Die Anzahl der weltweiten Atomwaffen hat sich weiter vermindert. Gleichzeitig modernisieren alle Atommächte laut Sipri-Jahresbericht ihre Arsenale. Der Welt steht möglicherweise ein neues atomares Wettrüsten bevor.

Von unserem Korrespondenten André Anwar, Stockholm

Eine atomwaffenfreie Erde rückt 30 Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges angesichts zahlreicher neuer Konfliktsituationen in immer weitere Ferne. Laut dem heute veröffentlichten Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstitutes (Sipri) erwägt keine der neun Atommächte, USA, Russland, Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Israel und Nordkorea, ihre Atomwaffenprogramme irgendwann abzuwickeln.

Immerhin aber ist die Anzahl der weltweit schlummernden Atomsprengköpfe von Anfang 2018 bis Anfang 2019 um 609 auf 13.856 Stück gesunken. Davon sind 3.750 Atombomben schnell einsatzfähig und hiervon können bis zu 2.000 direkt per Knopfdruck abgefeuert werden, schätzt Sipri.

„Schon ein sehr begrenzter regionaler atomarer Konflikt mit wenigen Atombomben hätte gewaltige Auswirkungen auf Menschen, Regionen und auch das Weltklima“, sagt Hans Kristensen dem Tageblatt. Er ist Direktor der nuklearen Informationsabteilung des US-Verbundes der Amerikanischen Wissenschaftler (FAS) und Sipri-Experte.

Der zahlenmäßige Abrüstungstakt entspricht ungefähr dem der vergangenen Jahre. Und auch wenn 13.856 Atombomben eine Verbesserung gegenüber den 80er-Jahren darstellen, in denen laut Kristensen rund 70.000 Atombomben weltweit existiert haben dürften, reiche das Arsenal noch immer, „um die Erde gleich mehrfach unbewohnbar zu machen“, warnt der Experte.

Russland verfügte im Januar 2019 über 6.500 Atomsprengköpfe. Erst danach folgen die USA mit 6.185 Stück, Großbritannien (200), Frankreich (300), China (290), Indien (130-140), Pakistan (150-160), Israel (80-90) und Nordkorea (20-30).

Ausstieg aus Abrüstungsvertrag

Zudem braut sich nach Jahrzehnten der nuklearen Abrüstung eine neue Aufrüstungsperiode am Horizont zusammen. Denn die in den vergangenen Jahren langsam sinkende Anzahl von Atomsprengköpfen ist vor allem dem Abrüstungsabkommen „New START“ von 2010 zwischen den USA und Russland zu verdanken. Das läuft 2021 jedoch aus und derzeit sieht es laut Sipri nicht so aus, als ob es ein Folgeabkommen geben würde.

Die USA werden außerdem am 2. August den unbefristeten, noch von Ronald Reagan unterschriebenen Abrüstungsvertrag INF von 1987 zum gänzlichen Verbot von landgestützten Atomraketen mit mittlerer Reichweite kündigen. Dies wegen mutmaßlichen Vertragsbruchs Russlands.

Das Friedensinstitut warnt dementsprechend vor einem Ende des Abrüstungszeitalters. „Die Aussichten auf einen Fortlauf von zwischen den USA und Russland verhandelten Atomwaffen-Begrenzungs-Abkommen erscheinen immer unwahrscheinlicher im Hinblick auf die politischen und militärischen Meinungsverschiedenheiten beider Länder“, meint Shannon Kile, Direktorin der Sipri-Einheit für Atomwaffen. „Ab 2021 wird es zum ersten Mal seit den 70er-Jahren weltweit keinerlei Abrüstungsabkommen oder anderweitige Begrenzungen für Atomwaffen geben. Dann dürfen alle aufrüsten – wie und wo sie wollen“, befürchtet Kristensen.

China, Indien und Pakistan rüsten auf

Laut Sipri laufen zudem bereits verdeckte Aufrüstungsprogramme. Nicht die Anzahl, sondern die Effizienz der bestehenden Waffenarsenale werde sowohl von den USA als auch von Russland „mit umfassenden und teuren Programmen“ vorangepeitscht. Alte Atomsprengköpfe werden durch neuere ersetzt. Trägerraketen, Flugzeugtransportsysteme und die Produktion in Atombombenfabriken werden derzeit in beiden Ländern modernisiert. „Die Modernisierung läuft neben der Instandhaltung darauf hinaus, einen Teil der Atomwaffen praktisch einsetzbarer zu machen als bislang. Dazu werden Atomwaffen gebaut, die weniger unerwünschte Streueffekte haben, gezielter ihre Wirkung entfalten und einen geringeren atomaren Fallout mit sich bringen“, erklärt Kristensen.

Zwar sind die Atomwaffenarsenale der anderen sieben Atommächte mit zusammen 10 Prozent deutlich geringer als die der USA und Russlands. Aber auch sie „entwickeln oder installieren“ neue Systeme oder haben angekündigt, dies zu tun. China, Indien und Pakistan wettrüsten bereits: Laut Sipri haben sie ihre Atomwaffenarsenale vergrößert. Indien und Pakistan hätten ihre Atomwaffenfabriken so stark verbessert, dass eine „signifikante Erhöhung“ ihrer Arsenale im kommenden Jahrzehnt wahrscheinlich wäre.
Bei der Erhebung des Jahresberichts kritisiert das Friedensinstitut den fehlenden Willen in Russland, Indien, Pakistan, Israel, China und Nordkorea, genauere Zahlen und Strukturen ihrer Atomwaffenarsenale offenzulegen. Informationen aus diesen Ländern seien unzureichend, so Sipri.

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