Einen Bund ist das luxemburgisch-isländische Jazz-Quartett schon vor einer Weile eingegangen. Die gefestigte Bindung zueinander wird nun mit der Geburtsstunde des ersten gemeinsamen Albums besiegelt. Das Tageblatt hat einen der werdenden Väter, nämlich den luxemburgischen Schlagzeuger Jeff Herr, im musikalischen Kreißsaal besucht.

Dass Verkupplungsversuche nicht immer für böse Überraschungen sorgen müssen oder sogar glücken können, dafür ist die Vorgeschichte zum morgen erscheinenden Album „Here and Now“ ein Beleg: Jeff Herr lieh einem befreundeten Musiker ein Schlagzeug, da dieser regelmäßig isländische Bands, die durch Europa touren, zu einem kurzen musikalischen Zwischenstopp bei sich zu Hause einlädt. Irgendwann im Gespräch kamen er und der Gastgeber auf den bekannten isländischen Saxofonisten Sigurdur Flosason zu sprechen, den der Hausherr mit luxemburgischen Musikern zusammenbringen wollte. Erst folgte ein musikalisches Date im Wohnzimmer, dann zeigte man sich zusammen in der Öffentlichkeit (u.a. bei einem Auftritt auf dem „Autumn Leaves Festival“ in der Neimënster) und etwas später fiel dann die Entscheidung – zumindest zeitweilig –, zusammen zu ziehen. Und zwar im Rahmen mehrerer Residenzen (siehe Infobox) im Kulturzentrum „opderschmelz“ in Düdelingen.

Tageblatt: Wie kann man den musikalischen Entstehungsprozess während Residenzen beschreiben?

Jeff Herr: Jede Kreation, in unserem Falle Komposition, ist wie ein Baby. Man bekommt – wie bei vielen anderen Kunstsparten auch – einen Einblick in die Gefühlswelt des jeweils anderen. So können bei instrumentalen Stücken Gefühle non-verbal vermittelt werden, zum Beispiel anhand von Farben, Tempi und Varianzen in Bezug auf die Lautstärke. Jedes Lied wird auf gewisse Art und Weise eine Offenbarung, die aus dem tiefsten Inneren kommt. Ähnlich wie ein Kind, das man in die Welt entlässt und für das man hofft, dass es seinen Weg geht und andere ebenso berührt wie einen selbst.

Welche Rolle spielen hierbei das Ego, Individualismus und das Kollektiv?

Es ist wie in einer Liebesbeziehung. Man möchte sich von seiner besten Seite zeigen – wohlwissend, dass diese nicht die einzige ist. Jeder hat seine Anziehungspunkte und sollte seine individuellen Stärken einbringen und sich entwickeln können. In unserem Fall hat man es mit einem gleichberechtigten Co-Leader-Projekt zu tun, bei dem vier unterschiedliche Musiker aufeinanderstoßen. Demnach ist die zwischenmenschliche Komponente elementar. Es geht also auch um das, was jenseits der Bühne passiert. Wenn sich jemand zu wichtig nimmt, kann das zu Schwierigkeiten führen. Wir haben allerdings das große Glück, dass Michel Reis (Klavier) und Marc Demuth (Kontrabass) bereits seit vielen Jahren zusammenarbeiten. Mit Letzterem spielte ich bereits vor mehr als 20 Jahren in einer Band – in der wir beispielsweise Led Zeppelin und Pantera-Songs spielten … (lacht) Als ich mit Sigurdur die Auswahl treffen sollte, dachten wir also an starke individuelle Charaktere, die aber teamfähig sind. Man muss gemeinsam vorankommen, sich aber eben auch zurücknehmen können.

Wie halten Sie es mit der Hierarchie?

Diese hebt sich gewissermaßen auf. Bei uns kommt eine gewisse Erfahrung mit ins Spiel. Es hat sich in dem Sinne eingependelt, als dass jeder für seine musikalischen Pläne verantwortlich ist und das Organisatorische untereinander aufgeteilt wird. Auf musikalischer Ebene bringt jeder Kompetenzen mit, die von den anderen respektiert und anerkannt werden. Es geht folglich um Individualismus gepaart mit einem kollektiven Gedanken. Ein Geben und Nehmen. Das ergibt sich und es muss niemand den Platzhirsch markieren. In solchen Projekten würde ich auch nicht spielen wollen. Wie in jeder Beziehung hofft man einfach, dass sich eine Balance etabliert und bestehen bleibt.

Finden Sie, dass es ausreichend ähnliche Schaffens-Plattformen in Luxemburg gibt?

Neben Düdelingen wären zum Beispiel noch Einrichtungen wie die Abtei Neumünster, die sehr offen gegenüber der Kreation ist, zu nennen. Auch das Rocklab sowie der Creative Hub 1535 stellen diesbezüglich Hilfe zur Verfügung. Ich kann mir gut vorstellen, dass noch weitere Institute existieren, die nicht abgeneigt wären, wenn man eine Anfrage bei ihnen stellt. Man muss trotzdem immer bedenken, dass in diesem Kontext ebenso Budgetfragen und die Auslastung von Räumen eine Rolle spielen.

Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass jene Einrichtungen, die dies anbieten, zumindest zum Teil vom Staat finanziert werden. Daher sollten derartige Prozesse auch im Ministerium mitgedacht werden. Das Ganze bezieht sich zudem nicht ausschließlich auf den Jazz, sondern sollte global gesehen werden. Man muss sich vor allem aber selbst engagieren. Das ist ein berechtigter Preis, den man zahlt, wenn man vorankommen möchte.

Kann man im Musik-Bereich eigentlich von einer Art „luxemburgischem Klang“ sprechen?

Ich würde nicht direkt von einem rein luxemburgischen Sound sprechen. Man kann hingegen wahrscheinlich schon sagen, dass die Kompositionen von Sigi anders klingen, als wenn man jetzt mit einem mallorquinischen Saxofonisten zusammenarbeiten würde. In dem Fall haben wir es ja mit zwei Extremen, also Norden und Süden, zu tun. Wenn man nun Luxemburg und seine Nachbarländer betrachtet, so könnte man es zuerst mal in der Marsch- und Blasmusik verorten. Das klingt jetzt nicht auf Anhieb sexy, zumindest deutet es aber darauf hin, dass wir fähig sind, den Rhythmus zu halten und asymmetrische Taktarten zu spielen.

Bedingt durch die Globalisierung kommt der umfangreiche Zugang zu Musik hinzu. Allem voran haben wir in Luxemburg durch die geografische Position und die Vielfalt innerhalb des Landes ein enormes Privileg.

Nun handelt es sich bei Ihrem Projekt ohnehin nicht um ein ausschließlich luxemburgisches. Spielt Nationalität in einem derartigen Kontext denn überhaupt noch eine Rolle oder kennt Musik diesbezüglich keine Grenzen?

Ob ein Musiker nun aus Rümelingen, Wiltz oder der Hauptstadt stammt, hat dieser seine Wurzeln, seinen Background und sein einstudiertes Fundament. Vielleicht gab es sogar noch einen portugiesischen Opa oder eine italienische Oma, die folkloristische Einflüsse mitbrachten. So hat allein schon hier direkt vor der Tür jeder seine eigene musikalische Sprache und Sicht auf Dinge. Wenn man nun mit einem Isländer spielt, bringt dieser auf gewisse Weise auch eine folkloristische Bagage mit und trägt einen gewissen Klang in sich.
Und doch spielen wir letztlich Jazz; ein Genre, das seine Wurzeln in der Vereinigten Staaten hat. Wir haben alle Jazz studiert, verfügen also über ein sehr ähnliches Vokabular und auch wenn wir in drei unterschiedlichen Ländern zur Uni gegangen sind, studierten wir gewissermaßen amerikanische Folklore-Musik. Letzten Endes sprechen wir eine gemeinsame Sprache und deswegen fällt es nicht auf, ob nun auf der Bühne ein Isländer steht oder jemand aus Weiler-la-Tour.

Residenz?

Jeff Herr: „Es handelt sich einfach um eine mehrtägige Probephase, im Rahmen derer man von morgens bis abends zusammen ist und gemeinsam Stücke ausarbeitet. Es können bereits Kompositionen vorliegen oder auch welche entstehen. Bei uns trifft beides zu.
Dies stellt eine Alternative dazu dar, sich wie früher einmal wöchentlich abends in einem Probesaal zu treffen und danach 20 Humpen zu trinken … (lacht). So begann es nämlich bei vielen vor gefühlt 100 Jahren – das hat übrigens auch seinen Charme. Das Kulturzentrum ,opderschmelz‘ hat zudem den Vorteil, dass man die Proben sogar mit anschließenden Konzerten sowie der Produktion eines Albums verbinden kann.“

Das nun entstandene Album „Here and Now“ wird am Donnerstag, 24.1.2019, um 20 Uhr im Düdelinger Kulturzentrum „opderschmelz“ präsentiert (LINK).

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