Das Jahr 2018 hat es wieder mal gezeigt. Luxemburger reagieren sensibel, wenn man ihre Kulturprodukte analysiert und sie nicht wie Monumente, die man auf Hochglanz poliert und vor denen man niederkniet, behandelt, sondern kritisch so beäugt, wie man es mit popkulturellen Kreationen tun sollte. Bedeutet: Sich dialogisch mit dem, was sie mit unseren Emotionen tun, wie sie Weltanschauungen bestätigen oder infrage stellen, auseinandersetzen. Wie man hiesige Kunstprodukte wirklich analysieren sollte – darüber unterhalten sich Anne Schaaf und Jeff Schinker.

Welpenschutz

2018 stellt für mehrere junge luxemburgische Kulturschaffende wohl einen kleinen Meilenstein dar. Denn es ist das Jahr, in dem ihr erstes Album veröffentlicht wurde, ihre erste literarische Produktion auf den Markt kam oder auch die erste große Filmrolle anstand. Mehr als eine Kreation wurde mit großer Spannung erwartet und unter Journalisten bereits im Voraus diskutiert. Nicht zuletzt auch, weil sich immer wieder die Frage des Umgangs mit dem sogenannten „Erstlingswerk“ stellt. Nun ist die Kulturredaktion des Tageblatt nicht unbedingt dafür bekannt, stets Samthandschuhe beim Tippen ihrer Kritiken zu tragen, doch dies bedeutet keineswegs, dass nicht auch über andere Vorgehensweisen debattiert wird.

Beispielsweise über eine etwaige Notwendigkeit von „Welpenschutz“. Dieses von der Tier- in die Menschenwelt transponierte Phänomen impliziert, dass gegenüber Unerfahrenen eine andere, höhere Toleranz herrscht als gegenüber jenen, die länger dabei sind und sich besser auskennen. Hat eine derartige Haltung im Rahmen von Kritiken wirklich ihre Berechtigung? Tendenziell wäre diese Frage eher mit einem „Nein“ zu beantworten. Liegt das schöpferische Debüt vor, so sollte man dieses – wie alle anderen – mit der nötigen Strenge untersuchen und bewerten.

Und doch ist im Kulturjournalismus eine Reflexion darüber, an welchem Punkt seiner professionellen Laufbahn beispielsweise ein Schauspieler, Künstler oder Filmemacher steht, essenziell. Denn diese kann unter anderem Aufschluss darüber geben, wie viel Zeit derjenige bereits hatte, um sozusagen „konstruktiv zu scheitern“, seine eigene Vorgehensweise zu überdenken und Feedback sinnvoll umzusetzen. Wenn aber gerade erst die Startlinie verlassen wurde, fehlt es schlicht und ergreifend an Vergleichsgegenständen und so ist es quasi unmöglich, genau abzuschätzen, wie er sich entwickeln wird.

In genau diesem Moment schleicht sich dann möglicherweise etwas ein, das bei allen objektiven Kriterien doch etwas mit Wohlwollen oder eben seinem genauen Gegenteil zu tun hat. Denn man kann entweder zumindest anerkennen, dass überhaupt erste Schritte gewagt wurden, oder jede Motivation im Keim erstickend davon abraten, weitere zu vollführen. Möchte man den Begriff des Welpenschutzes also dahingehend deuten, dass jeder es verdient hat, sein Können durch mehr als nur einen Versuch zu beweisen, dann hat er eine gewisse Legitimation. Darauf folgende Resultate abzuwarten und zu einem späteren Zeitpunkt ein allumfassenderes Urteil abzulegen, bieten sich demnach durchaus an. (Es werden sich übrigens wohl auch kaum Journalisten finden, die nur an ihrem ersten Artikel, Interview oder der ersten Reportage gemessen werden wollen.)

Wer mehr als nur eine luxemburgische Zeitung liest, merkt schnell, dass das Thema Welpenschutz von (Kultur-)Redaktion zu (Kultur-)Redaktion unterschiedlich gehandhabt wird, und doch lässt sich feststellen, dass extremere Interpretationen des Begriffes dazu führen können, dass aus Kritiken auf einmal unverhofft Werbetexte werden, und das verpasst dann doch den eigentlichen Sinn und Zweck.

Anne Schaaf, Kulturredaktion

Minderwertigkeitskomplexe

Neben dem von Kollegin Schaaf erwähnten Welpenschutz herrscht in Luxemburg immer noch der ebenso viel debattierte Minderwertigkeitskomplex, der mit sich bringt, dass man diesen den Welpenschutz definierenden Beschützerinstinkt gegenüber Anfängern auf nationaler Ebene ausbreitet und so auch erfahrenen Künstlern, falls sie von Kritikern legitim unter Beschuss genommen werden, ihren Beistand leistet, indem man beispielsweise entrüstet reagiert und besagte Kritiker auf sozialen Netzwerken persönlich beleidigt – ich verweise u.a. auf den von mir bereits in meinem Artikel vorausgesagten Super-Shitstorm, den mein Beitrag über „Superjhemp“ ausgelöst hatte.

In einem Gespräch mit der früheren Leiterin der Kulturseiten des Luxemburger Wort, Marie-Laure Rolland, meinte diese einmal zu Recht, luxemburgische Kulturschaffende würden oft zu sehr, zu schnell und zu jung durch positive Kritiken beflügelt werden.
Einen Namen hat man sich im kleinen Großherzogtum recht schnell gemacht, der ebenso kleine Markt der hiesigen Kulturkonsumenten sorgt aber dafür, dass man sich dann schnell in einem Engpass befindet: Die Kritik im eigenen Lande fällt positiv aus, im Ausland schert sich allerdings niemand um den Künstler, weil er auf internationaler Ebene nicht mithalten kann.

Oft werden hierzulande Produkte gelobt, die internationalen ästhetischen Kriterien nicht standhalten könnten. Verfällt die Kritik dann trotzdem in dithyrambische Beschreibungen, riskiert man, den Kulturschaffenden in einer bequemen künstlerischen Stagnation einzusperren.

Weshalb auch an der Professionalisierung der hiesigen Kritik gefeilt werden müsste. Schließlich ist dies die erste Schule, durch die ein luxemburgischer Künstler muss.
Dies bedeutet aber jetzt keineswegs, dass man, wie Marie-Laure Rollands Aussage implizierte, eine künstliche Art Strenge bei Erstlingswerken anwenden sollte. Hätte man nämlich Rimbaud als Jungspund behandelt, nur weil er keine 18 Jahre alt war, als der Dichter seine Lyrik verfasste, hätte man sich als Kritiker wahrlich nicht mit Ruhm bekleckert. Auch hierzulande gibt es junge Künstler, die toll sind, und alteingesessene Kulturschaffende, die es teilweise aufgrund des Mangels an gebildeten Kritikern zu angesehenen Vertretern ihres Sektors gebracht haben.

Ich sage deswegen: Schluss mit dem Welpenschutz, Schluss mit dem Minderwertigkeitskomplex. Ein Album eines jungen Musikers kann Horizonte eröffnen, eine Ausstellung eines etablierten Künstlers enttäuschen. Dass die Bezugspunkte beim jungen Künstler fehlen, weil er noch kein vergangenes Werk hat, an dem man das aktuelle messen kann, hat Vorzüge (man kann ihm kaum Redundanz vorwerfen) und Nachteile (es fehlt an internen Vergleichsmöglichkeiten).

Im Endeffekt zählt, ob Debüt oder Alterswerk, ob luxemburgisches oder ausländisches Kulturprodukt, nur die Qualität des Werkes, das Erfrischende, das Horizont-Erweiternde, der emotionale Einfluss. Das sind meine – grenzüberschreitenden – Ansprüche, die ich an Kultur habe.

Jeff Schinker, Kulturredaktion

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