Der Girona Futbol Club wurde 1930 gegründet, doch erst zur Saison 2017/18 gelang dem Vorzeigeklub der 100.000 Einwohner kleinen Provinzhauptstadt aus dem Norden Kataloniens der Aufstieg in die oberste spanische Liga. Insbesonders die Vergleiche gegen die verhassten Königlichen aus der Hauptstadt Madrid strahlen weit über den Fußball hinaus.

Von unserem Korrespondenten Chrëscht Beneké

Selbst IOC-Präsident Thomas Bach hat vor einigen Jahren zugegeben, dass der Sport sich “zwei Lebenslügen” geleistet habe. Die erste sei, Sport habe nichts mit Geld zu tun und die zweite sei, Sport habe nichts mit Politik zu tun. Doch so eindeutig politisch wie der Kapitän Alex Granell des FC Girona in der Zeitung La Vanguardia äußert sich selten ein sportlicher Akteur. Der 1:2-Erfolg am vergangenen Sonntag im Santiago Bernabéu “sei die passende Form um allen Politikern, über die ungerechtfertigt (vom obersten spanischen Gericht) geurteilt wird, unsere Unterstützung zu zeigen.”

Ein Dutzend katalanischer Regionalpolitiker sitzen wegen ihrer als illegal angesehenen Bestrebungen zur Unabhängigkeit seit über 15 Monaten in Untersuchungshaft. Es ist ein Konflikt, der Spanien spaltet. Den spanischen Fußball elektrisiert und spaltet jedoch seit jeher “el clásico”. Also die Duelle zwischen den beiden Großen, zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona und das nicht nur wegen dem hohen sportlichen Wert. Im Bürgerkrieg der Dreißiger Jahre stieß General Francisco Franco unter anderem in Katalonien auf großen Widerstand der spanischen Republik. Auf eine Monarchie um Juan Carlos setzte er als Nachfolger seiner 36-jährigen Diktatur und ebenso nutzte und unterstützte er die “Königlichen” von Real Madrid als seine sportlichen Botschafter in der Welt. Für die meisten Katalanen wurde damit Barça zum mächtigen Symbol des eigenen, unterdrückten Widerstandes und die direkten Vergleiche waren politisch enorm aufgeladen. Noch heute nutzt Barça den Slogan “mehr als nur ein Club” ganz bewusst.

Rufe nach Unabhängigkeit

Der Verlust der Unabhängigkeit während des spanischen Erbfolgekrieges im Jahre 1714 ist zentral im katalanischen Selbstverständnis, weshalb im Camp Nou nach 17 Minuten und 14 Sekunden von den Rängen traditionell Rufe nach der Unabhängigkeit laut werden. Genau wie im vergleichsweise winzigen Montilivi in Girona, das nur mit mobilen Rängen auf knapp 14.000 Zuschauer kommt. Die empfingen den Regionalpräsidenten Carles Puigdemont am 29. Oktober 2017 mit der katalanischen Hymne und euphorischer Anfeuerung zum ersten Vergleich gegen Real Madrid. Während der politische Konflikt in Katalonien ganz Europa in Atem hielt, stand auf dem Fußballfeld plötzlich ein symbolischer Stellvertreterkrieg an.

Erst im Januar 2016 war der bisherige Bürgermeister von Girona Carles Puigdemont überraschend auf den katalanischen Regierungsvorsitz gespült worden. Anderthalb Jahre später stieg sein FC Girona in die erste Liga auf. Und nach dem vom obersten Gericht als verfassungswidrig erklärten Unabhängigkeitsreferendum vom 1. Oktober hatte das katalanische Parlament am Freitag, dem 27. Oktober, unter seiner Führung eine einseitige Unabhängigkeitserklärung abgegeben. Nur Stunden später erklärte der spanische Regierungschef und Anhänger von Real Madrid, Mariano Rajoy, die Regionalregierung für abgesetzt.

“Historischer” Erfolg

An jenem Sonntag schlichen dessen Rekordmeister derweil, wie bei allen Besuchen in Katalonien oder auch dem Baskenland üblich, mit einem neutralen, von außen nicht identifizierbaren Bus vom Hotel ins Stadion. Der sensationelle erste 2:1-Sieg gegen den hauptstädtischen Goliath ging in den damaligen Wirren zwar ziemlich unter, doch der aus dem nahe Girona gelegenen Olot stammende, gelernte Primärschullehrer Alex Granell erinnerte am vergangenen Sonntag wieder an den damaligen “historischen” Erfolg: “Der Sieg gegen Madrid im Montilivi fand zu einem politisch delikaten Moment statt… und jetzt im Bernabeu siegen zu können ist ebenfalls wichtig.”

Dazwischen hatte es zwar 6:3- und 1:4-Klatschen gesetzt. Doch hatte sich die politische Situation nach den korruptionsbedingten Sturz der Rajoy-Regierung unter dem Sozialdemokraten Pedro Sánchez auch entspannt. Gerade stehen aber wieder Neuwahlen an und der “wichtigste Prozess der spanischen Demokratie” hat begonnen. Aus dieser politischen Anspannung scheinen auch einige katalanische Spieler wie Granell noch einmal zusätzliche Motivation zu schöpfen.

“Bastion des Separatismus”

In der Nacht nach dem ersten Sieg setzte sich Puigdemont übrigens heimlich ins europäische Exil ab. Von wo er nach dem zweiten Sieg seinem Team über Twitter zu Sieg gratulierte. Mit den zwei Siegen genau zum denkbar besten Zeitpunkt gegen den als arrogant empfundenen Madrider Goliath läuft Girona dem großen Konkurrenten Barça gerade den Rang als Identifikationspol katalanischer Separatisten ab. Eduardo Gonzalez Calleja als Professor für zeitgenössische Geschichte an der Madrider Universität Carlos III hatte für die AFP noch im Vorfeld des Spiels analysiert: “Girona ist ein Verein, der viel stärker der Unabhängigkeit verbunden ist, es ist eine Bastion des Separatismus.”

Zwar hatte sich Ende 2017 auch Barça unter dem Klubpräsidenten Josep Maria Bartomeu auf die Seite ihrer Regionalregierung gestellt und dabei nicht einmal den heftigen Konflikt mit dem Ligapräsidenten Javier Tebas gescheut, ein erklärter Anhänger der rechtsextremistischen Partei VOX. Doch muss Barça aus Rücksicht auf die große Anhängerschaft in Restspanien und der Welt eine bedingungslose Unterstützung der katalanischen Unabhängigkeit vermeiden. Wo wir dann bei der anderen Lebenslüge des Sports wären.

Da leistet sich höchstens noch der legendäre katalanische Erfolgstrainer vom FC Barcelona Pep Guardiola (heute Manchester City) ein dezidiertes persönliches Eintreten für die katalanische Unabhängigkeit. Sein Bruder und Spielerberater Pere steht zwar der einen Hälfte des Girona FC vor (die andere Hälfte gehört der City Football Group mit u.a. Manchester City, Melbourne City F.C. oder auch New York City mit dem Luxemburger Nationalspieler Maxime Chanot). Die von ihm betreute 19-jährige Nachwuchshoffnung Braham Díaz wechselte diesen Januar für 17 Millionen Euro Ablösesumme jedoch von Manchester City ausgerechnet zu Real Madrid.

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