Die Künstlerin Nina Tomàs entwirft mit außergewöhnlichen Stilmitteln rätselhafte, zugleich überlegt konstruierte Bildprogramme. Raum und Zeit sind Grundelemente ihres Werkes und damit auch die Themen Struktur, Bewegung und Veränderung. In der Galerie Nosbaum Reding zeigt sie einen Querschnitt ihrer zum Staunen und Nachdenken anregenden Arbeiten.

Von Martina Kaub

Es ist keinesfalls übertrieben, ihr Werk als äußerst komplex in mehrfacher Hinsicht zu bezeichnen. Da wäre zunächst das Format einzelner Werke zu nennen. Bei dem mehrteiligen Zyklus „Sens unique“ handelt es sich um sechs Leinwandbilder von jeweils 200 mal 150 Zentimeter. Zu dieser Größe kommt hinzu, dass die Tafeln unmittelbar aneinander anschließen und durch übergreifende Bildelemente thematisch miteinander verbunden sind.

Komplex sind sie auch in Bezug auf die eingesetzten Materialien. Zeichnungen mit Bleistift beziehungsweise Kohle fungieren sowohl als Vorzeichnung oder Kontur für mit Öl oder Acryl ausgemalte Flächen als auch als selbstständige Linie oder geometrische Form. Pastell-, Öl- und Acrylfarben werden in gedämpften Tönen großflächig aufgetragen und kontrastieren dann mit klaren bis leuchtenden, gelegentlich grellen Farben; an anderer Stelle werden Acrylfarben so verblendet, dass harmonische Farbtöne entstehen.

Nina Tomàs ergänzt diese Palette um weitere Materialien. Hier fällt vor allem ein feines Blattmuster auf, das sich zuerst auf einem applizierten Stück goldfarbenen Stoffes zeigt, dann auf Papier malerisch reproduziert wird. Stoff dient darüber hinaus als Untergrund, der bemalt, eingefärbt oder selbst zum Bildgegenstand wird.

Eroberung des Raums

Charakteristisch für das Formenspektrum sind geometrische und organische Abstraktionen, wobei Letztere gelegentlich mit weichen Übergängen in einen menschlichen Körper oder Extremitäten münden. Demgegenüber stehen pointillistische Anleihen oder die klaren Linien der Pop-Art, die allerdings weniger Bildraum beanspruchen.

INFO Nach Studien in Paris, Québec und an der Universität Aix-Marseille kann die im französischen Béziers 1989 geborene und zwischen Luxemburg und Brüssel pendelnde Künstlerin Nina Tomàs bereits auf ein umfangreiches Werk zurückblicken. Für dieses wurde sie mit Stipendien und Preisen wie dem „Prix révélation“ des „Cercle artistique de Luxembourg“, dem „Prix ESADMM“ der Marseiller Kunsthochschule und dem „Prix jeune artiste“ der „Biennale d’art contemporain“ in Strassen ausgezeichnet. Breite Anerkennung haben längst auch ihre eigenen Ausstellungen und die Teilnahme an Sammelausstellungen in Frankreich, Luxemburg und Belgien gefunden.

Es läge vielleicht nahe, beim Werk von Nina Tomàs von Mixed Media Art zu sprechen, jedoch lehnt sie selbst diesen Begriff und jegliche Kategorisierung für ihre Arbeiten ab. Dies entspricht ihrer inneren Haltung und Intention, eine schöpferische Idee im Rahmen des künstlerischen Prozesses derart zu entwickeln, dass Bildmotive, Anspielungen oder Gesten auf die Präsenz des Selbst verweisen.

Bei der Anlage einer Komposition geht sie Schritt für Schritt voran, lässt sich Zeit und erobert den Bildraum sequenziell mit einem Kontinuum aus heterogenen, ineinandergreifenden Elementen. Deren Uneinheitlichkeit und Fragmentierung spiegeln gegenwärtige gesellschaftliche Verhältnisse wider, die Zerrissenheit menschlicher Existenz, gleichzeitig – analog zur Vernetzung der Bildzonen – das Gefangensein des Individuums in immer weiter ausgreifenden Datennetzen, die ubiquitäre Überfrachtung mit Informationen. Wer sich der Reizüberflutung nicht widersetzt, läuft Gefahr, die wesentlichen Dinge zu übersehen. Bezogen auf einzelne Bilder bedeutet dies: Nur wer nah an das ein oder andere Bild herantritt und seine Wahrnehmung schärft, erkennt kleinste, exakt gemalte Objekte, ein Bild im Bild oder Stimmungen. Mit ihrem zentralen Fokus auf den Menschen zeigt die Künstlerin den fragmentierten Körper, der, um seine Ganzheit und Freiheit zu erlangen, Veränderungen und Metamorphosen durchleben und heraus aus den zahlreichen „Einbahnstraßen“ den ihm angemessenen Platz in der Welt finden muss.

Nina Tomàs überrascht darüber hinaus mit einem empathischen, zugleich analytischen Blick auf Zeitphänomene und Problemkreise aus den Bereichen Ökologie, Ökonomie, Migration, Armut und Alter. Hier wird ihre Kunst gegenständlich und sie wählt verschiedene Größen und Formate des Bildträgers dem Motiv entsprechend aus, wie zum Beispiel ein Tondo für die Darstellung der Affenbrotbäume des „Kleinen Prinzen“. Auch Serigrafien, Textildruck und eine dreidimensionale Arbeit zeugen von der außerordentlichen Kreativität der Künstlerin. Das gelungene Arrangement ihres Werkes in der Galerie Nosbaum Reding macht den Besuch der Ausstellung zu einem inspirierenden, nachhaltigen Erlebnis, das zur persönlichen Auseinandersetzung mit der Vielfalt der präsentierten Themen und der Art ihrer Darstellung anregt.

Bis zum 23.2. in der Galerie Nosbaum Reding in Luxemburg-Stadt

 

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