Bei der Befreiung von vier Geiseln durch ein französisches Kommando in Mali ließen zwei Unteroffiziere ihr Leben. Die Republik bereitete beiden Soldaten ein Staatsbegräbnis. Im Zweiten Weltkrieg kamen laut dem britischen Historiker Niall Ferguson an den diversen Fronten insgesamt 110 Millionen Soldaten zum Einsatz. Rund 30 Millionen Soldaten (und noch mehr Zivilisten) starben. Staatsbegräbnisse waren selten!

Der Vergleich mag gewagt sein, illustriert jedoch den Zeitgeist. Obwohl 100% aller Menschen irgendwann sterben, wird der Tod nicht mehr akzeptiert. Es ist ein Fortschritt, wenn Menschenleben irgendwie wertvoller werden. Doch das ist meistens nur der Fall, wenn sich ein Gesicht auf einen brutal Verstorbenen setzen lässt.

Das Bild eines türkischen Polizisten, in seinen Armen der Leichnam eines am Strand angeschwemmten Flüchtlingskindes, rüttelte die halbe Welt auf. Oder das Foto eines Vaters, eng umschlungen mit seiner kleinen Tochter, beide im Rio Grande ertrunken beim Versuch, ins „Paradies“ des Donald Trump zu gelangen.

Die mindestens 18.000 Flüchtlinge, die im Mittelmeer ertranken, um in die europäische „Hölle“ zu gelangen, finden dagegen viel weniger Anteilnahme. Stalin, ein Experte für Massenmord, soll gesagt haben, wenige Tote seien eine Tragödie, viele Tote bloß Statistik. Menschliche Empathie ist in Wahrheit sehr wählerisch.

Private Spenden sprudelten

Die Öffentlichkeit wird vornehmlich aufgerüttelt, wenn sie sich mit einem Ereignis identifizieren kann. Wenn in Paris blindwütige Attentäter wahllos auf Konzertbesucher oder auf die Gäste von Restaurants ballern, solidarisiert man sich sofort mit den Opfern. Das Umfeld wirkt vertraut und man sagt sich: „Das hätte auch mir passieren können.“ Die Abschlachtungen in amerikanischen Shopping Malls erinnern an „Belle Etoile“ oder „Concorde“. Als 2004 ein Tsunami Tod und Verwüstung an den Küsten Indonesiens, Sri Lankas, Süd-Indiens und Thailands anrichtete, war die Anteilnahme groß in Europa. Massiv wurde für die Opfer gespendet. Das Geld floss wenig nach Indonesien (170.000 Tote), Sri Lanka (31.000 Tote), Indien (16.400 Tote). Die Spendenflut ergoss sich hauptsächlich über Thailand, wo 5.400 Opfer zu beklagen waren. Davon aber Hunderte von Deutschen, Schweden, Briten, Finnen; Dutzende von Schweizern, Franzosen, Norwegern, Italienern und selbst zwei Luxemburger. Die meisten Europäer können Thailands Traumstränden mehr abgewinnen als beispielsweise dem indonesischen Armenhaus Aceh. Dort gab es besonders viele Tote.

Die privaten Spenden sprudelten damals in einem solchen Ausmaß, dass „Médecins sans frontières“ zu einem Spenden-Stopp aufrief, weil der Geld-Tsunami nicht vernünftig zu verarbeiten sei. Als die gleiche Organisation ihre Geldgeber befragte, ob die überschüssigen Spenden nicht im Sudan zur Linderung der Bürgerkriegswirren eingesetzt werden dürften, verlangten etliche edle Spender die Rückzahlung ihres Obolus. Anonymer Horror wird nicht wahrgenommen. Islamistische Attentate in Europa oder in den USA beschäftigen die Medien endlos. Die Politik ruft nach „Schutzmaßnahmen“, beschneidet bürgerliche Freiheiten, baut Mauern auf. An den Grenzen und in den Köpfen. Dabei stirbt die große Mehrheit der Terroropfer in arabischen oder asiatischen Staaten. Was, wenn überhaupt, nur eine Kurzmeldung in unseren Medien wert ist.

Hunderttausende Opfer durch Staatsterror im Irak oder in Syrien sind kaum ein Thema. Die nunmehr gestrandeten europäischen Helfershelfer von Daech, die in Syrien oder Kurdistan einsitzen, darunter ein portugiesisch-luxemburgischer „Gottes-Kämpfer“, bewirken Rauschen im Blätterwald und erbeben das Internet.

Kurzlebige Empathie

Empathie und Solidarität sind nicht nur selektiv. Sie sind vor allem kurzlebig. Das jeweils letzte Drama ist schnell verdrängt. Neue „Breaking News“ fordern Aufmerksamkeit. Und stumpfen ab. Am 10. Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben Haiti, eines der ärmsten Länder der Welt. Es gab 230.000 Tote, unzählige Verletzte, 1,5 Millionen Obdachlose. Die Staaten der Welt mobilisierten sich schnell. Zahlreiche UNO-Agenturen, die Weltbank, die EU organisierten die Hilfe. Über 4.000 regierungsunabhängige Organisationen (NGO) riefen zu Spenden auf. Die reichlich flossen. Die Helfer, selbst einige aus Luxemburg, drängelten sich zu Tausenden vor Ort. 10.000 Blauhelme der UNO sollten für Sicherheit sorgen. Importierten gleichzeitig eine Cholera-Epidemie.

Viele Helfer hatten keine Ahnung von den Problemen des Landes. Es gab theoretisch eine Koordinierung durch die internationalen Organisationen. Doch die NGOs bewiesen ihre Unabhängigkeit durch eigensinnige Initiativen. Etwa eine Kampagne für regelmäßiges Händewaschen. In einem Land, wo die Versorgung an Trinkwasser ein Kardinalproblem ist. Der haitianische Filmemacher Raoul Peck illustriert in seinem Dokumentarfilm „Tödliche Hilfe“ (abrufbar über Youtube) die Irrungen und Wirrungen der „humanitären Blase“, die sich im Gefolge des Erdbebens über dem geschundenen Land bildete. Viele der wohlgemeinten Spenden finanzierten die Hilfeleister, die vor Ort komfortabel untergebracht und im obligaten Land Rover kutschiert werden mussten. Da die Helfer bessere Löhne zahlen konnten als der Staat Haiti, wurden viele Staatsdiener als Fahrer oder Dolmetscher abgeworben. Die meisten Helfer und Experten weilten wenige Wochen auf Haiti, um von anderen Hilfs-Touristen abgelöst zu werden, die ebenfalls keine Ahnung von den örtlichen Verhältnissen hatten.

Fazit: Fast 10 Jahre später gibt es noch immer Zehntausende Haitianer in „provisorischen“ Unterkünften. Bloß 20% der 1,5 Millionen Obdachlose leben wieder in festen Häusern. Das Amerikanische Rote Kreuz brachte das Kunststück fertig, mit 500 Millionen Dollar Spenden ganze sechs Häuser fertigzustellen! Oxfam, eine humanitäre Multi, musste im Nachhinein eingestehen, mit Spendengeldern seien auch Dienste von Prostituierten bezahlt worden. Was Raoul Peck „humanitäre Pornografie“ nennt, sind die vielleicht wohlgemeinten, aber realitätsfremden Hilfeleistungen der internationalen Organisationen und der Zivilgesellschaft, die ihren jeweils eigenen „gehobenen“ Zielen nachgehen. Nach dem Erdbeben war das Hauptproblem die Beseitigung der Trümmer. Dafür gab es kaum Gelder. Die motivierten Helfer wollten bauen: Schulen, Krankenhäuser und andere Objekte, die man später werbewirksam einweihen konnte.

Ein amerikanischer Think Tank rechnete aus, dass von den versprochenen 12,2 Milliarden Dollar Hilfsgeldern nur 80% flossen. Das Geld ging nicht an den Staat, sondern wurde zu 80% von allen möglichen Organisationen „verwaltet“. Die von den Hilfsgeldern auch ihre eigenen Kosten bestritten. Zudem flossen rund 60% der Gelder in Form von Kauf von Hilfsgütern und Dienstleistungen in die Geberländer zurück. Das ist die bittere Realität der vielgepriesenen „Solidarität“ mit den Opfern von Naturkatastrophen. Sowie mit den Empfängern von Entwicklungshilfe.

Guter Wille genügt nicht

Unsere Welt ist voll mit gutem Willen für Opfer, für die Armen und die Hungernden. Solange sie nicht direkt an unsere Türen anklopfen. Deshalb spenden die Luxemburger viel und gerne bei Katastrophen. Deshalb sind sie in ihrer großen Mehrheit für Entwicklungshilfe. Wobei die Bilanz von 70 Jahren multilateraler Entwicklungshilfe sehr mager ist. Haiti wurde von der „Hilfe“ erstickt. In Mali und generell in der Sahel-Zone bestimmt Unterentwicklung weiterhin die blutige Tagesordnung. Dass es in Asien, Afrika und Südamerika in vielen Ländern besser geht, die größte Armut und die Zahl der Hungernden sinken, ist nicht das Resultat von „Entwicklungshilfe“. Die Integration vieler ehemals armer Länder in den weltweiten wirtschaftlichen Kreislauf ermöglichte immer mehr Menschen ein besseres Leben. Gerade dies wird heute in dem übersatten Teil der Menschheit kontestiert.

Freier Handel wird bekämpft. Protektionismus ist im Aufwind. Der Nationalismus bunkert. Man soll sich möglichst autark ernähren. Aber mit moralisierender Empathie für den Rest der Welt. Doch mit kurzlebigen Emotionen, mit Gefühlsduselei übersieht die Menschheit die Realitäten.

 

Von Robert Goebbels, ehemaliges Regierungsmitglied und früherer Europaabgeordneter

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