23. Januar 2013 18:55;Akt: 23.01.2013 20:15

"Total Théâtre" - Bühne frei für Grenzspiele

THEATERPROJEKT

Sie ist unterschrieben, die Konvention für das grenzüberschreitende, von der EU geförderte Theaterprojekt „Total Théâtre“. Ein Erfolg. Doch die richtige Arbeit geht jetzt erst los.

Total Théâtre“: Für die einen ein geplantes Chaos, für die anderen ein chaotischer Plan. (Bild: Tageblatt/Hervé Montaigu)

Frank Hoffmann steht am Rednerpult auf der Bühne seines Nationaltheaters. Ihm, als federführendem Intendanten dieses Theaterprojekts der Großregion, fällt die Aufgabe zu, der Presse die Philosophie des Projekts zu erklären.

Man sieht, er will sie eigentlich nicht so recht benutzen, diese Worte, die bei all den Sonntagsreden zur europäischen Integration, zum Zusammenwachsen der Großregion oder auch – ganz aktuell – zu den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestages des Elysée-Vertrages immer wieder benutzt, überbenutzt, manchmal missbraucht und letztendlich vielleicht nicht vollständig sinnentleert, jedoch oft beliebig geworden sind. Worte, wie „gemeinsame kulturelle Identität“, „Nachhaltigkeit“, „über den Tellerrand blicken“ oder noch schöner: „Grenzen überschreiten – besonders im Kopf“.

Austausch, Visibilität, Mobilität

Frank Hoffmann zögert, geht einen Schritt zurück, blickt hinter sich, in die Gesichter seiner an dem Projekt beteiligten Kollegen, schmeißt seine Hände nach oben und sagt sie dann trotzdem, diese Worte, die er eigentlich selbst nicht mehr hören mag.

Schnell und hastig: Das Projekt will „dem Theater der Großregion einen Platz in unseren Häusern einräumen“, der Großregion durch „Austausch, Visibilität und Mobilität auf der Ebene des Theaters ein neues kulturelles Gesicht verleihen“. Und „die Bedeutung des Theaters für die gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche und kulturelle Weiterentwicklung stärken“.

Fakten und Aktionsfelder

Schön. Um die Frage des Wie zu beantworten, lohnt sich ein Blick auf die Fakten und auf die Aktionsfelder. Zunächst einmal die Fakten: Sechs Theater der Großregion sind an dem Projekt direkt beteiligt, festgelegter Zeitraum sind drei Jahre.

Ziel des Projektes ist – wie gesagt – die Entwicklung einer kulturellen Identität der Großregion, mittelfristiges Ziel gar die Schaffung eines Theaterensembles der Großregion, das Kunst, Technik und Verwaltung umfasst. Finanziell unterstützt wird das Projekt von dem europäischen Strukturförderprogramm Interreg: Gut zwei Millionen Euro werden den Theatern zurückerstattet. Nach getaner Arbeit. Denn das Projekt, dessen Gesamtbudget sich auf fast fünf Millionen Euro beläuft, wird zunächst einmal ausschließlich von den Theatern selbst getragen.

Andreas Wagner, Dramaturg des TNL und einer der kreativen Köpfe des Projekts, spricht nicht umsonst von einem „großen finanziellen Wagnis“ – das nicht jeder eingehen konnte. Das Theater Trier, einst Mitinitiator des Projekts, musste kurzfristig abspringen. Die finanzielle Belastung wäre für das durch die leeren Kassen der Stadt unter enormem finanziellen Druck arbeitende Theater nicht tragbar gewesen. „Das Theater Trier bleibt wichtiger strategischer Partner“, versichert Andreas Wagner, „es wird sicherlich in viele der Aktionsfelder miteingebunden sein.“

Erste konkrete Projekte

Um das zeitgenössische Theaterschaffen in der Großregion zu fördern, sind auch bereits die ersten konkreten Projekte geplant: Ein „Theaterstudio Großregion“, ein internationales Laboratorium für junge Theaterschaffende, soll eingerichtet und professionell betreut werden, ein jährlicher Schreibwettbewerb „Les iroquois“, bei dem Schüler unter Anleitung eines Autors und eines Regisseurs an Textarbeit im Theater herangeführt werden, wird ausgebaut und weiterentwickelt und für Herbst 2014 ist unter dem Namen TTT (TotalTheaterTreffen) ein in den Städten Luxemburg und Thionville stattfindendes Theatertreffen geplant, bei dem die besten Produktionen der Großregion gezeigt werden.

Hinter den Kulissen

Dies sind die sichtbaren Projekte, die Aushängeschilder, mit denen die leidige Frage nach der Nützlichkeit, nach dem Ergebnis eines solchen künstlerischen Großprojektes schnell beantwortet werden kann. Doch die wirkliche Arbeit – so ist das auch im Theater – passiert hinter den Kulissen: Ein ständiger Koordinationsausschuss gekoppelt an flankierende Treffen der Intendanten und Direktoren soll für eine gemeinsame Strukturierung sorgen.

Künstler, aber auch Theaterschaffende aus der Technik, der Kommunikation oder der Verwaltung werden ihre Arbeitsplätze tauschen, Theaterpädagogen gemeinsam an ihren Projekten arbeiten. „Hier werden wir die wahren Herausforderungen erleben und eingekrustete Theaterstrukturen aufbrechen“, sagt Andreas Wagner. Denn Deutsche, Franzosen oder Belgier, sie haben alle ihre eigene Art zu arbeiten. Ein Deutscher muss sich dran gewöhnen, dass in Luxemburg nunmal viel improvisiert wird und ein Franzose muss damit klar kommen, dass man in Deutschland nunmal den Proberaum ein Jahr im Voraus reservieren muss. „Ich freue mich auf die Konflikte“, sagt Andreas Wagner und grinst.

Und das Publikum? Es wird überrascht. Wenn es denn überrascht werden will und die für ein solches Projekt unverzichtbare Mobilität auch für sich selbst ernst nimmt.

Janina Strötgen/Tageblatt.lu