Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Käptn Peng, und Käptn Peng war das Wort. Ein bisschen Blasphemie hat noch nie geschadet, um Dinge so zu beschreiben, wie sie sind. Und dass Robert Gwisdek (aka Käptn Peng) sowie seine Kollegen ihre Fangarme weit ausstrecken, um nach Wörtern und ihrem möglichen Sinn zu greifen, darf nun mal als Tatsache gelten.

Die (Tour-)Geschichte, die aktuell erzählt wird, beginnt mit dem „nullten Kapitel“, dem neuen Album jener Band, die man als Inbegriff der Intertextualität bezeichnen kann. Hier stößt nicht nur J.D. Salinger auf Aldous Huxley, sondern Physik auf Poesie. Je nach Perspektive wird aus Unsinn auf einmal Sinn und umgekehrt. Auf der Suche nach neuen Bedeutungszusammenhängen taucht das einzigartige Projekt tief in sein eigens dafür geschaffenes Universum ein und wird eins mit den Neologismen, die es entstehen lässt. Es gibt keinen Gedanken, den man nicht doch irgendwie weiterdenken könnte. Mit jedem Song beginnt eine außerordentlich spannende Irrfahrt. Irren ist bekanntlich menschlich, und das Menschliche ist das Fachgebiet von Käptn Peng und den Tentakeln von Delphi.

Diese Band in Worte zu fassen, fällt schwer, besingt sie sich doch selbst als „unkapierbar klassifizierbar“. Sie unterwirft sich keinen stilistischen Zwängen und muss dies auch nicht, denn die Mitglieder der kreativen Truppe haben sich ein musikalisches Zuhause erbaut, das den Namen „Kreismusik“ trägt. Dieses Label beherbergt nicht nur sie, sondern insgesamt 12 Acts, die von Post-Dubstep bis hin zu auf Saiten gespielten Endzeitgedanken reichen. Robert Gwisdek genießt die schöpferische Freiheit, die damit einhergeht: „Das einzige Bindeglied ist unsere Freundschaft. Wir haben alle sehr unterschiedliche musikalische Hintergründe, das geht von Metal über Hip-Hop und macht bei Drum ’n’ Bass nicht halt. Dadurch, dass wir uns eben nicht zusammengetan haben, um nur einen bestimmten Stil zu spielen, unterlagen wir nie einem bestimmten Druck.“

Unter anderem Monster und komische Wesen bevölkern die Songs, Abstraktheiten, Widersprüche und Verwandlungen stellen häufig den Inhalt der eigenwilligen Kreationen dar. Auch geometrische Figuren kehren immer wieder und die Kreiszahl Pi erfreut sich hoher Beliebtheit. Aber welche Form passt denn nun zur Musik? Gwisdek hält sie zumindest nicht für formvollendet: „Sie ist weder geometrisch noch symmetrisch, daher würde ich sie eher als waberndes Konstrukt bezeichnen.“ Dem schließt sich Moritz Bossmann an: „Das Bild der Tentakel ist eigentlich sehr treffend, weil zwar alles von einem Zentrum ausgeht, aber in total unterschiedliche Richtungen verlaufen kann. Textlich wie musikalisch.“

In „Werbistich“, einem Song, den Gwisdek mit seinem Bruder Johannes, dessen Künstlername „Shaban“ lautet, produziert hat, heißt es: „Guten Morgen Menschheit, er nennt sich den Käptn, er ist gekommen, um euch Rätsel zu rappen.“ Diese Zeile ist Programm, denn die Zuhörerschaft wird immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt. Bossmann gefällt diese Auseinandersetzung zwischen den Musikern und dem Publikum: „Es ist ein reizvoller Moment, Fragen zu stellen und die Zuhörer damit zu konfrontieren. Es besteht aber keine Notwendigkeit, schlüssige Antworten zu finden. Das Schöne ist, dass sich am Ende nicht alles auflöst, die gestellten Fragen sind oft eh zu groß, um in einem Song beantwortet zu werden.“

Die Band verzichtet bewusst auf Aufrufe und Parolen, ist deswegen aber trotzdem keineswegs unpolitisch. „Man muss das nicht dezidiert formulieren“, findet Gwisdek, der dazu einlädt, zwischen den Zeilen zu lesen. Dem Zuhörer soll Raum zur Interpretation gelassen werden. „Wer es fühlen kann, der begreift es auch“, fügt Bossmann hinzu. Bei Käptn Peng und den Tentakeln von Delphi drehen sich viele hochkomplexe Gedankengänge um das eigene Ich, die Selbstreflektion steht häufig im Vordergrund. Haben wir es hier mit Egozentrismus zu tun oder doch mit einem durchaus nötigen Prozess? „Ich glaube, dass es ein starkes Ego braucht, um den Wunsch zu entwickeln, sich vom Ego zu befreien“, wirft der MC hier ein. Ego-Entwicklungen zu beobachten, zu hinterfragen und mit Humor zu beschreiben, sieht er als seinen Auftrag an.

Wer ein Konzert wie am Mittwochabend im Atelier miterleben darf, merkt schnell, dass hier kein Ton und schon gar keine Zeile nur dekorativ funktioniert. Es finden wahrhaftige Ideenexplosionen statt, aber macht dies die Herren zu Getriebenen ihrer selbst? Laut Gwisdek hat sich der Arbeitsprozess vom ersten zum zweiten Album stark verändert: „Das erste war wie eine Hasenjagd, wo man viel zu viele Hasen um sich rum hatte und gar nicht wusste, wie man die jetzt alle einfängt. Bei der zweiten Platte war es eher so, wie im Bergwerk nach Gold zu schürfen und tausend Jahre nur Steine rauszuholen.“ Dem neuen Album lagen tatsächlich mehr als 40 Skizzen zugrunde, aus denen dann wiederum eine Auswahl weiterentwickelt wurde. „Da war es ein Impuls, der sich ganz lange seinen Weg nach draußen suchen musste“, so Bossmann.

Dass ihre Musik von Fach-Journalisten jenseits der Musikpresse besprochen wird, freut sie zwar, jedoch bedeutet ihnen die Tatsache, dass das Publikum sehr heterogen ist, viel mehr. „Auf unseren Konzerten stehen Rockopas neben Hip-Hoppern und Kinder neben Greisen. Es ist wahnsinnig schön, wenn man merkt, dass Dinge zueinanderfinden, die erstmal getrennt erschienen“, stellt Moritz Bossmann zufrieden fest.

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