Das Großereignis der symphonischen Musik am Vierwaldstättersee lässt die internationalen Größen der Szene auftreten. Aber auch die neue Generation der Cello-Literaten wird nicht vergessen – und lässt das musikalische Establishment bisweilen blass aussehen.

Auf das Concertgebouw Orchestra folgten die Wiener Philharmoniker. Überspringen wir das C-Dur-Konzert von Josef Haydn in der zwar klangschönen, aber spannungsarmen und sehr routinierten Interpretation von Sol Gabetta. Enttäuschend auch hier die Wiener unter Franz Welser-Möst, die über ein gediegenes Spiel nicht herauskamen.

Weitaus besser ausgearbeitet war Bruckners 5. Symphonie, für die Welser-Möst wohl auch intensiver geprobt hatte und die man an diesem Abend in einer mustergültigen Aufführung erleben konnte, allerdings unter der Bedingung, dass man glasklare Strukturen und einen eher intellektuellen Ansatz bei Bruckner mag. Hier dirigiert Franz Welser-Möst ganz deutlich in der Linie eines Claudio Abbado oder Bernard Haitink, die sich selbst als Interpreten immer hinter und niemals vor das Werk stellten.

Die Wiener Philharmoniker spielten Bruckner mit einem ganz anderen Klanggefühl als zwei Tage vorher das Concertgebouw unter Manfred Honeck, aber beide Lesarten waren von der musikalischen Qualität an sich gleichwertig.

Das zweite Wiener-Konzert wurde mit der Überreichung des Crédit Suisse Young Artist Award an den Cellisten Kian Soltani eröffnet, der dann auch durch seine wundervolle Interpretation und seine wahnsinnige Technik in Antonin Dvoraks Cellokonzert das Publikum regelrecht vom Hocker riss. Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker begleiteten dann Soltani auch weitaus inspirierter als am Vortag Sol Gabetta. Nach der Pause erklang dann Johannes Brahms’ 2. Symphonie in einer ebenso klangschönen wie dynamischen Aufführung, die das ganze Können des Wiener Orchesters bestens zur Geltung brachte. Welser-Möst dirigierte auch hier wie erwartet ohne allzu große aufgesetzte Emotionen und plakative Effekte, sondern mit einem sehr guten Gefühl für Balance, Atmosphäre und Innenspannung.

Wenn all diese Konzerte auch recht wenig mit dem eigentlichen Festival-Thema, nämlich „Kindheit“, zu tun hatten (natürlich finden die Dramaturgen solcher Festivals immer irgendeinen Zusammenhang), so stand zumindest unser letztes Konzert im Rahmen dieses Themas.

Mozarts „Kinder- bzw. Jugendwerke“ wie Kassation G-Dur KV 63 und die frühe Sinfonie Es-Dur KV 16, Sergej Prokofjews Symphonie classique, der B-Dur-Marsch op. 99 (in der Bearbeitung von Otfried Büsing) sowie das sinfonische Märchen für Kinder „Peter und der Wolf“ bildeten dieses abwechslungsreiche Matinee-Konzert, zu dem auch sehr viele Kinder erschienen waren. Die erst 13-jährige Jungschauspielerin Anuk Steffen (die die Titelrolle im Film „Heidi“ von Alain Gsponer an der Seite von Bruno Ganz spielte) erzählte das Märchen in Schwyzerdütsch, das leider für ausländische Gäste nicht immer zu verstehen war.

Musikalisch war das Konzert ein kleines Ereignis! Der vielseitige Wolfram Christ, langjähriger Bratschist bei den Berliner Philharmonikern, Gründungsmitglied des Lucerne Festival Orchestra, Solist, Kammermusiker, Pädagoge und Dirigent, leitete das bestens disponierte English Chamber Orchestra. Christs sehr dynamisches Dirigat kam all diesen spritzigen Werken zugute, aber auch die langsamen Sätze wurden mit Eleganz und Ausgewogenheit interpretiert. Vor allem aber war es Wolfram Christs Kunst, die Musiker auf höchstem Niveau durch dieses Konzert zu führen, das demnach weit mehr war als ein sogenanntes Kinderkonzert.

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