In „Styx“ prallen säuberlich sortierte und schonungslose Realitäten aufeinander. Die urlaubende Protagonistin muss entscheiden, ob sie Menschen hilft, die sich definitiv nicht zum Spaß auf dem offenen Meer befinden.

Was wie ein fast schon perfid perfektes Timing wirkt, ist das Ergebnis einer äußerst dramatischen Entwicklung: Bereits vor sieben Jahren nahm der Entstehungsprozess des Films „Styx“ seinen Lauf, scheiterte jedoch vorerst an Finanzierungsschwierigkeiten, da man mancherorts die Antwort erhielt, dass es doch völlig unrealistisch sei, die Handlung eines Filmes darauf zu basieren, dass Menschen auf der Flucht im Meer ertrinken, weil niemand ihnen hilft.

Nun erschien das Drama des österreichischen Regisseurs Wolfgang Fischer, das von Amourfou produziert wurde, in Luxemburg fast zeitgleich mit der Bekanntgabe, dass die EU die Rettungsaktion für Migranten vor der libyschen Küste vorerst beenden möchte und bis auf Weiteres im Rahmen der Operation „Sophia“ nur noch aus der Luft beobachten wird.

Da ist der Zuschauer bei „Styx“ schon näher dran; er begleitet die deutsche Notärztin Rike (Susanne Wolff), die ursprünglich geplant hatte, nach Ascension, einer tropischen Insel im Südatlantik zwischen Afrika und Südamerika, zu segeln. Dann stößt sie auf einen überfüllten, in Seenot geratenen Fischkutter, auf dem sich Flüchtende befinden, die um Hilfe rufen. Das Publikum wird Zeuge ihres Haderns und ihrer vergeblichen Versuche, andere Schiffe sowie die Küstenwache um Hilfe zu bitten. Die gestandene Rike stellt eine Identifikationsfigur dar und lässt wohl jeden oder jede mit der Frage zurück, wie man selbst handeln würde.

Ziel verpassst

Was eine spannende und mehr als überfällige Reflexion über das eigene Handlungspotenzial und die Pflicht, Verantwortung für andere zu übernehmen, hätte werden können, verpasst aufgrund mehrerer Kunstgriffe leider sein Ziel. Der Film erzeugt zwar Betroffenheit und Mitleid, indes richten sich diese Emotionen vielmehr an die privilegierte weiße Europäerin, die eine dramatische Erfahrung macht, als dass sie den Menschen, die in den Kulissen des Films, von der Öffentlichkeit ungesehen, sterben, gelten würden.

Die schier endlos wirkenden Stunden des Wartens auf Unterstützung, die erst kommen wird, wenn es zu spät ist, werden auch auf wenige Filmminuten gekürzt keineswegs erträglicher. Hier sieht man sich einer künstlerischen Entscheidung gegenüber, die irritiert: Das Hauptanliegen des Films wird erst spät in Szene gesetzt und nimmt im Verhältnis zu anderen Elementen zu wenig Platz ein. „Styx“ beginnt nicht auf dem offenen Meer, sondern der eigentlichen Handlung gehen jede Menge Stilübungen voraus.

Zuerst sieht man Rike routiniert bei einem Autounfall in Deutschland intervenieren, dann packt sie eine gefühlte Ewigkeit ihr Proviant ins Boot, bereitet alles bis ins letzte Detail vor. Ist der fahrbare Untersatz erst mal auf dem Meer, geht es mit in die Länge gezogenen An- und Auszieh-Szenen und allerlei Einhandsegel-Techniken weiter. Die teils fast neurotisch anmutenden Handlungsabläufe sollen wahrscheinlich vermitteln, dass man eine Frau vor sich hat, die alles unter Kontrolle hat (oder zumindest haben will), aber das hätte man in weitaus weniger Spielzeit auf den Punkt bringen können.

Kein Flüchtlingsdrama

Sogar als Rike einen Jungen verarztet, der auf ihr Boot zugeschwommen ist und keine Kraft mehr hat, um sich allein hochzuziehen, werden die „exercices de style“ weitergeführt. Wirklich jeder einzelne medizinische Handgriff wird abgebildet. Definitiv unfreiwillig haben manche Sequenzen etwas von Tutorials ohne Ton. Dass sich Panik in derartigen Situationen nicht anbietet, versteht sich von selbst. Aber „Styx“ übertreibt es zuweilen mit dem Fokus auf die Ruhe der Protagonistin. In kürzester Entfernung zu ihrem Boot sterben gerade Menschen oder sind bereits tot. Dieser Umstand gerät zeitweilig etwas zu sehr in den Hintergrund. Auch die dargestellten Menschen auf der Flucht wirken eher wie Statisten in einem sehr eurozentristischen Spiel. Im Falle von „Styx“ von einem „Flüchtlingsdrama“ zu sprechen, trifft demnach schlicht und ergreifend nicht zu.

Fischers Film kommt fast ohne Worte und Dialoge aus, verpasst es aber bedauerlicherweise, in eben jene Momente des Zwiegesprächs Intensität und Stärke hineinzulegen. Als Rike dem Wunsch des jungen Kingsley (Gedion Oduor Wekesa) nicht nachkommt, auf den havarierten Kutter zuzusteuern, stößt er sie plötzlich von der Yacht.

Wechsel in die Muttersprache

Wutentbrannt kehrt sie zurück und spricht nicht wie im Rest des Films Englisch, sondern bedient sich ihrer Muttersprache. „Du schmeißt mich nicht von meinem Boot“, heißt es.
Dies ist letztendlich nicht mehr ist als Reviermarkierungs-Verhalten und eine Klarstellung, wer hier die Macht hat. Wirkliche Nähe spürt man zwischen den beiden nicht. Rike versucht zwar immer wieder, die Küstenwache zu verständigen, die wiederholt verspricht, zu kommen, aber erst auftaucht, nachdem fast niemand mehr lebend geborgen werden kann, doch ihr aktives Handeln findet eher in einem sehr begrenzten Rahmen statt.
Per Funk wird die Seglerin immer wieder gebeten, sich fernzuhalten, da sie ohnehin nicht alle retten könne, weil ihr Boot zu klein sei. Diese Argumentation übernimmt Rike irgendwann. Eine gesunde Einschätzung oder doch eher Beruhigung des eigenen Gewissens?

Bei der Vorführung des Films im Ciné Utopia mit anschließender Diskussionsrunde wurde die Hauptfigur mehrmals als Heldin bezeichnet, ohne dies auch nur einmal in Frage zu stellen. Vielleicht besteht genau hierin die Problematik von Fiktionen, die eine harte aktuelle Realität abbilden sollen. Zwar können sie dabei helfen, Empathie zu üben und Denkanstöße geben, aber die Realität an sich hält weder angenehme Einseitigkeit noch astreine Helden und vor allem nicht zwingend ein Happy End bereit.

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