In einer raumgreifenden Installation in der ehemaligen Sinteranlage hat der renommierte französische Konzeptkünstler Christian Boltanksi seine Idee eines Erinnerungsortes für mehr als 12.000 Zwangsarbeiter/innen umgesetzt. Beeindruckt von der imposanten Hüttenanlage und den vorgefundenen Relikten hat er beschlossen, auch den späteren Hüttenarbeitern allgemein in der Erzhalle eine Installation zu widmen.

Von Martina Kaub

Ein längst überfälliger Schritt: In der Unesco-Weltkulturerbestätte Völklinger Hütte ist endlich Raum für eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte der ehemaligen Röchling’schen Eisen- und Stahlwerke geschaffen worden. Während beider Weltkriege wurden in der kriegswichtigen Industrieanlage Tausende von Zwangsarbeiter/innen eingesetzt. Im Zweiten Weltkrieg waren es nach aktuellem Forschungsstand insgesamt 12.393 Menschen, darunter 579 Kinder und Kleinkinder, alle bis auf eine kleine Zahl namentlich, nach Alter, Geschlecht und Herkunft dokumentiert. Sie stammten aus West- und Osteuropa, einzelne aus Nordafrika, waren Kriegsgefangene oder verschleppte Zivilpersonen. Mit den Ausweispapieren wurde ihnen ihre Identität genommen, man degradierte sie zu Nummern, die unter widrigsten Arbeits- und menschenverachtenden Lebensbedingungen der Kriegswirtschaft zu dienen hatten. Zu Tode gekommen sind 261 Menschen, davon 60 Kinder.

Erst seit 2014 schenken die Verantwortlichen der Völklinger Hütte dieser Epoche ihre Aufmerksamkeit, nachdem ein kritischer Diskurs in der Öffentlichkeit den Verdacht genährt hatte, sie wollten sich dieser Vergangenheit nicht stellen. Thematische Ausstellungen, eine wissenschaftliche Konferenz sowie eine Ringvorlesung Ende 2017 thematisierten endlich Aspekte der Zwangsarbeit und die Rolle der Unternehmerfamilie Röchling, insbesondere von Hermann Röchling, der als Leiter der Reichsvereinigung Eisen (RVE) seit 1942 für die gesamte Rüstungsindustrie der Nationalsozialisten verantwortlich war und 1948/49 wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt worden ist.

Die Frage, welcher künstlerische Ansatz für einen solchen Gedenkort der richtige – weil würdig, respektvoll und angemessen – ist, beantwortet Boltanski mit dem Konzept der Spurensuche, das den gesamten Bereich der Erinnerungskultur umfasst. Vor der Folie des äußerlich noch Wahrnehmbaren wird den dahinter liegenden Tiefenschichten nachgespürt, eine introspektive Vorgehensweise ähnlich der Archäologie. Nicht die exakte Rekonstruktion ist zentrales Anliegen: Boltanski genügt die pseudo-dokumentarische Wiedergabe des Vergangenen, nicht mehr Sichtbaren. Seine Arbeitsweise vergleicht er mit der eines Zen-Meisters, der Fragen stellt und Geschichten erzählt, auf die kurze Formel gebracht: It’s not an object, it’s an idea.¹

Diese spirituelle Sichtweise basiert eben nicht auf der westlichen Kultur der Objekte, sondern auf einer Kultur des Wissens, der Erkenntnis. Seine Installationen ergreifen stets den gesamten Raum. Statt ihn mit Einzelstücken zu fragmentieren, beschränkt sich der Künstler im Sinne der Minimal Art auf wenige Objekte oder Objektgesamtheiten. In der Völklinger Hütte sind dies metallene Archivkästen (3,3 x 6 x 18 Meter), Kleider, Licht und Sound.

Wie zwei Wände sind übereinandergestapelte, rostbraune Archivkästen, jeder eine Nummer tragend, gegenüber angeordnet und bilden einen schmalen Gang, der sich zu einem Berg aus dunklen Kleidungsstücken öffnet, um von der rückwärtigen Wand aus weiteren Archivkästen von allem „Außen“ abgeschlossen zu werden.

Kultur der Erkenntnis

Dämmriges Licht von der Decke, Stimmen, die die Namen ehemaliger Zwangsarbeiter flüstern. Zum Gesamtkunstwerk werden diese wenigen, fragilen Erinnerungsstücke aber erst durch die individuelle Erfahrung beim Begehen der Installation.
Kein statisches Verharren wie vor einem Bild – stattdessen gibt der zwischen den Kästen geschaffene Raum den Weg vor, lenkt die Seherfahrung und initiiert beinahe eine rituelle Prozession. Dies vermittelt eine kontemplative Innerlichkeit, die am Ende mit dem Anblick des nun von grellem Licht angestrahlten Kleiderberges konfrontiert wird.

Für Boltanski existiert eine direkte Verbindung zwischen Namen oder Kleidung als „small memories“ und den Menschen, die sie getragen haben. Ihre Fragilität im Blick will er sie bewahren, ihr durch die Installation ein neues Leben geben. Boltanskis Arbeit ist offen und widersprüchlich, er fordert den Betrachter heraus, sich vor dessen eigenem Hintergrund mit Identität, Trauma, Tod und Vergänglichkeit auseinanderzusetzen.

In der Erzhalle hat Boltanski 91 historische Arbeiterspinde unter spärlicher Beleuchtung installiert, Objekte, die zunächst unbedeutend erscheinen und normalerweise kaum beachtet werden: Sie erfüllten eine Funktion – mehr nicht. Doch der Künstler hat auch diesen schmalen Schränken aus Metall oder Holz eine Stimme gegeben, an die der Besucher allerdings nahe herantreten muss. In beliebiger Reihenfolge tauchen sie genauso ungeordnet auf, wie die Spinde im Raum platziert sind.

Auch hier die Aufforderung, nach den Spuren und Zeitzeugen zu suchen, um die Erinnerung an Vergangenes am Leben zu erhalten. Ehemalige Hüttenarbeiter erzählen neben Biografischem von Lärm, Hitze, Atemnot und Schmutz während der Arbeit und dem intimen Verhältnis zum eigenen Spind, der nicht nur nützlich zur Aufbewahrung der persönlichen Dinge und Kleidung war, sondern für einen kurzen Moment vor Beginn und nach Ende der Schicht wie ein privates Refugium fungierte, wie ein Verbindungsglied zur Welt außerhalb des Stahlwerks.

¹ Artspace Ed.: „It’s The Idea That’s Important“: Christian Boltanksi Thinks Art is Like a Musical Score that Anyone Can Play. July 14, 2017 https://www.artspace.com/magazine/art_101/book_report/christian-boltanski-phaidon-54886

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