Auch Fernand Kartheiser, der „letzte Patriot des Landes“, ist Anfang September, als er mal wieder durch das idyllische Städtchen Luxemburg spazierte, wohl an einem der Plakate oder Sticker des Künstlerkollektivs Richtung 22 hängen geblieben. „Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss“ stand da drauf, und noch schlimmer: In der Ecke fand sich das Logo vom Kulturministerium!

Lëtzebuerg, du hannerhältegt Stéck Schäiss

Die Vorstellungen am Montag- und Dienstagabend im Centaure sind leider bereits ausverkauft. Das Künstlerkollektiv plant aber, einen Filmmitschnitt ins Internet zu stellen. Weitere Informationen auf der Webseite
www.richtung22.org.

Kartheiser schreibt selbstverständlich direkt eine parlamentarische Anfrage, was es denn mit diesem angeblichen „Informatiounsspektakel“ auf sich habe und ob die Kulturministerin „juristische Schritte in Betracht“ ziehe? Und damit landet das Künstlerkollektiv Richtung 22 noch vor der ersten Aufführung seines neuen Projektes in der Chamber. Auf Facebook entfacht blitzschnell eine Diskussion für oder gegen (zum Beispiel Viviane Reding) das Künstlerkollektiv. Kein Wunder, dass die Karten für die vier Vorstellungen im Centaure im Nu ausverkauft sind. Am Samstagabend war nun Premiere von dem polarisierenden „Informatiounsspektakel“, bei dem Luxemburgs Bemühungen um das „Nation Branding“ im Mittelpunkt stehen sollten.

Arbeit mit Originaldokumenten

Eines vorweg: Das Kollektiv weiß, wovon es redet. Sie verstehen etwas davon, sich gut zu verkaufen. Das haben die Aufregungen vor der Premiere eindrucksvoll bewiesen: Ein provokanter Slogan, wirksame Öffentlichkeitsarbeit und intelligente, auf stichfesten Argumenten beruhende Reaktionen auf gegnerische Stimmen. Davon können sich so manche PR-Berater sicher ein Scheibchen abschneiden …

Doch nun zum Stück: Zehn Künstler, die nicht mit Namen genannt werden möchten, da sie als Kollektiv auftreten, schlüpfen während eineinhalb Stunden in verschiedene Rollen und beleuchten die groß angelegten Bemühungen Luxemburgs, das Image des kleinen Ländchens aufzubessern. Haupttextquelle für das Theaterstück ist die Internetseite nationbranding.lu, auf der „der interministerielle und interinstitutionelle Koordinierungsausschuss ‘Nation Branding’“ seine Arbeit und vor allem seine Ergebnisse vorstellt. Originaldokumente, die – setzt man sie richtig ein und ist man mit etwas Humor ausgestattet – für sich selbst sprechen und abendfüllend sind.

Da werden leere Worthüllen als das entlarvt, was sie sind, PR- Manager der „Big Four“ mit ihren eigenen Argumenten geschlagen und Politiker – in feinster Kabarett-Tradition – aufs Korn genommen. Die Imitation des Xavier Bettel mit obligatorischem Schal und sich manchmal überschlagender Piepsstimme – er ist halt ein Sensibelchen, unser Premier – gehört sicher zu den absoluten Highlights des Abends.

Bemerkenswert ist, dass Richtung 22 den ganzen Abend über nicht einmal übertreibt, nicht einmal ausschert, nicht persönlich wird und niemanden direkt angreift. Die Fakten reichen aus, um dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Hier erlebt man das Ziel des Theaters, Realität mit den Mitteln der Bühne verdichtet darzustellen, in seiner Bestform.

Richtung 22 ist es auf jeden Fall gelungen, dem Image der Luxemburger Kulturszene mit ihrem angeblich konservativen, langweiligen und meist noch eingekauften Angebot etwas entgegenzusetzen: mutiges, politisches und humorvolles Theater! Ein Auftakt in die neue Theatersaison, der nicht besser hätte sein können.

Janina Strötgen