Auch auf dem Balkan ist im Zweifel immer der Überbringer der schlechten Nachricht schuld. In Serbien ist ein Aufdecker fragwürdiger Waffengeschäfte ins Visier der Justiz geraten: Wegen des Verrats von Geschäftsgeheimnissen drohen dem Whistleblower Aleksandar Obradovic bis zu zehn Jahre Haft.

Von unserem Auslandskorrespondenten Thomas Roser

Der Häftling öffnet selbst die Tür. „Dies ist meine Zelle“, sagt Aleksandar Obradovic und bittet mit einladender Handbewegung in das lila getünchte Wohnzimmer seiner Wohnung in der serbischen Provinzstadt Valjevo. In der Ecke blinkt ein Decoder, an seinem Fußknöchel prangt eine elektronische Fessel. Nur zwischen 10 und 11 Uhr sei ihm ein Spaziergang gestattet, berichtet der hoch gewachsene Mann mit dem nach hinten gekämmten Haar: „Ansonsten ist mein Heim 23 Stunden am Tag mein Gefängnis.“

Seit über zwei Monaten ist der 40-Jährige in Haft, erst im Gefängnis der 85 Kilometer entfernten Hauptstadt Belgrad, seit Mitte Oktober im elektronisch überwachten Hausarrest. „Ich renne nicht weg, habe nichts verbrochen und nichts gestohlen“, versichert der stoppelbärtige IT-Fachmann des staatlichen Waffenproduzenten Krusik. „Ich wurde verhaftet, weil ich Beweise für zweifelhafte Geschäfte privilegierter Waffenhändler aus dem Dunstkreis der Regierungspartei an die Öffentlichkeit gebracht habe. Die Justiz interessiert sich nicht für den Fall, nur für mich: Ich gelte nun als Dieb und Spion.“

Waffenlieferungen an islamistische Extremisten

Am 15. September hatte das auf trübe Waffengeschäfte spezialisierte Webportal armswatch.com der bulgarischen Enthüllungsjournalistin Dilyana Gajtandschiewa einen Bericht veröffentlicht, wie Krusik-Mörsergranaten über Saudi-Arabien in die Hände islamistischer Extremisten im Jemen gelangten. Außer der Waffenhändlerfirma GIM wurde ein Mann erwähnt, dessen Name in Belgrad für Aufsehen sorgte: Ein dokumentiertes GIM-Schreiben wies Branko Stefanovic, den Vater von Innenminister Nebojsa Stefanovic, als Vertreter der Firma in dem anrüchigen Waffendeal aus.

Als pikant für den Würdenträger der nationalpopulistischen Regierungspartei SNS sollten sich vor allem die dokumentierten Angebots-, Preis- und Bestelllisten erweisen: Die private Waffenhändlerfirma mit familiärer Regierungsanbindung bezog die bei der Staatsfirma georderten Granaten selbst billiger als die staatliche Waffenhandelsgesellschaft Jugoimport SDPR – noch unter dem Selbstkostenpreis. „Der Staat produziert, Privilegierte profitieren“, umschreibt die Zeitschrift NIN das Geschäftsmodell: Ähnlich wie GIM operierten vier weitere Waffenhändlerfirmen im Dunstkreis der SNS.

Ich wurde verhaftet, weil ich Beweise für zweifelhafte Geschäfte privilegierter Waffenhändler aus dem Dunstkreis der Regierungspartei an die Öffentlichkeit gebracht habe. Die Justiz interessiert sich nicht für den Fall, nur für mich: Ich gelte nun als Dieb und Spion.

– Aleksandar Obradovic



Ja, er habe armswatch die brisanten Materialien zugespielt, gibt der seit 2005 bei Krusik beschäftigte IT-Fachmann Obradovic offen zu. Insgesamt habe er über 1.000 Dokumente zu Korruption und den Unregelmäßigkeiten bei Krusik gesammelt – und sicher verwahrt. Denn seit der 2014 erfolgten Installierung eines „Parteisoldaten“ der SNS als Werksdirektor sei Krusik zur „Parteibeute“ geworden: „Mithilfe von der Partei nahestehenden Lieferanten und einer Handvoll Waffenhändlern wird aus der Firma systematisch Geld abgesaugt – zum Schaden von Krusik und des Staats.“

Unabhängige Medien finden neue Belege

Auch auf dem Balkan ist an der schlechten Nachricht immer der Überbringer schuld. Ein Tag nach der Veröffentlichung des Artikels wurden von der Betreiberin der Site verstärkte Hackerangriffe aus Serbien registriert. Drei Tage später wurde Obradovic an seinem Arbeitsplatz in Valjevo von einem Dutzend schwer bewaffneter Sondereinsatzkräfte verhaftet.

„Sie fragten mich, wer mich bezahle und für welche Partei ich aktiv sei“, berichtet der frühere Basketballspieler. Mitglied irgendeiner Partei sei er nie gewesen und habe als „einsamer Wolf“ selbst ohne Wissen seiner Familie gehandelt. Sein Gewissen und die Wut, „auf welch primitive Weise“ die Mittel einer Staatsfirma in die Taschen parteinaher Privatfirmen gepumpt würden, hätten ihm „keine Wahl“ gelassen: „Ich konnte einfach nicht wegschauen.“

Die von der Regierung kontrollierten Medien würden ihm vorwerfen, dass er ein „Spion“ sei und Militärgeheimnisse verraten habe, berichtet der aus dem Verkehr gezogene Aufdecker mit einem Achselzucken: „Die Vorwürfe sind hirnrissig, denn ich habe keinerlei technischen Dokumente gesammelt, obwohl ich das leicht hätte tun können. Mich interessierten nur Belege für die korrupten Geschäfte mit den Waffen von Krusik.“

„Serbiens Assange“

„Freiheit für Aleksandar“, fordern die Demonstranten, die hin und wieder vom Werkstor zu seinem Hausgefängnis ziehen. Die Opposition und die wenigen unabhängigen Medien des Landes feiern den unfreiwilligen Haushäftling als Vorbild – und graben dank dessen Pionierdiensten immer neue Belege für die Verwicklung der SNS in den lukrativen Handel mit den Produkten staatlicher Waffenschmieden aus. Von seinen früheren Kollegen haben sich hingegen nur wenige bei ihm nach der Verhaftung gemeldet. „Ich verstehe das“, sagt der aus dem Verkehr gezogene Aufdecker. Von derzeit 3.200 Mitarbeitern verfügten 2.000 nur über Zeitverträge – und hätten ihren Job oft nur durch ihre Mitgliedskarte bei der SNS erhalten: „Die Leute haben Angst um ihren Arbeitsplatz – und um ihre Existenz.“

Selbst ist sich „Serbiens Assange“ des Preises für seinen Wagemut durchaus bewusst. Die Staatsanwaltschaft werfe ihm die Preisgabe von Geschäftsgeheimnissen vor, so Obradovic: ein Vergehen, das in Serbien mit Haftstrafen zwischen zwei und zehn Jahren geahndet werden könne. Ohne die Berichterstattung der unabhängigen Medien würde „ihn die Dunkelheit verschlucken“, davon ist er überzeugt: „Wer weiß, was nun mein Schicksal wäre.“ Im Waffenhandel werde viel Geld bewegt, sagt der Familienvater nachdenklich: „Solange ich im Brennpunkt der Öffentlichkeit stehe, wird mir nichts passieren. Aber was ist in zwei, vier oder fünf Jahren?“

Der Whistleblower sei verhaftet worden, weil er „gegen das ungeschriebene Gesetz“ verstoßen habe, die regierende Kaste „bei der Umwandlung von politischer Macht in ein fettes Bankkonto nicht zu stören“, schreibt der Belgrader Publizist Tomislav Markovic auf der Website von Al Jazeera Balkans: Von außen wirke Serbien wie ein normales demokratisches Land, aber in der Praxis seien dessen Institutionen „Parodien ihrer selbst“.

Dementis und Rechtfertigungen

Zunächst versuchten die regierungsnahen Medien, den Fall des inhaftierten Aufdeckers völlig zu verschweigen. Mittlerweile fühlen sich Innenminister Stefanovic und der allgewaltige SNS- und Staatschef Aleksandar Vucic zunehmend zu öffentlichen Dementis und Rechtfertigungen genötigt. Die von der Opposition lancierten „Lügen“ über die Geschäfte seines Vaters sollten nur ihm, seiner Familie und Serbiens Waffenindustrie schaden, klagte Stefanovic kürzlich gegenüber dem TV-Sender O2: „Sie sollen verhindern, dass über die guten Dinge in Serbien gesprochen wird – über den Bau von Straßen, die Investoren, die Erhöhung der Löhne.“

Die Kühlschränke der Leute würden durch die von der SNS verbreiteten Erfolgsgeschichten „auch nicht voller“, sagt hingegen Aleksandar Obradovic. Nur die Umsätze der mit der Regierung verbandelten Waffenhändler hätten sich seit deren Machtübernahme 2012 um das 1.000- bis 3.000-Fache vermehrt: „Ein Blick auf die Bilanzen ihrer Firmen genügt: Bis 2013, 2014 bestanden diese oft nur auf dem Papier. Und jetzt setzen sie Millionen um.“

Er habe das Leben für sich und seine Familie „kompliziert“ gemacht, weiß der Vater eines achtjährigen Sohnes. Vielleicht sei er „naiv“ gewesen, dass er erwartet habe, seine Enthüllungen würden die Justiz zu Ermittlungen gegen die von ihm belegten Missstände veranlassen: „Aber was ich tat, habe ich bewusst getan und bereue ich nicht.“ Denn Krusik sei in Serbien keineswegs ein Einzelfall. Er hoffe, dass sein Fall zumindest dazu beitrage, dass auch „andere Leute die Angst verlieren, ihr Schweigen zu brechen – und über das, was in ihren Firmen und Behörden geschieht, zu sprechen beginnen. Denn ohne den Druck der Öffentlichkeit wird sich in diesem Land nichts zum Besseren ändern.“

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