Anatol ist ein Frauenheld, der lügt und betrügt, weil ihm der Mut fehlt, wirklich zu lieben. Mit der Wahl der Location hat Maskénada für ihre aktuelle Produktion ins Schwarze getroffen. Die Theatertruppe lädt ins Möbel- und Einrichtungshaus „Sichel“ in Howald, ein Ort für Menschen, die sich ein Nest bauen möchten. Meistens in vertrauter Zweisamkeit.

„Anatol“ von Arthur Schnitzler

Regie: Marion Rothhaar
Mit Markus Bader, Alexandra Bentz (Foto), Nickel Bösenberg, Sascha Ley und Jacques Schiltz

Aufführungen:
27., 29., 30. März und 3., 5., 6., 10., 12., 13. und 17. April
Wo? Sichel Home, 34 Rangwee, Howald

Tickets und Info:
Tel.: (+352) 2748 9382
info@maskenada.lu
www.maskenada.lu

An diesem Ort der Stabilität und Beständigkeit spielt sich nun aber keine romantische Liebesschnulze mit Happy End ab, sondern Arthur Schnitzlers Einakterzyklus „Anatol“. Ein Stück, das von Menschen erzählt, die sich aus Angst vor Enttäuschung und Verletzbarkeit lieber in kurzweilige Abenteuer und falsche Illusionen flüchten, anstatt sich zu binden und ein gemeinsames Bett zu kaufen.

Zwischen Anziehung und Abstoßung

Regisseurin Marion Rothhaar hat sich auf fünf der insgesamt sieben Einakter beschränkt und ihre Reihenfolge vertauscht. Denn anstatt mit der „Frage an das Schicksal“, beginnt sie – wie sollte es in einem Kaufhaus auch anders sein? – mit den „Einkäufen“. Damit gibt sie dem Protagonisten Markus Bader als Anatol gleich die Möglichkeit, seine Figur wunderbar auszuspielen. Anatol ist voll in seinem Element, als er auf der Suche nach einem Geschenk für seine derzeitige Geliebte auf seine Ex Gabriele (Sascha Ley) trifft und mit ihr das Wechselspiel zwischen Anziehung und Abstoßung grandios auskostet: Seine Komplimente dosiert er perfekt. Ja nicht zu viel, das macht uninteressant, doch auch nicht zu wenig, schließlich soll sie ruhig anbeißen. Es macht großen Spaß, Markus Bader dabei zuzusehen, wie er mit einer unschlagbaren Süffisanz seine Pfeilspitzen abfeuert und sich gleichzeitig jedoch sofort als eitler und vor allem emotional impotenter Gockel entlarvt.

Dennoch ist es Nickel Bösenberg, dem es als Anatols bester Freund Max immer wieder gelingt, Markus Bader an die Wand zu spielen. Er agiert im Hintergrund, als stiller Beobachter, der mal hier, mal da eine Pointe platziert und sich allmählich und schleichend als der wahre Frauenheld positioniert. Sascha Ley und Alexandra Bentz spielen abwechselnd die unterschiedlichen Geliebten. Während Sascha Ley leider immer wieder ins Alberne und Überzogene abrutscht, gelingt es Alexandra Bentz, die Balance zwischen Natürlichkeit und Karikatur zu halten. Mit ihrem Spiel als sich von Austern und Champagner verabschiedenden Lilly macht sie „das Abendessen“ zum Höhepunkt der Aufführung.

Verabschiedung von Austern und Schampus

Weil sie wunderbar lustig ist, aber auch weil sie es schafft, mit der Figur der Lilly zu zeigen, dass Schnitzler bereits vor über hundert Jahren die traditionellen Geschlechterrollen aufgehoben hat, indem er weibliche Verhaltensweisen an die der Männer annähert: Denn Anatol lädt zum schicken Essen, um sich zu trennen und es ist Lilly, die ihm eine Lektion erteilt. Sie verlässt ihn, obwohl sie ihm ewige Liebe geschworen hat. Seine Gefühle sind ihr egal, ihr geht es alleine darum, noch einmal luxuriös zu dinieren, um dann einen Schlussstrich zu ziehen und sich von ihm befreit in die Arme ihres Künstlers zu werfen.

Marion Rothhaar hat für ihre gelungene Inszenierung das Nomadentum von Maskénada völlig verinnerlicht. Denn von Akt zu Akt lässt sie die Protagonisten und mit ihnen das Publikum umziehen, von Anatols Wohnzimmer ins Restaurant und zum Schluss ins Bett. Dort, wo Anatol an seinem eigenen Hochzeitsmorgen neben der „falschen“ Frau aufwacht.
Theater im Möbelhaus macht Spaß: Überall Stühle, Sessel, Betten und Chaises Longues: Das Hin- und Herziehen von einer Station zur nächsten und die Interaktionen zwischen Schauspielern und Publikum machen den Abend noch kurzweiliger, als er eh schon war. Sehenswert!

Janina Strötgen/Tageblatt.lu