Begabte bewahren viele Laster der Aristokratie, ohne aber laut dem Leitspruch „Adel verpflichtet“ deren Verantwortung zu übernehmen. Und so macht die Anerkennung der wechselseitigen Verpflichtungen zwischen den wenigen Begünstigten und der großen Mehrheit einem snobistischen Mitleid Platz. Wie in feudalen Elitezeiten. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass die öffentliche Wohlfahrt heute anonymisiert vom Staat übernommen und der Steuerzahler der Mittelklasse damit zusätzlich und überproportional hoch belastet wird.

Dabei ist es heute nicht mehr sicher, ob es angesichts der auf 20 Prozent sehr großzügig definierten Privilegierten überhaupt noch so etwas wie eine Mittelklasse gibt, die in dieser brutal globalisierten Welt immer noch auf den allgemeinen (!) Wohlstand eines nationalen Binnenmarktes angewiesen ist. Deshalb wohl auch die Wahlmüdigkeit in einzelnen Demokratien in Europa!? Doch wirtschaftlich und finanziell wächst hier vielleicht die größte Gefahr: nämlich die, dass das Binnenprodukt ohne Äquivalenz an ausländische Investoren geht.

Unsäglich gefährliches Tempo

Und ein solches Schicksal könnte sogar die Vereinigten Staaten heimsuchen, deren Bruttosozialprodukt auf den Weltmärkten in kürzester Zeit um die Hälfte geschmolzen ist. Im Russland der noch anwesenden (!) Oligarchen hat diese volks- und umweltzersetzende Entwicklung seit dem Prozess gegen den angeblichen Verräter Michael Chodorokowski bereits Fahrt aufgenommen. Und in beiden Zügen sitzen mit Trump und Putin Kriminelle an den Schalthebeln der Dampflok und die Meritokraten scheffeln die Kohlen in den Kessel.

Das neue Jahrtausend legt in der Tat ein unsäglich gefährliches Tempo vor. Erst war es das Kapital, dann die Arbeiter und jetzt massenhaft Flüchtlinge, die mit mehr oder weniger Problemen nationale Grenzen einreißen, während innerhalb dieser Grenzen ein gewisser Tribalismus grassiert, der Stammesloyalität einfordert. Die globalen Eliten antworten mit einem aggressiven Kosmopolitismus, zu dessen „dunkler Seite“ Robert B. Reich bemerkt, dass Menschen ohne nationale Bindungen wenig Empathie für ihre Mitbürger aufbringen.

Weltbürger zu sein, kann schön und edel sein. Es darf jedoch niemand auf der Strecke bleiben! Das scheinen sogar Spekulanten wie der ungarische Kosmopolit Georges Soros, das Lieblingsfeindbild von „Dictator“ Victor Orban, erkannt zu haben, der in den USA, die von einem geldgeilen und narzisstischen Postkolonialwarenhändler präsidiert werden, regelrecht darum betteln muss, höher besteuert zu werden. Der Franzose würde sagen: „C’est le monde à l’envers“. Oder: Seit Marie-Antoinettes „brioches“ hat die Elite dazugelernt!

Krieg aller gegen alle

Der Aufstand der Massen, den einst José Ortega Y Gasset fürchtete, ist heute keine glaubhafte Gefahr mehr. In unserer Zeit scheint die eigentliche Bedrohung von den oberen Rängen der gesellschaftlichen Hierarchie auszugehen. Von den Eliten, welche die internationalen Geld- und Informationsströme kontrollieren und ihren eigenen philantropischen Stiftungen und Bildungsinstitutionen vorsitzen, deren Lakaien aus Handel und Finanz die Instrumente der Kulturproduktion handhaben, um damit die öffentliche Debatte zu beherrschen.

Anstelle der Arbeiterbewegungen, die in den sogenannten „Dreißig glorreichen Jahre“ nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihrem Anspruch auf eine revolutionäre Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse den allzu freien Kapitalismus erheblich störten, rücken heute soziale Bewegungen für Frauengleichstellung, Lesben- und Schwulenrechte, allgemeine soziale Rechte sowie gegen Rassen- und Flüchtlingsdiskrimination, die keinen gemeinsamen Nenner haben und eher für eine Einbeziehung in die herrschenden Strukturen kämpfen. Und genau zum Zeitpunkt des Untergangs um das Jahr 1975 dieses sich aus dem Ordoliberalismus der Freiburger Schule und der christlichen Soziallehre speisenden Wirtschaftswunders schrieb der US-Historiker Christopher Lasch, dass ein neuer, dekadenter Ich-Kult die westlichen Industriegesellschaften lähmt. „Liberale Reformer und Sozialingenieure haben das Charakterbild des narzisstischen Neurotikers zum alles beherrschenden Massentypus der 70er Jahre werden lassen“, so seine auch heute noch gültige Zeitdiagnose.

Es ist bezeichnend für die dunklere Seite des Kosmopolitismus, dass Eliten ohne nationale Bindungen wenig Neigung zeigen, Opfer zu bringen oder Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. Statt die öffentliche Fürsorge zu unterstützen, stecken diese privilegierten Minderheiten ihr Geld in die eigenen Enklaven. Sie zahlen für private Schulen, Polizei und Müllabfuhr. Damit verbunden ist natürlich der Niedergang der Staaten und mit ihnen der globale Verfall der Mittelklassen, die den allgemeinen Wohlstand garantierten.

Patriotische, chauvinistische und militaristische Züge 

Deren Krise, und nicht einfach nur die wachsende Kluft zwischen Reichen und Armen, hebt Lasch in seiner nüchternen Analyse der menschlichen Zukunftsaussichten heraus: „Die Nationalstaaten waren auf die Handel treibenden und produzierenden Klassen angewiesen, weshalb sich Monarchisten wie Republikaner um deren Unterstützung bemühten. Die Anziehungskraft des Nationalismus lag in der Fähigkeit des Staates, innerhalb seiner Grenzen einheitliches Recht und einen gemeinsamen Markt zu schaffen.“

Kein Wunder also, dass die bürgerliche Mittelklasse patriotische über chauvinistische bis hin zu militaristische Züge annahm. Doch diese hässlichen Seiten des Nationalismus sollten nicht verdecken, was er in Gestalt eines hoch entwickelten Standortbewusstseins und des Respekts für geschichtliche Kontinuität an Positivem beigetragen hat. Gütezeichen der Mittelklasse, die angesichts ihres Scheiterns heute erst richtig zu würdigen sind. Ohne ihre gemeinsamen Maßstäbe löst sich eine Gesellschaft in rivalisierende Parteien auf.

Glaubt man Christopher Lasch, dann hat die Gefahr eines Aufstandes der Massen, den Ortega fürchtete, einer Revolte der Eliten gegen altehrwürdige Traditionen der Bodenständigkeit, der Pflicht und der Selbstbeherrschung Platz gemacht. Und dieser Aufstand von oben könnte laut ihm in den mittleren und unteren Schichten sehr wohl einen Krieg aller gegen alle entfesseln, während das Establishment es sich in seinen eigenmächtigen Enklaven mit globaler Entertainment-, Arbeits-, Business- und Informationskultur gemütlich macht.

 

Von unserem Korrespondenten Carlo Kass

6 Kommentare

  1. Parasiten dei op Keschten vun den Aarmen sech et gudd huelen! Wiesou kritt den “Haf” all Joer am Staatsbudget 2 bis 4 Indextranchen? An mir können den Fanger an d’ Nues stiechen! 💰🍌🤔

  2. Die immer mehr auseinander klaffende Armutsschere beweist, dass der Mann aus Trier nicht so Unrecht hatte, wenn er von einer immer größer werdenden Pauperität sprach, während die sogenannten Eliten immer reicher aber an Anzahl immer kleiner wird. Also muss es zu einer Konfliktration kommen: alle gegen alle, früh oder später!

  3. ELITEN. Haben Revolutionen heraufbeschworen. Noch mehr Tote als sie selbst schon zu verantworten hatten. Die Decadence des Sonnenkönigs und aller anderen Könige,Zaren,Sultans,Pharaonen und selbst der ach so liebe Gott haben die Welt mehr Menschen sterben sehen als alle Krankheiten von Pest bis Cholera. Wer braucht heute noch Eliten? Wir brauchen Genies. Einstein war ein Genie,Beethoven und Mozart waren Genies,Newton usw.,aber elitär waren sie nicht.Es waren Menschen des Volkes und es würde sie angewidert haben sich als “Übermenschen”zu betrachten. Eliten die sich als solche bezeichnen oder feiern lassen sind Schmarotzer,denn sie setzen sich von ihren Mitmenschen ab um auf deren Kosten gut zu leben. Bescheidenheit ist eine Zierde.

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