Und so war die Spannung vor der Premiere von „Naissance de la violence“ am Freitagabend groß.

Naissance de la violence
Jérôme Richer

Théâtre du Centaure
„Am Dierfgen“
4, Grand-rue
L-2016 Luxembourg

• Regie: Martin Engler
• Mit Sophie Langevin und Steve Karier

Weitere Vorstellungen:

• Am 4., 7., 8., 11. und 15. Oktober um 20 Uhr
• Am 9. und 13. Oktober um 18.30 Uhr
• Am 7., 11 und 12. November um 20 Uhr
• Am 13. Novemberum 18.30 Uhr

Infos und Tickets:

Tel.: (+352) 22 28 28
www.theatrecentaure.lu
www.fundamental.lu

Doch warum haben sich die beiden für ihr aktuelles gemeinsames Projekt – eine Koproduktion zwischen dem „Théâtre du Centaure“ und der „Fundamental asbl.“ – für den Text „Naissance de la violence“ des Schweizer Autors Jérôme Richer entschieden? Die Faszination, die von Stücken ausgeht, die sich mit den spannenden und politisch brisanten Sechziger-, Siebziger- und noch Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts beschäftigen, ist durchaus zu verstehen. Der Idealismus, die Kompromisslosigkeit und vor allem das Kollektivdenken, die viele linksradikale Gruppierungen in Europa zu dieser Zeit prägten, können heute, in einer Zeit politischer Indifferenz, leicht Sehnsüchte hervorrufen. Etwas neidisch schaut man zurück auf diese politisierten, von Widerstand gegen herrschende Machtstrukturen gekennzeichneten Zeiten, in denen auch die Kunst völlig neue Ausdrucksmittel und Wirkungsfunktionen für sich entdeckte.

Doch der Text von Jérôme Richer, der sich an den Biografien der beiden Gründungsmitglieder der Roten Brigaden in Italien, Renato Curcio und Margherita Cagol, orientiert, stellte die Inszenierung vor eine harte Probe. Chronologisch und beinahe lehrbuchhaft erzählt Richer die Entwicklung der Roten Brigaden. Dabei fehlt es dem Text nicht nur an Spannung, sondern auch an für die Bühne so wichtigen Konfliktsituationen zwischen den Figuren. Um diese an manchen Stellen sogar an eine brave Nacherzählung erinnernde Textstruktur aufzubrechen, musste sich Martin Engler, der Regie führte, wirklich etwas einfallen lassen.

Nervtötendes Brummen der Alarmanlage

Martin Engler holt aus dem Text heraus, was geht. Videoeinspielungen und Bildprojektionen sowie Tonbandaufnahmen besonders zu Beginn sorgen für eine bedrückende, mit Gefahr aufgeladene Stimmung. Die Kamera führt durch ein Gefängnis, Margherita Cagol irrt umher. In regelmäßigen Abständen ertönt eine Alarmanlage, ein nervtötendes Brummen, das sich durch das gesamte Stück zieht und immer wieder für radikale Brüche im Textverlauf sorgt.

Auch wenn sich wegen des Textes zwischen den beiden Schauspielern Steve Karier und Sophie Langevin keine wirklichen Konfliktsituationen entwickeln können, überzeugen die beiden durch ihr treffsicheres Spiel. Sophie Langevin in weißem, unschuldigem Nachthemd stilisiert Margherita Cagol beinahe zur Märtyrerin. Ihre zarte und doch kraftvolle Ausstrahlung gibt ihrem Spiel Glaubwürdigkeit und Sympathie. Besonders Steve Karier geht in der Rolle des Revolutionärs völlig auf. Es macht ihm sichtlich Spaß, Renato Curcio zu verkörpern. Vor allem in Szenen, wo dieser leidet, ist Steve Karier herzergreifend komisch. Wie er völlig nackt, mit seinen Klamotten unter dem Arm vor dem imaginären Gefängniswächter steht oder wie er stocksteif und gequält mucksmäuschenstill stehen muss, als die italienische, beinahe nicht mehr enden wollende, Nationalhymne erklingt, sind Höhepunkte des Abends, die bei der Premiere für herzliches Lachen im Publikum sorgten.

Das Stück ist vor allem wegen der schauspielerischen Leistung durchaus sehenswert, doch bleibt dennoch beim Verlassen des Theaters ein unbefriedigtes Gefühl. Vielleicht wäre es besser gewesen, sich nicht chronologisch an der Entstehungsgeschichte der Roten Brigaden zu orientieren, sondern ein Ereignis, etwa die Entführung und Ermordung des italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro, in den Mittelpunkt zu stellen, um Handlungssituationen aufbauen zu können. Doch das wäre dann wohl ein anderes Stück.

Janina Strötgen