Das queere Drama „Carmen y Lola“ über eine Liebe zwischen zwei jungen Frauen in der Roma-Community in einem Vorort von Madrid kommt nur fast ohne Kitsch und Klischees aus. Der Film ist aktuell im Ciné Utopia zu sehen.

Von Anina Valle Thiele

Coming-out-Geschichten filmisch zu erzählen, ohne abgegriffene Bilder zu reaktivieren, noch in Pathos abzudriften, ist keine leichte Aufgabe. „La vie d’Adèle“ erntete 2013 auf den Filmfestspielen in Cannes eine „Palme d’or“, obschon der Film auf Stereotype und sinnliche Überinszenierung nicht verzichtet.

Die Aufnahmen einer Verlobung, bei der die junge Frau in ein rüschiges Prinzessinnenkleid gezwängt sich im Kreis dreht und auf den hohen Schuhen kaum laufen kann, muten anfangs etwas schrill an. Denn Regisseurin Arantxa Echevarría, deren Drama 2018 als erste spanische Regisseurin für die „Quinzaine des réalisateurs“ in Cannes ausgewählt wurde und in Spanien für acht „Goyas“ nominiert war, filmt die spanische Roma-Community in einem heruntergekommenen Vorort von Madrid detailversessen dokumentarisch.

„Du bist anders.
Du hast die Eier,
hier rauszukommen.“

Lolas Freundin Paqui

In die schrillen, knallbunten Farben taucht der Zuschauer ein wie in einen Strudel. Der Refrain „Qué guapa está esa novia, olé, olé, olé …“ und das enthusiastische Klatschen der Festgesellschaft der Anfangsszene hallen noch lange nach. Sie habe sich an den Filmen der Brüder Dardenne, insbesondere an „Rosetta“ (1999) inspiriert, erklärte Arantxa Echevarría, die bissher nur Kurz- und Dokumentarfilme gedreht hat und von je her auf Laiendarsteller setzt.

Lesbenchats und bunte Vögel-Graffitis

Ihre Heldin Lola (Zaira Romero) ist als Frau ihrer Community unkonventionell: Als Einzige ihrer Familie kann sie lesen und schreiben und will studieren gehen. In ihrer Freizeit sprüht sie bunte Vögel-Graffitis auf Wände oder schleicht sich schon mal in Internet-Cafés, um dort Lesbenchats auszuprobieren.

Dabei träumt sie vom Ausbruch aus den ihr auferlegten Zwängen als Frau und weigert sich, den ihr vorgezeichneten Weg – früh arrangierte Heirat, möglichst nicht mit einem „Gadjo“, viele Kinder – einzuschlagen; unter Nachbarn und in ihrem Freundeskreis gilt sie als Sonderling.

„Du bist anders. Du hast die Eier, hier rauszukommen“, attestiert ihr komplizenhaft ihre Freundin Paqui (Carolina Yuste – eine der wenigen Darstellerinnen, die Echevarría nicht in der Roma-Community gecastet hat). Carmen (Rosy Rodriguez) entspricht hingegen schon eher dem Stereotyp einer jungen Roma-Frau.

Sie lässt sich anfangs mit einem jungen halbstark wirkenden Mann aus ihrer Community verloben und träumt davon, eines Tages einen Friseur-Salon zu eröffnen. Den Ekel gegenüber Liebschaften des gleichen Geschlechts hat sie von klein auf internalisiert.

Starke Charaktere und Laiendarsteller

Es sind einfache Dialoge, durch die die Regisseurin diese Barrieren aufbricht. „Wenn du nie eine Frau geküsst hast, wie kannst du dann wissen, dass es dir nicht gefällt?“, lässt sie die kühne Lola sagen, bevor sich eine leidenschaftliche Affäre zwischen den beiden jungen Frauen entwickelt, die in starken Filmszenen kulminiert, wie einem Tanz in einem leeren Schwimmbecken.

Die Konsequenzen einer solchen gleichgeschlechtlichen Beziehung in einem archaischen Mikrokosmos werden schonungslos gefilmt: Ekel, Scham, Abkehr und der absehbare Ausschluss aus der Community neben verordnetem Exorzismus. Die sensible Darstellung zweier sich findender Frauen ist wahrscheinlich gerade deshalb so nüchtern und einfühlsam, weil der Film von einer Frau gedreht wurde.

Feinsinnige Milieustudie

„Carmen y Lola“ beeindruckt durch präzise Einstellungen, die bisweilen etwas zu eindeutig geraten sind, etwa, wenn Lola immer wieder gen Himmel blickt und ihr Freiheitsdrang durch das wiederholt gewählte Motiv der Vögel als Graffiti zum Ausdruck kommt.

Als größte Stärke des Films erweist sich jedoch, dass der Film einen authentischen Einblick in eine Roma-Community liefert und damit viele dämliche, doch gesellschaftlich tiefsitzende Vorstellungen über Sinti und Roma aufbricht: Sie wohnen nicht grundsätzlich in Wohnwagen, betteln nicht, fiedeln nicht unbedingt auf der Geige und entsprechen auch nicht zwangsläufig der feurigen Gitana aus Bizets berühmter „Carmen“-Oper.

Echevarría setzt fast ausnahmslos auf starke Charaktere und Laiendarsteller aus der Roma-Community am Rande einer Großstadt und legt so das Innenleben einer Gemeinschaft offen. Allein die letzte Einstellung des Filmes ist total überflüssig: Da nehmen die beiden Frauen Reißaus und laufen im Sonnenuntergang ins Meer. Trotz des kitschtriefenden Endes ist „Carmen y Lola“ eine feinsinnige Milieustudie und ein sehenswerter Film.

 

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