseln, bahnen sich langsam ihren Weg auf dem Gebiet. In der Mikrobiologie sollen laut Dr. André Mehlen mehr Veränderungen im Kommen sein als im Bereich der derzeit polarisierenden Debatte um Inhalts- und Zusatzstoffe in Lebensmitteln allgemein.

Vernetzte Weinberge

Die Digitalisierung unserer Welt schreitet ständig voran und macht auch von der Weinherstellung nicht halt. Künftig, heißt es, wird es möglich sein, die Gärung der Weine per Mausklick bzw. Smartphone-Wisch zu beeinflussen.

Was sich in Bezug auf die Technik noch wie Zukunftsmusik anhört, ist beim Verhalten der Verbraucher längst Realität. Mehr und ausführliche Informationen über die Weine, Bewertungen, Allergenlisten, Weinshop – alles am liebsten online und von überall abrufbar.

Das veränderte Konsumverhalten hat einen „indirekten Einfluss auf Winzer und Vinifikation“, zeichnet Mehlen vor. Vor allem der persönliche Lebensstil bzw. der Ernährungstyp wird künftig noch mehr als bisher ausschlaggebend für die Wahl eines Weines sein. „Vegan, gesund, mit weniger Alkohol genießen sowie ein wachsendes Umweltbewusstsein“ – diese aktuellen (Ernährungs-)Trends verlangen von den Winzern Flexibilität und Innovationsgeist, und das von der Bewirtschaftung der Weinberge bis hin zur Ausrichtung ihrer Produktpalette.

Marketingstrategen und Weinflaschen aus Karbon

Aber auch in Sachen Vermarktung werden neue Konzepte gebraucht. „Glaubhaftes Storytelling“ – die Geschichte eines Weines in allen ihren Etappen faszinierend und fachlich versiert allgemeinverständlich erzählen: Für eine erfolgreiche Vermarktung ihrer Produkte werden Winzer auch künftig auf die Qualitäten von Werbetextern und Marketingexperten zurückgreifen.

Lokal und regional – auch dieser Trend im Konsumverhalten wird in den nächsten Jahren noch mehr an Bedeutung gewinnen. Ebenso wie die Frage nach Verpackungsgröße und -material. Rohstoffe wie beispielsweise Leinen in Verpackungen, Flaschen aus Materialien wie Karbon, die heute noch einen schlechten Ruf besitzenden Kartonverpackungen, in deren Innern sich ein Plastikbehälter mit einem Fassungsvermögen von bis zu drei Litern mit Wein befindet, bieten neue Möglichkeiten sowohl für die Gastronomie als auch für den Endkunden. Darin lassen sich auch erlesene Weine abfüllen. Was sich davon durchsetzen wird, bleibt abzuwarten.

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