“Les oiseaux de passage” erzählt den Beginn des Marihuana-Handels im großen Stil in Kolumbien. In leisen Tönen zeigt der Film, wie der Reichtum traditionelle Strukturen vernichtet.

Die ersten Bilder des Films lassen eher an Afrika denken als an Südamerika: ein karges Land, in dem nichts wächst außer Grasbüscheln und Hecken. Der nordöstlichste Flecken Kolumbiens, die Guajira-Halbinsel, war und ist eine der ärmsten Gegenden des südamerikanischen Landes. Zu einem kurzen Wirtschaftsboom kam es zwischen 1970 und 1990 durch den Marihuana-Handel. Die Hippie-Bewegung in den USA verschaffte den armen Bauern der Gegend kurzen Wohlstand. “Pajaros de verano” (fr. Les oiseaux de passage, dt. Das grüne Gold der Wayuu) zeigt anhand von zwei Familien des indigenen Volkes der Wayuu, wie das Cannabis zwar kurzfristigen Wohlstand bringt, die Ordnung des traditionsbewussten Volkes jedoch auf den Kopf stellt.

In der Geschichte der Regisseure Cristina Gallego und Ciro Guerra fängt alles – cherchez la femme – wegen einer Frau. Rapayet (José Acosta) will Zaida (Natalia Reyes) zur Frau nehmen, doch deren Familie willigt nur unter der Bedingung einer hohen Aussteuer ein. Mit seinem Freund Moisés (Jhon Narváez) verdingt er sich als Kaffeepflücker, eine Arbeit, die wenig Geld einbringt. Die Begegnung mit jungen “Gringos”, Mitgliedern einer “Friedenstruppe” (der Zuschauer erfährt allerdings nie, welcher), wird ihr Leben verändern. Die jungen Weißen wollen Marihuana und sind gewillt, gut dafür zu bezahlen. Ein Onkel Rapayets besitzt eine Plantage, so ist der Entschluss schnell gefasst, den “Gringos” das zu liefern, was sie wollen. Nach nur einem Deal kann Rapayet die Aussteuer bezahlen.

Meilenweit vom Actionfilm-Genre entfernt

Doch warum aufhören, wo das Geschäft doch so gut läuft? Bei einer Übergabe verliert Moisés die Nerven und erschießt zwei Gringos. Ab da artet das Leben der traditionellen Gemeinschaft immer mehr aus: Die Szenen mit Toten häufen sich. Das Sterben wird allerdings nicht grandios in Szene gesetzt. Der Film, der zu einem großen Teil mit Laiendarstellern gedreht wurde – es wird viel in der Sprache der Wyuu geredet – ist meilenweit vom Actionfilm-Genre entfernt.

Der Tod kommt oft unbemerkt: Dutzende von Leichen werden gefunden, doch wer wen getötet hat, spielt keine Rolle, denn die Protagonisten scheinen der Situation ohnehin mit Lethargie zu begegnen. Insgesamt überwiegen ruhige Alltagsbilder eines naturverbunden Volkes. Die Menschen leben in Hütten, das Wohl der Allgemeinheit spielt ein wichtige Rolle. Der erlangte Wohlstand eines Einzelnen – eine Villa mitten in der Wüste – wirkt wie ein Fremdkörper, an den sich die Nutznießer selbst nicht zu gewöhnen scheinen. Trotz allem Geld schlafen Rapayet und seine Frau weiterhin in einer Hängematte.

Nach dem ersten Deal prosten sich die Freunde noch mit den Worten “Es lebe der Kapitalismus” zu, doch die traditionelle Lebensweise ist nicht auf die kapitalistische Gier vorbereitet. Die Vergewaltigung der Tochter seines Onkels, des Plantagenbesitzers, will Rapayet mit materiellen Gütern entschädigen; dem Onkel ist seine Ehre wichtiger und es kommt zum Krieg, dem beide zum Opfer fallen. Die Übertragung der Bedingungen fällt beim Volk der Wyuu einem Sprecher zu. Als dieser vom Plantagenbesitzer umgebracht wird, kommt dem ganzen Clan die Einsicht, die Drogenhändler müssen gestoppt werden. Man kann das Wort nicht umbringen. Kurz vor seinem Tod bleibt Rapayet nur die Feststellung “Wir haben unsere Seele verkauft.”

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