Vor knapp drei Jahren meinte der deutsche Musiker, Produzent und Komponist Sven Helbig, welcher am Freitagabend mit dem Forrklang Quartet in der Philharmonie zu Gast war, gegenüber dem Deutschlandfunk, es werde Zeit, die Klassik-Bezeichnung ad acta zu legen, “weil dann immer die Leute, die nun nicht gelernt haben, Klassik zu hören, so eine panische Angst haben, dass sie da irgendwas nicht verstehen”. Obwohl seine Stücke elektronische wie auch klassische Elemente enthalten, werden derartige Ängste sich wohl spätestens nach nur wenigen Klängen auf dem Konzert aufgelöst haben, denn die Musiker reichten dem Publikum die Hand und entführten es für knapp 1,5 Stunden in eine andere Welt.

Wenn wir davon ausgehen, dass ein Teil der Menschheit das, was um ihn herum passiert, künstlerisch verarbeitet, indem er das Erlebte in Musik übersetzt, dann möchte man sich fast nicht fragen, welch tragische Erfahrungen so mancher Schlagersänger, Ballermann-Star oder Klingelton-Produzent gemacht haben muss. Eins ist dennoch klar: Wenn das Erlebnis auch nur halb so schlimm war, wie das Resultat klingt, dann muss es immer noch extrem krass gewesen sein.

Bei Sven Helbig gestaltet sich dieser Prozess etwas anders. Den von ihm behandelten Themen fehlt es nicht an Härte, aber diese schlägt sich auf eine ganz andere Art und Weise in seinen Kompositionen nieder. Da wäre beispielsweise der Track “Eisenhüttenstadt”, der seinem Geburtsort gewidmet ist. Diesen könnte man gewissermaßen mit Belval im Süden Luxemburgs vergleichen, da es sich bei beiden um Planstädte handelt (in denen Arcelor Mittal übrigens bis heute beträchtliche Besitzanrechte für sich verbucht.)

Nun ist der historische Kontext selbstverständlich ein anderer, da Eisenhüttenstadt am Reißbrett entwickelt und 1950 als sogenannte sozialistische Wohnstadt Realität wurde. In diese stark vom damaligen politischen Geschehen gezeichnete Situation wurde Helbig, der Deutschland nach dem Fall der Mauer verließ, um nach New York zu gehen, 1968 hineingeboren. Als er viele Jahre später in seine Heimatstadt zurückkehrte, existierten bestimmte Erinnerungsorte nicht mehr, wie seiner Biografie auf der Internetseite von Deutsche Grammophon zu entnehmen ist: “Now nothing is left of it, and, even worse, this design cannot age with charm. There is no ‘pleasant morbidity’, instead there is just debris.”

Es wäre falsch, zu behaupten, seine Musik habe etwas “Trümmerhaftes”, vielmehr stößt man hier auf raffinierte De- und Rekonstruktion. Gemeinsam mit seinem absolut grandiosen Quartett wird bei dieser Reise in die Vergangenheit auf musikalischem Weg eine Art Wiederaufbau vorgenommen. Um dann, am dramatischen Höhepunkt angelangt, das Ganze selbst wieder einzureißen. Fast so, als könnte die kathartische Wirkung erst durch diese Handlung einsetzen. Ähnlich funktionieren auch seine “Tres Momentos” (drei zusammenhängende Stücke mit einem “Interludio”), die seinen eigenen Aussagen zufolge einem Ausschnitt aus einer endlosen Spirale gleichkommen, in der einerseits Chaos, andererseits aber auch Struktur herrscht. In fast friedlicher Koexistenz.

Während die Mitglieder des Forrklang Quartet, nämlich Martyn Jackson an der Violine, Annie Beilby an der Bratsche sowie Yeo-Rhim Yoon am Cello und François Lambret am Klavier, sozusagen menschliche, vertraute Grundlagen schaffen, ist Helbig samt seiner vielfältigen elektronischen Apparatur seinerseits für die Wandlung dessen ins Abstrakte zuständig. Ihm obliegt die Kunst der Verzerrung und der zeitweiligen Reduktion auf das absolute klangliche Minimum. Damit zieht er dem Publikum gekonnt den Boden unter den Füßen weg.

Was ihm zumindest in der Philharmonie am Freitagabend alles andere als übel genommen wurde. Denn er und seine Musikerkollegen verstanden es, auch ohne Worte zu vermitteln, dass sie einen später auch wieder “Zuhause” absetzen. Demnach war Helbigs Versprechen vor dem letzten Lied, die Zuhörer nun wieder in einen “sicheren” Hafen zu bringen, eigentlich obsolet, da man ihm dies schon zuvor geglaubt hatte.

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