Vergangenen Donnerstag fand die Vernissage zur ersten Ausstellung der sogenannten “Intro”-Reihe nach den Sommerferien in der hauptstädtischen Galerie beim Engel statt. Sowohl Künstler des Collectif Dadofonic der Ligue HMC als auch Kunstschaffende von CooperationsArt zeigten unter dem Titel “Art brut” ihre Werke und zögerten nicht, den Besuchern Rede und Antwort zu stehen.

Unabhängig von Begrifflichkeiten wie “Art brut” oder “Outsider Art” sind die ausgestellten Werke durch eine bemerkenswerte Individualität gekennzeichnet. Die völlige Verweigerung, sich aktuellen Moden und Trends zu unterwerfen, schafft Raum für eine erfrischend subversive Herangehensweise, sowohl seitens der Künstler als auch hinsichtlich der Ausstellung selbst.

In der verwinkelten, mehrgeschossigen Galerie wartet hinter jeder Ecke eine Überraschung. Das liegt auch an der Verschiedenheit der ausgestellten Kunst: Von abstrakten Skulpturen aus Holz, Draht und Stoff über Requisiten einer Theateradaptation von Samuel Becketts “Watt” hin zu Bildern und Videokunst reicht die Palette.

(Lelita Almeida, Jacqueline Schockmel, Cristiano Dias Andrade und Sandra Fernandes Fitas in der Kulisse ihres Stücks “Watt elo”)

Da der Fokus auf der Gemeinsamkeit der Künstler statt auf der Selbstähnlichkeit der Werke liegt, wird der Gang durch die Galerie zu einer Art Reise durch den Schaffensprozess von Künstlern, die die Gesellschaft häufig vordergründig als “behindert” bezeichnet, obwohl zu der Beschreibung eines Menschen weitaus mehr gehört.

Abgesehen von dem ausgestellten Bühnenbild von “Watt elo” werden die Werke kaum thematisch zusammengefasst, sondern jeder Künstler hat seinen Bereich. So hängen beispielsweise abstrakte Stickmosaiken neben Andachtsbildern – und neben einem Porträt von Spiderman.

(Lisa Schmit und ihre aufwendigen farbenfrohen Werke)

Das verbindende Element bei betreffender Künstlerin ist die Technik, der Inhalt ist dagegen völlig divers. “Ich habe das Sticken gewählt, weil es bei der Konzentration hilft, ich nehme mir viel Zeit für die Auswahl der Farben sowie für das Anfertigen der einzelnen Werke. Ich habe auch mit Menschen gesprochen, die andere Dinge darin sehen als ich, das ist total in Ordnung”, erläutert die Künstlerin Lisa Schmit, die im Atelier von CooperationsArt in Wiltz arbeitet.

Künstlerisches Schaffen als Ventil

Bei anderen Malern wie Ben Kieffer ist der inhaltliche Zusammenhang dafür offenkundig: Tod und Gewalt stehen hier im Zentrum des Werkes, der Graffitistil stellt einen beunruhigenden Stilbruch zwischen Aussage und Form der Bilder dar. “Wenn es Leuten nicht gut geht oder sie Wut verspüren, ist es oft eine gute Idee, zu malen. Es hilft ihnen, den Stress und den Zorn abzustreifen – durch das Malen und Zeichnen erreichen sie einen Zustand der inneren Ruhe, sie werden positiver”, erklärt der Maler seine Herangehensweise.

(Ben Kieffer vor seinem Selbstporträt)

Und damit unterscheidet sich seine Motivation vermutlich kaum von der vieler anderer Künstler, die ihr Schaffen als Ventil benutzen, um sich von den Widrigkeiten des allzu menschlichen Alltags zu befreien. “Die Leute denken, dass du verrückt bist, und du musst ihnen recht geben, denn Künstler sind nun mal verrückt.”

Die ausgestellten Werke sollen aber nicht nur einen Einblick in das Schaffen gewähren. Wie in fast jeder anderen Galerie stehen die Bilder, Skulpturen und Installationen auch zum Verkauf. Und gleich am ersten Abend finden zwei Objekte auch neue Besitzer. “Mit dem Geld können wir dann wieder neue Projekte finanzieren, das ist der Vorteil und das finden wir gut”, erklären Lelita und Sandra, ihres Zeichens Schauspielerinnen und Bühnenbildnerinnen des Collectif Dadofonic. Sie sind unter anderem verantwortlich für eines der verkauften Kunstwerke – einen Kinderwagen mit einer selbst genähten Babypuppe mit Knopfaugen, die nicht nur auf den ersten Blick an Tim Burtons “Coraline” erinnert. Sie war Teil der Inszenierung von “Watt elo”.

E Stéck iwwert d’anescht sinn: WATT ELO from collectif DADOFONIC on Vimeo.

Spätestens wenn ihm die Schreie aus dem Keller ans Ohr dringen, überfällt den Besucher ein leichtes Gruseln. Doch was wie das tiefste Unterbewusstsein des Hauses anklingt, entpuppt sich als Videoaufzeichnung des zuvor genannten Theaterstücks. Zwei Stühle stehen für potenzielle Zuschauer bereit, und jedem, der die Zeit mitbringt, sei die Aufführung wärmstens ans Herz gelegt.

Diese Empfehlung erstreckt sich auf die gesamte Ausstellung – hier wird ein Einblick in eine sich immer weiter emanzipierende Welt gewährt, die im Alltag oft zu sehr an den Rand gedrängt wird.

Auf die Frage eines Besuchers hin, was sie denn täten, wenn sie gerade nicht Theater spielen, haben Lelita und Sandra eine klare Antwort: “Wir malen, basteln und tüfteln an neuen Stücken. Und wir gehen uns andere Theaterstücke anschauen, um zu lernen. Das ist ja unser Beruf, Kunst ist unsere Arbeit.”

COOPERATIONS ART Image Film from Cindy Hennes on Vimeo.

Von Tom Haas und Anne Schaaf

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