Pünktlich mit dem ersten Schneefall ging es am Sonntag los mit der diesjährigen „Wanteraktioun“, die das Familienministerium gemeinsam mit Inter-Actions, Caritas und dem Roten Kreuz organisiert. Ziel ist es, Obdachlosen Schutz vor den eisigen Temperaturen zu bieten.

Von Eric Hamus

Eigentlich müsste in Luxemburg niemand im Winter auf der Straße schlafen. Ein Satz, der immer wieder im Gespräch mit Behörden, Beobachtern oder politischen Verantwortlichen fällt. Was in der Theorie vielleicht stimmt, gestaltet sich in der Praxis weitaus komplizierter: Auch wenn es nicht an Betten mangelt, sind Notunterkünfte nicht für jeden Obdachlosen eine Option. Dennoch versuchen die Verantwortlichen der „Wanteraktioun“ jedes Jahr auf ein Neues, so viele Betroffene wie nur möglich zu erreichen. „Wir versuchen natürlich, alle Obdachlosen anzusprechen“, betont Malou Kapgen, die im Familienministerium für die Winteraktion verantwortlich zeichnet.

Streetworker, Initiativen und Hilfsvereinigungen machen regelmäßig Werbung im Milieu für die Notunterkunft auf dem Findel. „Und doch gibt es immer wieder Betroffene, die das Angebot nicht annehmen wollen“, so die Sozialarbeiterin. So erinnert sie beispielsweise an jenen jungen Mann, der im Januar 2017 in einem Hinterhof in Eich den eisigen Temperaturen zum Opfer gefallen war. Jemand hatte dem damals 33-Jährigen eine Matratze geschenkt, die er nicht zurücklassen wollte. Ihm wurde die Angst zum Verhängnis, sein Hab und Gut zu verlieren. Wie dem unglücklich Verstorbenen geht es vielen Betroffenen: Manche glauben, in der Notunterkunft bestohlen zu werden, manche haben Angst, ihre Sachen zurückzulassen, und andere wollen nicht von ihren Hunden getrennt werden.

Wiederum andere haben keine Papiere und fürchten die Behörden. Dann gibt es jene, die sich nicht mit den Regeln in den Notunterkünften anfreunden können, und die Obdachlosen, die die Gesellschaft anderer um jeden Preis meiden wollen – aus welchen Gründen auch immer. Das wissen auch die Verantwortlichen der verschiedenen Vereinigungen, die im Rahmen der Winteraktion auf mehreren Ebenen versuchen, den Bedürfnissen und Ängsten ihrer Kundschaft gerecht zu werden. Pünktlich zum ersten Schneefall haben die Einrichtungen am 1. Dezember den Betrieb aufgenommen. Bis zum 31. März brauchen sich Obdachlose demnach nicht um die Wintertemperaturen zu sorgen: Im „Foyer du jour“ in Bonneweg können sie sich tagsüber beschäftigen, während auf dem Findel eine komplett neue Unterkunft den Betroffenen Zuflucht vor den eisigen Nachttemperaturen bietet.

Alternativen für Obdachlose

Die zwei Einrichtungen der Winteraktion sind nicht die einzigen Optionen. Sind den Betroffenen das ganze Jahr über tagsüber Einrichtungen wie die „Vollekskichen“ und die „Téistuff“ zugänglich, können sie nachts unter anderem im „Centre Ulysse“, dem Abrigado oder dem Abrisud in Esch/Alzette unterkommen. Seit Sonntag ist auch das „Foyer de jour“ der Winteraktion geöffnet, und das jeden Tag von 12 bis 17 Uhr. Die Mitarbeiter von Inter-Actions stehen den Betroffenen dort mit Rat und Informationen über die Winteraktion zur Seite, können sie bei Bedarf auch an spezialisierte Dienste überweisen.

Das Rote Kreuz hingegen übernimmt die Verpflegung der Tagesgäste, die im Foyer nicht nur ein warmes Mittagessen erhalten, sondern auch Unterstützung bei der Erstellung von Bewerbungsformularen. Verschiedene Ateliers, Gesellschaftsspiele und ein ärztlicher Bereitschaftsdienst runden das Angebot ab. Wer ein Bett in der Notunterkunft am Findel benötigt, soll sich bestenfalls bereits im „Foyer de jour“ eintragen. Mit einem Pendeldienst gelangen die Obdachlosen dann vom hauptstädtischen Bahnhof und der Innenstadt zum „Foyer de nuit“, das gegen 19.15 Uhr öffnet. Dort angekommen, müssen sich die Gäste beim Sozialarbeiter melden, wo sie einem Bett zugeteilt werden. Anschließend können sie sich frei im Foyer bewegen, sagt Malou Kapgen. „Manche wollen zuerst duschen, andere wollen sich im Speisesaal mit Kaffee und Broten stärken.“ Betreut wird die Unterkunft von Mitarbeitern und Freiwilligen des „Accueil et solidarité“-Dienstes der Caritas.

Hunde willkommen

Hunde willkommenIm neuen „Foyer de nuit“ wurde viel Wert darauf gelegt, sämtlichen Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung zu tragen: Ihre Wertsachen können sie in großen Schließfächern verstauen, während ein Sicherheitsmann den Zugang kontrolliert. „Auf diese Weise brauchen sie zumindest nicht zu fürchten, dass ihnen etwas gestohlen wird“, erklärt Malou Kapgen. Darüber hinaus sind die Duschräume weiträumig angelegt, sodass die Nutzer bei Bedarf auch Kleider und andere Wertsachen mit in die Kabine nehmen können, ohne dass alles nass wird. Hunde sind willkommen, müssen allerdings in einem Zwinger schlafen und im Gebäude einen Maulkorb tragen. „Zur Sicherheit der Gäste, aber auch zur Sicherheit der Tiere“, ergänzt Kapgen. Der Hundezwinger kann direkt neben dem Bett des Halters aufgestellt werden. „Aus Erfahrung wissen wir, dass die Hunde weitaus ruhiger sind, wenn sie beim Besitzer bleiben können“, so die Sozialarbeiterin.

Neben den Schließfächern, Sanitäranlagen und einem großen Aufenthaltsraum mit Kantine befinden sich noch drei große Schlafräume für Männer im Erdgeschoss. Im ersten Stockwerk wurden das Empfangsbüro für Sozialarbeiter, weitere Sanitäranlagen und die Schlafräume für Frauen untergebracht. „Außerdem befinden sich hier noch kleinere Zimmer, in denen Familien Unterschlupf finden, die aus welchen Gründen auch immer eine Nacht in Luxemburg gestrandet sind“, erklärt Kapgen. Insgesamt bietet die neue Unterkunft Platz für 250 Betten. Ausgelastet werde man aller Voraussicht nach aber nicht sein, meinen die Verantwortlichen. In den letzten Jahren haben im Schnitt zwischen 80 und 90 Obdachlose den Dienst in Anspruch genommen. Auch zu Spitzenzeiten seien nie mehr als 150 Betten belegt gewesen.

Die neue Einrichtung sei aber auf alle Szenarien vorbereitet. Die hohe Anzahl an Schlafräumen biete auch im Falle von aufkommenden Rivalitäten mehr Spielraum. Generell aber gilt: „Keine Gewalt! Das ist das oberste Gebot“, betont Malou Kapgen. Konflikte müssten draußen bleiben. Das Gleiche gilt für Drogen und mit Abstrichen auch für Alkohol. Große Flaschen müssen die Menschen über Nacht abgeben, erhalten sie dann aber am Morgen zurück. Etwas Nachsicht lassen die Verantwortlichen bei der Einschreibung walten: In Ausnahmefällen können Hilfesuchende auch ohne Anmeldung noch bis 23.00 Uhr auf dem Findel vorstellig werden. „Abgewiesen wurde bisher noch niemand“, sagt Kapgen. Zumindest nicht aus Platzgründen.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here