Bereits zum 15. Mal präsentierte das statistische Amt Statec seinen Bericht zur Arbeit und zur sozialen Kohäsion. Die festgestellten sozialen Ungleichheiten wachsen, das Armutsrisiko steigt … Doch würden die richtigen Daten gesammelt, die aussagekräftigsten Messungen gemacht, so der Direktor des statistischen Instituts, Serge Allegrezza. Eine gut besuchte Konferenz im Cercle Cité sollte einige Antworten zum Thema liefern.

Der Autor des Werkes “Le temps des passions tristes, inégalités et populismes”, Professor François Dubet, gab den Rahmen vor. Seiner Ansicht nach hat eine sich stark verändernde Gesellschaft ein System der stabilen Ungleichheit durch eine Vielzahl individuell empfundener Ungleichheiten ersetzt. Die Industrialisierung hatte national homogene Gruppen gebildet, die ein gemeinschaftliches Bewusstsein von einem ob ungleicher Verteilung als Ungerechtigkeit empfundenen Gesellschaftsbild prägten. Es gab Klassen, die klar definiert waren, Ungerechtigkeit wurde kollektiv empfunden, nicht persönlich und somit subjektiv.

Dieses Modell sei durch zahlreiche Faktoren gesprengt worden. Die Arbeiter stünden mittlerweile in starker Konkurrenz zueinander, sei es beim Konsum, bei der Ausbildung, bei vielen anderen Lebenssituationen. Zudem gebe es nicht mehr ein klar definiertes Unrechtsempfinden einer Gruppe, sondern sehr individuelle Ursachen. Fast jeder verspüre dieses Gefühl, sei es aufgrund seiner Herkunft, seiner Wohnsituation oder einfach aufgrund seines Geschlechtes. Praktisch alle hätten mittlerweile einen Grund, sich zu beschweren und tun – u.a. über das Internet – dies auch. Hierin sieht Dubet eine Erklärung des Phänomens der “Gillets jaunes” in Frankreich. Die individuelle Unzufriedenheit wird aggressiver ausgelebt als die ehemals kanalisierte kollektive. Dass es keine Anführer bei der Bewegung gebe, verdeutliche den individuell geprägten Charakter dieses Protestes.

Chancen wichtiger als Position

Entrüsteten sich früher die Menschen über die Ungerechtigkeit der aktuellen Lebenssituation, so seien es heute vielmehr die ungerecht verteilten Chancen, die aufregen; dies mit dem Paradox, dass die gleichen Möglichkeiten, der gleiche Zugang zu einem gesellschaftlichen Wettbewerb angestrebt werde, der dazu führe, dass neue Ungleichheiten entstünden, von denen jener, der sich die Chancengleichheit wünsche, profitieren wolle.

Viele Menschen würden zudem heute den Begriff Verachtung häufig nutzen. Sie fühlten sich in vielen Situationen gering geschätzt, laut Dubet ein neues Thema, das es so früher nicht gab. U.a. anhand dieser Thesen sei der neue Populismus zu erklären.

Der Soziologe und Professor an der Universität Luxemburg, Prof. Dr. Louis Chauvel, unterstrich die Theorien seines Vorredners und lieferte dazu einige interessante Zahlen.

Wohnungspreise relativ betrachtet

So verglich er die Wohnungsmärkte in zahlreichen Städten dieser Erde und stellte u.a. fest, dass eine 100-Quadratmeter-Wohnung auf Belair zwar 1,5 Millionen Euro koste und von einem Käufer mit einem mittleren Einkommen in Luxemburg nach 30 Jahren bezahlt werden könne. In London müsse man für eine Wohnung der gleichen Größe 136,2 Jahre arbeiten, in Paris 77,7 Jahre, in Moskau 143, 7 Jahre. So gesehen seien die Immobilienpreise hier noch relativ günstig, so der Soziologe mit dem speziellen Humor.

Die Direktorin des Liser , Prof. Aline Muller, ging das Thema anders an. Sie verwies darauf, dass nicht mehr einzelne Fakten zur Messung bestehender Ungleichheiten reichten, sondern eine Vielzahl vernetzter Daten betrachtet werden müssten, um aussagekräftige Statistiken erhalten zu können. Das Einkommen allein reiche also nicht, um die Situation eines Arbeitnehmers zu beschreiben; ohne den Wohnort, den Weg zur Arbeit, die Wohnbedingungen (Mieter oder Eigentümer) in Betracht zu ziehen, sei das Zahlenmaterial wenig aussagekräftig. Das Luxembourg Institute of Socio-Economic Research gehe dementsprechend bei seinen Studien mit vernetzter Methodik vor.

Verteidiger des Klassenmodells

Foto: Editpress/Julien Garroy

Der Autor des Sozialalmanachs der Caritas, Robert Urbé, wollte die anfangs entwickelten Thesen von François Dubet für Luxemburg nicht gelten lassen. Die Prämissen seien hierzulande andere als in Frankreich; allein die Tatsache, dass die Hälfte der Bevölkerung kein Wahlrecht habe und Arbeiter – entgegen der Situation in Frankreich – weniger verdienten als Angestellte, würde ein Übertragen der Theorien nicht erlauben. Er plädierte dafür, nicht nur zu messen, wie viele Menschen von Armut bedroht sind, sondern auch den Grad der Armut zu untersuchen, der seiner Meinung nach dramatischer werde. Eine Verbesserung der Situation der sozial Benachteiligten führe inzwischen nur mehr über eine richtige Umverteilung, d.h. den Reichen müsse etwas weggenommen werden, die Produktionszuwächse reichten nicht mehr aus … Dies mache zum Beispiel die Lösung der Wohnungsproblematik fast unmöglich, da die Besitzenden die Politik bestimmten und keine Gesetze gegen ihre eigenen Interessen machen würden.

Die Konferenz über die Mittagsstunde lieferte eine ganze Reihe interessanter Denkanstöße; einige werden wohl in die künftige Arbeit der Statistiker einfließen.

1 Kommentar

  1. Jeder empfindet die gleiche Situation anders. Das nennt man subjektive Wahrnehmung. Deshalb sind Menschen, die sich in derselben Lage befinden, glücklich, unglücklich, zufrieden oder unzufrieden. Die einen hadern mit ihrem Schicksal derweil andere sich in dasselbe ergeben und versuchen das Beste daraus zu machen. Reichtum oder Armut sind relativ. Sonst wmüssten alle Reichen nur so vor Glück strotzen. Allerdings müsste jeder Mensch über so viel Geld verfügen, dass er ein menschenwürdiges Leben führen kann. Bei einer gerechteren Umverteilung ist das möglich, ohne dass dabei die Wohlhabenden spürbar ärmer würden. Allerdings vergisst man bei dieser Theorie, einen wesentlichen Aspekt, die menschliche Natur mit ihrem Egoismus.

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