In einer Zeit einer weltweiten Flüchtlingskrise gewinnen Wagners Musikdramen erstaunlicherweise an Aktualität. Man wird sich wieder bewusst, dass Wagners Helden Tannhäuser, Lohengrin, Stolzing und Parsifal eigentlich Antihelden sind, Außenseiter, Ausgestoßene, Fremde, die versuchen, Zuflucht in einer von strengen Regeln definierten „besseren“ Gesellschaft zu finden.

Von unserem Korrespondeten Alain Steffen

Vor Gericht

Die Meistersinger von Nürnberg (27. Juli) in der Inszenierung von Barrie Kosky stellen das Werk selbst in den Mittelpunkt. Im ersten Akt probt Richard Wagner/Hans Sachs in der Villa Wahnfried mit seinen verschiedenen Alter Egos Stolzing und David, sowie Beckmesser/Hermann Levi, Eva/Cosima und Pogner/Franz Liszt seine Oper Meistersinger und stellt sie im zweiten und dritten Akt dann bei den Nürnberger Prozessen vor Gericht.
Das Werk muss sich seiner (antisemitischen?) deutschen Geschichte stellen und es ist am Publikum, darüber zu urteilen, was die Meistersinger von Nürnberg letztendlich sind und was sie für die Gegenwart bedeuten. Das Publikum erlebte eine überwältigende musikalische Darbietung, allen voran der einmalige Michael Volle als Hans Sachs. Ihm zur Seite standen gleichwertige Sänger: Johannes Martin Kränzle als wunderbar schräger Beckmesser, Publikumsliebling Klaus Florian Vogt als kraftstrotzender Stolzing, Camilla Nylund als wunderschön intonierende Eva, Daniel Behle als heldischer David und Günther Groissböck als souveräner Pogner.

Das zügige, detailfreudige und klar ausgearbeitete Dirigat von Philipp Jordan verleiht dieser dynamischen Inszenierung in allen Punkten die musikalische Leichtigkeit, die ihr entspricht, ohne dabei je plakativ zu wirken.

Surrealer Lohengrin

War ich im letzten Jahr noch relativ angetan von Yuval Sharons Lohengrin (29. Juli) in den Bühnenbildern und Kostümen von Neo Rauch und Rosa Loy, so wurden mir in diesem Jahr die Schwächen umso deutlicher bewusst.

Sharon schafft es nicht, seine Geschichte von den surrealen Bildern Rauchs loszulösen, und statt sich dieses starke Setting zu eigen zu machen, verliert sich Sharons Inszenierung in einer hilflosen, altbacken wirkenden und letztendlich nichts sagenden Personenregie, bei der zudem viele Ansätze nicht klar ausgearbeitet werden. Musikalisch bewegte sich dieser Lohengrin dagegen auf sehr hohem Niveau. Vor allem das wunderschöne, ätherische Dirigat von Christian Thielemann wusste zu überzeugen, der wie kaum ein anderer sich die besonderen akustischen Verhältnisse des Festspielhauses zu Nutze machen konnte. Und davon profitierten auch die Sänger.

Klaus Florian Vogt in der Titelpartie riss das Publikum zu Beifallsstürmen hin. Als Elsa hörten wir Annette Dasch, die in letzter Minute für die erkrankte Camilla Nylund eingesprungen war. Großartig auch Georg Zeppenfeld als sonorer König Heinrich, Elena Pankratova als Ortrud und Thomasz Konieczny als Telramund.

Flüchtlingskrise

Uwe Eric Laufenberg lässt die Nebenhandlung des 1. Aktes Parsifal (30. Juli) in einem Flüchtlingslager spielen, einer Kirche in dem Krisengebiet Aleppo. Es geht hier um die Überwindung religiöser Rituale, ja um das Auflösen der verschiedenen Religionen zu Gunsten einer humanen, völkerverständigenden Utopie, symbolisiert durch das Aufgeben und Loslassen der religiösen Relikte.

In diesem nahöstlichen Parsifal bieten in erster Linie Andreas Schager in der Titelrolle (endlich ein wirklicher Heldentenor, der zudem wunderschön und sehr deutlich singt) und Günther Groissböck als stimmgewaltiger Gurnemanz die besten Leistungen.
Und natürlich auch Elena Pankratova, die, nach ihrer von Regisseur Sharon undifferenziert angelegten Ortrud, seit drei Jahren jetzt endlich zeigen darf, was sie kann. Mit Derek Walton als Klingsor empfiehlt sich ein Vertreter der jüngeren Sänger-Generation, während Ryan McKinny als eher blasser Amfortas doch etwas abfällt.

Im Orchestergraben waltet Semyon Bychkov und genießt die Akustik in allen Zügen. Selten hat man den Parsifal hier so detailfreudig und trotz z.T. zügiger Tempi so schwebend gehört wie unter Bychkovs Leitung.

Tobias Kratzers Geniestreich

Kommen wir nun zum Tannhäuser (28. Juli) in der Neuinszenierung von Tobias Kratzer. Und diese darf getrost als Geniestreich bezeichnet werden. Auf Anhieb gelingt es Kratzer, das Werk konsequent, farbenfroh und neu (wir sehen zusätzlich Oskar Matzerath aus der Blechtrommel und den schwarzen Travestiekünstler Le Gateau Chocolat) zu interpretieren und dabei eine schöne Balance zwischen Humor und Tragik zu halten.

Kratzers Geschichte ist die Geschichte des gescheiterten Versuches der Annäherung zwischen der freien, wilden und anarchischen Kunst und der hohen, regelbetonten und moralischen Kunst des Bürgertums. Und dies wird so überzeugend, ironisch, farbig, detailreich und mit vielen Seitenhieben erzählt, dass es eine pure Freude ist, Kratzer auf seinem Weg zu begleiten. Die Entdeckung der diesjährigen Festspiele dürfte wohl die junge norwegische Sopranistin Lise Davidsen sein, die mit einer atemberaubenden Stimme das Publikum zu wahren Jubelrufen hinriss. Stephen Gould ist ein triumphaler, wenn auch nicht unbedingt schön singender Tannhäuser. Sehr sexy und auch stimmlich äußerst attraktiv die Venus von Elena Zhidkova.

Markus Eiche war eine Idealbesetzung für den Wolfram und darf ebenfalls als großer Gewinner der diesjährigen Festspiele angesehen werden. Großes Lob auch für Le Gateau Chocolat (und seine zusätzliche Performance in der ersten Pause im Park des Festspielhauses) und für das stumme, im 3. Akt besonders intensive Spiel von Manni Laudenbach als Oskar.

Dirigiert wurde dieser Tannhäuser von einem enttäuschenden Valery Gergiev, der weder mit der Akustik des Festspielhauses zurechtkam noch mit der Musik wirklich etwas anfangen konnte. In den beiden ersten Akten war seine interpretatorische Präsenz inexistent, nur im dritten hatte er dann einige schöne Momente. Für Bayreuth ist dies allerdings viel zu wenig und man muss sich wirklich fragen, ob ein Dirigent, der hier anscheinend kaum persönlich mit den Sängern gearbeitet hat und dessen Terminkalender so gerammelt voll ist, wirklich der geeignete Mann für die seriöse Erarbeitung einer Produktion ist.

Und über den Chor der Bayreuther Festspiele unter der Einstudierung von Eberhard Friedrich könnten wir jetzt noch wahre Lobeshymnen singen – aber das hieße Eulen nach Athen tragen …

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