Am Thema Fleisch scheiden sich die Geister – auch in Luxemburg. Während die einen ganz darauf verzichten, tote Tiere zu verzehren, gehört für andere auf jeden Fall zu jeder Mahlzeit ein anständiges Stück Fleisch auf den Tisch.

Auch die Medien kommen nicht am Fleisch vorbei. Immer wieder veröffentlichen Verlage und Rundfunkhäuser Berichte über Vegetarismus oder Veganismus, zeigen Kochsendungen, in denen Fleisch gegrillt und gebraten wird. Und selbst ein ehemaliger Minister lässt es sich nicht nehmen, in regelmäßigen Abständen seine Geringschätzung gegenüber allem, was irgendwie nach “Bio”, “Öko”, und “Veggi” klingt, von der Seele zu schreiben.

Fakt ist: In Luxemburg wird viel Fleisch konsumiert. Fakt ist auch: In Luxemburg ist Fleisch im Vergleich zu anderen Ländern der EU sehr teuer. Letzteres zeigen Zahlenreihen der europäischen Statistikbehörde Eurostat. Demnach ist Fleisch in Luxemburg stolze 41 Prozent teurer als im EU-Durchschnitt. Am billigsten ist Fleisch in Polen. Die Preise dort liegen bei 57 Prozent des EU-Durchschnittes.

Dass der Fleischkonsum pro Kopf in Luxemburg sehr hoch ist, ist wenig überraschend. In Ländern mit einer hohen Wirtschaftsleistung wird allgemein mehr Fleisch gegessen als in Staaten mit einer niedrigeren Wirtschaftsleistung.

Wie hoch der Fleischkonsum im Großherzogtum tatsächlich ist, ist allerdings schwer zu sagen. 2012 nahm sich das Wirtschaftsmagazin The Economist der Sache an und publizierte unter der Überschrift “Kings of Carnivores” eine Grafik, in der Luxemburg an der Spitze steht mit 136 Kilogramm Fleisch pro Kopf im Jahr 2007 – mit Verweis auf die UN-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO).

Pro-Kopf-Verwirrung in den Statistiken

Die Nachrichtenplattform Business Insider publizierte 2015 eine Grafik aus einem Bericht der Nomura Bank. Darin wird der Fleischkonsum pro Kopf mit dem Bruttonationaleinkommen in Relation gesetzt. Laut dieser Grafik aßen die Menschen in Luxemburg 2011 rund 100 Kilo Fleisch pro Kopf.

Der Haken: Um den Konsum zu berechnen, wird hier nicht direkt gemessen, wie viel Fleisch tatsächlich von den Einwohnern gegessen wird. Stattdessen werden die Produktion im Land und die Netto-Fleischimporte zusammengerechnet und dann durch die Anzahl der Einwohner geteilt. Hinzu kommt, dass die Menschen Nahrungsmittel nicht selten im Ausland einkaufen.

In den meisten Ländern wäre dies eine gute Näherung, allerdings nicht in Luxemburg mit seinen Tausenden Grenzgängern. Diese essen unter der Woche in luxemburgischen Kantinen und Restaurants Fleisch, tragen zum Konsum bei und werden dann mit einer gewissen Regelmäßigkeit ignoriert, wenn der Pro-Kopf-Verbrauch oder etwas Ähnliches berechnet wird.

Nun wird in Luxemburg, trotz aller statistischen Schwierigkeiten, unleugbar viel Fleisch gegessen. Ist es da nun ein lohnendes Geschäft, Fleisch herzustellen? Wenn man den Schweinebauern Glauben schenken darf, nicht. Ende Juni beklagten sich Luxemburger Schweinebauern im Rahmen einer Pressekonferenz über ihre Lage. Sie sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Es sind weder die Politik noch Europa oder die Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, sondern ein “Partner” der Schweinebauern, nämlich die Schlachthäuser.

Verbrauchen zahlen fairen Preis

Die Schweinebauern unterstreichen, dass sie weder den Luxemburger Staat noch Konsumenten für die Schieflage verantwortlich machen. Mit rund zehn Euro für ein Kilogramm Kotelett bezahlten die Verbraucher bereits einen “fairen Preis”, sagen die Landwirte selbst.

Nach Zahlen der Statistikbehörde Statec und des landwirtschaftlichen Informationsdienstes der Regierung SER stieg der Preis für ein Kilogramm Kotelett im Handel von 5,93 Euro im Jahr 1990 auf 10,46 Euro 2017. Die Erzeugerpreise sanken allerdings im gleichen Zeitraum von 1,98 Euro pro Kilo auf 1,53 Euro pro Kilo. Von einem Euro, den die Konsumenten für Schweinefleisch ausgeben, kamen 1990 noch 33 Cent bei den Schweinebauern an. 2017 waren es nur noch 14 Cent, rechnen die Landwirte vor. Der Anteil der Zwischenetappen – also Schlachtung, Verarbeitung und Vertrieb – wäre demnach von 67 Cent auf 86 Cent pro Euro, den der Konsument ausgibt, gestiegen.

Grund hierfür ist ein merkwürdiger Widerspruch, der auch mit Luxemburgs kleiner Größe zu tun hat. Die Schweinebauern hierzulande verfolgen eine Premiumstrategie. Eigenen Aussagen zufolge sind die Regeln und Auflagen, die sie bei der Aufzucht der Schweine befolgen, höher als in anderen Teilen Europas. Die Schlachthäuser aber richteten sich laut den Schweinebauern bei ihrer Bezahlung nach dem deutschen Markt bzw. nach der sogenannten “Nord-West-Notierung”, auf die luxemburgische Betriebe einen kleinen Aufschlag bekommen. Der deutsche Markt unterscheidet sich allerdings von dem luxemburgischen, der von Familienbetrieben geprägt ist. Deutschland ist außerdem ein Schweinefleisch-Exportland.

Luxemburg schmeckt nach Fleisch

Um Werbung für Luxemburger Erzeugnisse zu machen, haben die Landwirtschaftskammer und das Landwirtschaftsministerium die Kampagne “Sou schmaacht Lëtzebuerg” ins Leben gerufen. Die Kampagne schlägt u.a. eine Reihe von Rezepten vor. Darunter Rinderrouladen und Schweinefleisch in Aspik. Kein einziges Rezept kommt ohne Fleisch aus. Luxemburg schmeckt demnach also ziemlich fleischig.

Laut Angaben des Ministeriums zählte das Großherzogtum 2017 rund 200.000 Rinder, darunter 47.000 Milchkühe und 29.000 Mutterkühe. Die einheimische Schweinepopulation umfasste im vergangenen Jahr 95.000 Tiere, davon 5.400 Zuchtsauen.

Auch wenn in Luxemburg laut Ministerium Ziegen und Schafe hauptsächlich als Hobby gehalten werden, so gibt es dennoch einige Höfe hierzulande, die Schafe und Ziegen in der Herstellung von Milchprodukten einsetzen. Zudem gibt es Herden von “mehr als 100 Mutterschafen, die Lämmer zur Fleischproduktion erzeugen”.

Geflügel (im Sinne von Vogelfleisch) wird in Luxemburg nicht kommerziell produziert. Dafür gibt es allerdings acht Legehennenbetriebe mit mehr als 1.000 Legehennen. Insgesamt leben in Luxemburg rund 100.400 Legehennen.

Auch bei der Schlachtung: Wackelige Zahlen

Wenn auch kaum messbar ist, wie viel Fleisch auf Luxemburgs Tischen und in den Mägen der Einwohner landet – und es im Übrigen auch keine aussagekräftigen Zahlen darüber gibt, wie viele Menschen sich hierzulande vegetarisch oder vegan ernähren – so gibt es doch sehr genaue Statistiken darüber, wie viele Tiere im Großherzogtum geschlachtet werden. Veröffentlicht werden diese vom SER.

Alleine im Juni waren dies 2.243 Rinder, 12.940 Schweine und 124 Schafe und 25 Ziegen. Es kommt allerdings nicht selten vor, dass Tiere, die in Luxemburg aufwachsen, im Ausland geschlachtet werden und umgekehrt (was laut Statistik insbesondere bei Ziegen der Fall zu sein scheint).

Fleisch ist ein fester Bestandteil des Lebens in Luxemburg, auch wenn dies oft nicht richtig wahrgenommen wird. Tiere werden in Luxemburg gezüchtet und geschlachtet und die Verbraucher geben viel Geld dafür aus, um es konsumieren zu können. Fleisch ist eine Ware. Fleisch ist staatliche Statistik. Fleisch ist aber auch, was es ist: ein totes Tier.

4 Kommentare

  1. Als Kommentar etwa trockene Wissenschaft:

    Auszug aus „Vegetarian dietary patterns and mortality in Adventist Health Study 2
    Michael J Orlich et al, 2013“

    The adjusted hazard ratio (HR) for all-cause mortality in all vegetarians combined vs nonvegetarians was 88%. The adjusted HR for all-cause mortality in vegans was 85%, in lacto-ovo–vegetarians 91%, in pesco-vegetarians 81%, and in semi-vegetarians 95% compared with nonvegetarians. Significant associations with vegetarian diets were detected for cardiovascular mortality, noncardiovascular noncancer mortality, renal mortality, and endocrine mortality.

    Weniger Fleisch heisst also, dass Sie JEDES Jahr ein etwa 10% niedrigeres Todesrisiko haben.
    Tun Sie sich was Gutes!

  2. Damit egal welches Fleischgericht überhaupt schmeckt und um es bekömmlich zu machen, braucht man allerlei Gewürze (Pflanzen). Gemüse kommt notfalls mit Salz und Pfeffer aus und braucht kein Fleisch um Geschmack zu haben. Wenn es sich bei dem früheren Minister handelt, den ich im Hinterkopf habe…nun, der sieht aber auch nicht gerade gesund aus, oder?

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