Am Donnerstagabend war der irakische Oud-Spieler Naseer Shamma in der Philharmonie zu Gast. Der Kammermusiksaal war bis auf den letzten Platz besetzt, allerdings war dies leider noch kein Garant dafür, dass man auch wirklich “dabei” sein konnte.

Bei der Oud handelt es sich um eine Kurzhalslaute aus dem Vorderen Orient. Der Name des Zupfinstrumentes bedeutet “Holz”. Die Herkunft der Oud ist nicht endgültig geklärt. Sicher  ist jedoch, dass sie bereits im Mittelalter Verwendung fand und somit auf eine lange Geschichte zurückschaut. Wem ihr Klang und ihre Geschichte noch nicht bekannt war, dem hätte das Konzert eines Virtuosen auf ebendiesem Instrument eigentlich die Möglichkeit geboten, sich auf etwas Neues einzulassen und sich mit der Thematik vertraut zu machen. So wirklich wollte das aber nicht gelingen.

Manch einer möchte das wahrscheinlich nicht glauben, aber es kann ganz schön anstrengend sein, als Journalist ein Konzert zu besuchen und danach einen Artikel darüber zu schreiben. Statt sich einfach nur auf das Gesehene und vor allem das Gehörte einzulassen, müssen alle Sinne geschärft und der Kopf hundertprozentig bei der Sache sein. Oft merkt man, dass es Journalisten an Fachkompetenz fehlt, wenn sie anfangen, das “Drumrum” ein klein wenig zu sehr zu beschreiben. Wenn aber die Wahrnehmung derart stark von Faktoren jenseits des eigentlichen Themas, nämlich der Musik, gestört wird, dann bleibt einem leider fast nichts anderes übrig, als eben doch über das Drumherum zu schreiben. Denn man wird daran gehindert, seinen eigentlichen Job zu machen. Genauso wie anderen Besuchern der Genuss verwehrt wird.

So erging es einem auch am Donnerstagabend in der Philharmonie. Das perfektionistische und bis ins letzte Detail aufeinander abgestimmte Zusammenspiel zwischen Naseer Shamma und den Perkussionisten Lasaad Ladhari, Mounir Koubaa und Lofti Soua wurde durch Klänge ergänzt, die sicher nicht eingeplant waren. Hiermit ist nicht etwa der luxemburgische Gitarrist Greg Lamy gemeint, der für ein Lied dazustieß und zeitweilig seine Mühe zu haben schien, sich klanglich anzupassen und mitzuhalten.

Vielmehr klingelte relativ zu Anfang ein Smartphonewecker, welcher offenkundig erst mal gefunden werden musste. Der zuvor hochkonzentrierte Naseer Shamma blieb professionell und versuchte es scheinbar mit Humor zu nehmen, indem er sagte: “Apparently somebody has to wake up.” Ob nun in Ermanglung von Englischkenntnissen oder vielleicht doch, weil sie die durch und durch melancholischen Klänge nicht berührten – fest steht: Eine Person schlief mehrmals ein und schnarchte relativ laut. Ein kleiner Trost: Sie war wenigstens im Takt.

Hinzu kamen dann auch immer wieder durch die Reihen verteilte Gesprächsfetzen, die – aus welchem Grund auch immer – scheinbar zwingend notwendig während der Lieder platziert werden mussten. In den Pausen dazwischen hatte das Ganze wohl nicht ausreichend Nervenkitzel. Ein kleines spannendes Detail hierbei: Am stärksten spielte sich dies in der ersten Reihe ab, also jenem Ort, an dem die luxemburgische Kulturschickeria (mit politischer Vergangenheit) darniedersaß. Es ist bisher ungeklärt, ob man sich mit steigendem Ticketpreis an solchen Orten auch ein klein wenig von üblichen Gepflogenheiten freikaufen kann und sich dann nicht mehr so um sein Umfeld scheren muss. Oder ob es ohnehin egal ist, weil man auf der Gästeliste steht.

Zu guter Letzt dann noch der traurige Running Gag: Mal wieder glaubten in der Philharmonie mehrere Männer und Frauen, ihr angebliches Talent als Musikvideoproduzenten ausleben zu müssen. Der einzige Vorteil an diesem Verhalten: Philharmonie-Mitarbeiter brauchen kein Fitnessstudio zu besuchen, da sie wegen hochgehaltenen Smartphones bei Konzerten ohnehin in Bewegung bleiben. Dass aber sowohl die Aktion dieser Menschen sowie die Reaktion des Personals vielen anderen nicht nur die Sicht nimmt, sondern auch die Möglichkeit, gänzlich in die Musik einzutauchen, spielt allem Anschein nach keine Rolle.

Wer sich mit Naseer Shamma befassen möchte, dem sei der Kauf seiner Alben ans Herz gelegt. Damit fördert man nicht nur einen spannenden Musiker, sondern verschafft sich auch eine Gelegenheit, das Ganze in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Update: Wie eine Leserin zutreffend anmerkte, werden in diesem Artikel nicht jene Zuhörer und Zuhörerinnen erwähnt, welche erst still genießend und später ihren Respekt bekundend aufstanden, um den Musikern mit Standing Ovations ihren wohlverdienten Tribut zu zollen. Wenn auch es der Autorin wichtig schien, eine sich häufiger im Konzertkontext manifestierende Problematik mit diesem Artikel anzusprechen, so war die Absicht nicht, ein ausschließlich negatives Bild zu zeichnen, da dieses der Realität ebenfalls nicht gerecht werden würde. Es besteht definitiv noch Hoffnung, dass das nun beschriebene respektvolle Verhalten auf andere abfärbt.

4 Kommentare

  1. Aus denen von Ihnen genannten Gründen verziichte ich seitblängerem auf Konzertbesuche. Kaufe “blue-ray” fürs Heimkino mit gutem Soundsystem. Vermisse die Live-Konzert-Atmosphäre, habe aber ungetrübten Musikgenuss. Ebenso Theater oder Kino.

  2. Sehr traurig aber leider muß man immer wieder fest stellen das einige Luxemburger weder Anstand noch eine gute Erziehung hatten sie benehmen sich wirklich wie der berühmte Elefant im Porzellanladen und meinen auch noch sie wären interessant und können sich alles erlauben, in solchen Fällen wäre es nicht schlecht wenn Saalordner anwesend sind die sofort mit gebührenden aber bestimmenden Respekt solche Menschen zur Ordnung rufen oder im schlimmsten Fall aus dem Saal entfernen.
    Leider sind auch viele darunter die die Geschicke eines Landes lenken sollen und da muß man sich Fragen wie das vereinbar ist wenn man ins Fettnäpfchen tritt und auf der anderen Seite Gesetze verabschiedet. Knigge ist wohl nicht bekannt.

  3. Ja, so ist es leider heute. Keine Rücksicht, keinen Respekt und das auch noch bei anscheinend kultivierten Konzertbesuchern. Kann man bei sochen Gelegenheiten, wo Stiile und Konzentration angesagt sind, seinen Smartphone nicht ausgeschaltet in der Tasche oder ganz zuhause lassen? Sich ausschlafen soll man gefälligst in den eigenen vier Wänden und die Gelegegenheit sich zu unterhalten ist vor, nach dem Konzert oder in der Pause gegeben. Aber das wäre zu viel verlangt, auch von der sogenannten Kulturschickeria oder denen die glauben dazu zu gehören. Viele, die sich als Kukturkenner ausgeben, entpuppen sich als blosse Phrasendrescher wenn man ihnen auf den Zahn fühlt. Hohle Fässer machen bekanntlich am meisten Lärm.

  4. Uerberall das Gleiche Szeanario,
    draussen benehmen sich manch neureiche Luxusbürger
    als wären sie etwas Besonderes,dicke 4×4 Jeeps,teure Kleidung usw.
    Kaufen aber in Discounter ein im Grenzgebiet,Ware wird dann in Cactustüten
    umgepakt damit der Nachbar nichts davon merkt, C&A in Bramstaschen usw.
    Jeder kann von mir aus tun was er will,soll aber immer noch wissen wo er
    geboren ist.
    Respektlosigkeit und Ueberheblosigkeit nimmt leider in unserer
    heutigen Gesellschaft immer mehr zu.
    Es gibt gottseidank auch noch Ausnahmen.

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