Die Revolution frisst ihre Kinder, während im Hintergrund Schlager und Techno laufen. Dazwischen wird fleißig reflektiert, konsumiert, kopuliert, gemordet und getanzt. Klingt abstrus? Ist es auch. Dennoch fasst es den Inhalt der deutschsprachigen Serie „Beat“ recht gut zusammen.

Die Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die auf die Losungen der französischen Revolution zurückgeht, beinhaltete ursprünglich den Beisatz: „Oder der Tod.“ Jedoch wurde zusehends auf ihn verzichtet, da dieser wohl zu stark an die Schreckensherrschaft erinnert.

Lässt man diese Ergänzung zum versöhnlich klingenden Dreiergespann jedoch stehen, so hat man es eigentlich mit der perfekten Kurzbeschreibung der zweiten Eigenproduktion des deutschen Video-on-Demand-Anbieters zu tun. Die bisher siebenteilige Serie „Beat“ aus der Feder Marco Kreuzpaintners, der unter anderem 2008 eine moderne Fassung von Otfried Preußlers „Krabat“ meisterhaft verfilmte, zeichnet ein grausames Bild des modernen Kapitalismus, im Rahmen dessen die Freiheit des einen auf der Gefangenschaft des anderen fußt. In der manche gleicher sind als andere und Brüderlichkeit nur ein Mittel zum Selbst-Zweck ist. Die eigene Existenz wird förmlich durch den Tod anderer garantiert.

Aber was hat das nun alles mit Techno und Schlager zu tun? Die Antworten hierauf weisen sowohl auf Schwächen wie auf Stärken des Drehbuchs hin. Hauptschauplatz der Serie ist Berlin, allem voran ein düsterer Klub in einem ehemaligen Bunker. Dieser stellt den Lebensraum sowie das Arbeitsfeld der Hauptfigur Robert Schlag (Jannis Niewöhner), genannt „Beat“, dar. Er ist für die Promotion des Klubs verantwortlich, der von seinem besten Freund Paul (Hanno Koffler) verwaltet und geleitet wird.

Beats Expertise besteht zumindest zu Anfang augenscheinlich darin, als die Personifizierung von Hedonismus sowie Eskapismus zu gelten und seinen Freunden und Gästen als Vorbild dafür zu dienen, wie man eine Berliner Klubnacht möglichst schlaflos, aber dafür mit umso mehr köstlichem Stoff, guter Musik und reichlich Sex übersteht. Als dann zwei drapierte Frauenleichen von der Decke des Klubs hängen und sein Partner, ohne ihn zu fragen, einen weiteren Teilhaber, den aalglatten Philipp Vossberg (Alexander Fehling), mit ins Boot holt, nimmt die Eskalation auf zahlreichen Ebenen ihren Lauf.

Antiheld auf Ecstasy

In Beats Leben taucht einerseits Jasper Hoff (Kostja Alexander Ullmann), der in dem gleichen Kinderheim groß wurde wie er, immer wieder auf und lässt diesen vorerst ängstlich zusammenzucken, bis er später langsam, aber sicher begreift, dass sie mehr verbindet als er dachte. Jaspers psychopatische Züge lassen sich längst nicht nur an seiner Vorliebe für deutschen Schlager aus den 50ern ablesen.

Anderseits weichen die scheinbar aus dem Nichts hervorgegangenen Geheimdienstmitarbeiter Emilia (Karoline Herfurth) und Richard Diemer (Christian Berkel) nicht mehr von Beats Seite, da sie ihn als Spitzel in einer Angelegenheit einsetzen möchten, die sich als Kampf gegen Menschen-, Organ- und Waffenhandel verorten lässt. Er soll den zuvor erwähnten zwielichtigen Philipp, der offensichtlich nicht aus Liebe zur Klubszene miteingestiegen ist, überwachen, lehnt mehrfach ab, wird dann jedoch mit Informationen über seine Familie gelockt, über deren Verschwinden er nur wenig weiß. Es beginnt eine bis zur letzten Folge anhaltende, nervenaufreibende Treib- und Hetzjagd zwischen dem wenn auch anfänglich verpeilt wirkenden, so doch hochsensiblen und loyalen Beat und seinem auf menschlicher Ebene absoluten Gegenteil Philipp.

An den Rändern dieses Haupterzählstrangs sind soziale Mikro-Geschichten sowie Makro-Aufnahmen weltpolitischer Implikationen in unsaubere Geschäfte zu finden. Trotz einer durchaus starken schauspielerischen Leistung des Hauptcasts, einer unbestreitbaren Liebe für endlos viele Details und herrlich unerwarteter Shifts will die Serie leider zu schnell zu viel gleichzeitig und fällt sich dabei streckenweise derart selbst über die Füße, dass man dem Geschehen unter anderem aufgrund von Logikfehlern und extrem volatilen Charakterentwicklungen nur noch schwer folgen kann.

Herrlich unerwartete Shifts

Statt die ohnehin hochkomplexe Familiengeschichte und Persönlichkeitsentwicklung von Beat zu schildern, wachsen und brechen zahlreiche andere Charaktere mit ihm zusammen. Als seien die einzelnen Figuren von ihrer Grundkonzeption her nicht schon kantig genug, setzt Kreuzpaintner häufig noch einen drauf und macht beispielsweise aus dem manipulativen, kontrollsüchtigen, alles überwachenden Geheimratschef Richard zusätzlich noch einen Voyeur auf sexueller Ebene …

Trotzdem liegen in dieser Vielschichtigkeit auch Stärken der Serie. Der junge Regisseur scheint sehr darum bemüht, in „Beat“ der Diversität innerhalb der Gesellschaft gerecht zu werden. Die Besetzung besteht neben deutschen Schauspielern unter anderem aus Personen kroatischer, indischer, russischer und polnischer Herkunft. Auch spielt Carlo Ljubek Miss Sundström, eine Transfrau, die als Türsteherin des Klubs aktiv ist. Zudem wird die Beziehung zwischen Beats Mitbewohner Janik (Ludwig Simon) und Danilo (Ivan Shvedoff), dem homosexuellen Bruder eines russischen Mafia-Bosses, beleuchtet.

Bei der Serie „Beat“ handelt es sich außerdem absolut nicht um einen von unzähligen Versuchen, das teils unnahbare und vor allem ungreifbare Berliner Klubleben in seiner Gänze in Worte und Bilder fassen zu wollen. Auch in diesem Kontext wird glücklicherweise auf Stereotype verzichtet. Jene Sequenzen, in denen es um das Nachtleben und die Wachgebliebenen geht, zeigen, dass auch hier überlebenswichtige soziale Gefüge, kathartische Mittel und Momente des Friedens gesucht werden, die einem tagsüber im weniger verpönten, aber dafür noch lange nicht stabilisierenderen Alltag verwehrt bleiben.

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