Schöne Beispiele für diese Tradition sind die bis heute bestehenden Graffiti an den Hauswänden in der römischen Stadt Pompeji oder auch Graffiti an Wänden der antiken, nach dem trojanischen Krieg von den Griechen eroberten Stadt Perge an der Südküste der Türkei. Während die Graffiti in Pompeji eher politisch motiviert waren, also als Art Wahlplakat gewertet werden können, ritzten die Hellenen Graffiti in Marmorsäulen, um ihre Sporthelden zu huldigen. Allen technischen Errungenschaften zum Trotz – vom Buchdruck Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur 500 Jahre jüngeren Erfindung des Internet – besteht diese Form von Kommunikation nach wie vor autonom fort. Ihren Anfang als Kunstform erlebte die Graffitikultur in den siebziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts in New York. Die New York Times war es, die 1971 mit einem Interview den noch bis heute als den Pionier des urbanen Graffiti geltenden Taki 183 mit einem Schlag berühmt machte. Ein Jugendlicher, der sich den Spitznamen Taki gab, in der Hausnummer 183 lebte und seinen Namen beim Austragen von Briefen auf Häuserwände, Straßenlaternen und Brücken in New York sprühte, um seine Botschaft „I am Taki, I was here and I exist“, überall zu hinterlassen. Wie ein Lauffeuer verbreiteten sich diese Reviermarkierungen in New York, Philadelphia, der gesamten Ostküste und schwappten mit einigen Jahren Verspätung auch zu uns nach Europa.

„I was here“

Ob Taki 183, Tracy 168 oder Stay High 149, sie alle hinterließen ihre Pseudonyme. Sie sprühten immer größer und bunter, aus gewöhnlichen Buchstaben wurden verschnörkelte Schriftzüge, Verzierungen kamen hinzu. Schließlich wollte jeder den anderen übertrumpfen, um die Aufmerksamkeit auf seine Tags und Graffiti zu lenken. Bereits Ende der siebziger Jahre beschloss die Stadt New York gegen die „Verschmutzung der Stadt“ durch Graffiti vorzugehen. Die Reinigungsmaßnahmen fanden ihren Höhepunkt Mitte der achtziger Jahre, als tausende von Angestellte der Subway dazu verpflichtet wurden, für ein jährliches Gesamtbudget von 52 Millionen Dollar über 6000 Waggons zu reinigen. Mit der Ernennung von Rudolph Giuliani zum Bürgermeister im Jahre 1994 und seiner Politik der „zero tolerance“ verstärkten sich auch die Strafverfolgungen. Viele Sprayer mussten sich vor Gericht verantworten, da sie wegen Vandalismus oder gar Hausfriedensbruch angezeigt wurden. War und ist Giuliani doch bis heute der Meinung, dass jede tolerierte Straftat – seien es nun Graffiti oder eine eingeschlagene Fensterscheibe – der Beginn gesellschaftlichen Verfalls sei. Doch selbstverständlich lassen sich Sprayer überall auf der Welt von solchen Sicherheitsfanatikern nicht einschüchtern. Der Adrenalinkick, den das Sprayen auslöst, um zu zeigen „I was here“ und ihr habt mich nicht erwischt, gehört zum Graffiti wie die Spraydose. Graffiti haben vor 3.000 Jahren existiert und werden es sicherlich auch noch in 3.000 Jahren tun.