Am 19. August 1989 nutzen 600 DDR-Bürger ein „Paneuropäisches Picknick“ bei Sopron zur Flucht nach Österreich. Im Gespräch mit dem Tageblatt erinnert sich einer der damaligen Flüchtlinge an die dramatischen Tage.

Zum Foto: Ein Teil des alten Grenzzauns bei Sopron ist heute Teil eines Museums. (AFP/Ferenc Isza)

Von unserem Korrspondenten
Manfred Maurer, Sopron

Hermann Pfitzenreiter plante für seine Familie 1989 einen besonderen Urlaub: den ohne Rückkehr. In Breitenworbis in Thüringen nahe der Grenze zur BRD konnte der Lkw-Fahrer Westfernsehen empfangen und sah so die Berichte über den Abbau des Eisernen Vorhanges an der österreichisch-ungarischen Grenze.

Für August beantragt der damals 36-Jährige für sich, seine gleichaltrige Frau Margret und die beiden Söhne (15 und 7) Visa für Ungarn. „Wir sind mit unserem Wartburg in der vollen Absicht gefahren, rüberzukommen“, sagt Pfitzenreiter. Mit „rüberkommen“ meint er, rüber nach Österreich, was damals noch fast unmöglich schien, auch wenn an dieser Grenze schon lange nicht mehr geschossen wurde.

Festnahme am ersten Tag

Fast platzt der Traum. Gleich nach der Ankunft in Ungarn werden die Pfitzenreiters festgenommen. In der Absicht, Fluchtmöglichkeiten zu erkunden, kommen sie der Grenze zu nahe und werden von der Polizei aufgegriffen. Vier Stunden lang werden die vier DDR-Bürger verhört — und sagen, was sie abgesprochen hatten: Sie hätten sich einfach nur verfahren. Wahrscheinlich glauben die Ungarn das eh nicht, aber sie lassen die Familie laufen. Nun ist aber klar: Nach dem Kontakt mit der ungarischen Polizei gibt es wirklich kein Zurück mehr, weil Stasi-Schergen zu „Republiksflüchtlingen“ weniger freundlich sind als Magyaren.

Doch wie sie „rüberkommen“ sollten, ist alles andere als klar. „Die Kinder waren schon ängstlich“, schildert Hermann Pfitzenreiter die dramatischen Stunden. Man entschied, erst einmal einen Zeltplatz zu suchen, um das Erlebte „mal sacken zu lassen“. Und so landen die Pfitzenreiters eher zufällig auf einem Campingplatz in Fertörákos nahe dem Neusiedlersee. „Dort hat jemand die Flugzettel vom Paneuropäischen Picknick verteilt.“ Beinahe hätte die Familie die Chance vertan, obwohl das Flugblatt ziemlich eindeutige Anspielungen enthielt.

Darin war von einer „einmaligen, okkasionellen Grenzüberschreitung“ im Zuge der von ungarischen Oppositionellen unter der Schirmherrschaft des damaligen CSU-Europaabgeordneten Otto Habsburg und des ungarischen Staatsministers Imre Pozsgay organisierten Veranstaltung die Rede. „Ich habe mir wenig Hoffnung gemacht und bin auf dem Zeltplatz geblieben“, so Pfitzenreiter. Doch dann kam einer von dem Picknick zurück und rief: „Die machen die Grenze auf!“ Pfitzenreiter: „Da sind wir ins Auto gestiegen, zur Grenze gefahren und rüber durch das Gatter.“

Test für Gorbatschow

Was heute fast banal klingt, war damals ein historisches Ereignis, dessen Folgen noch gar nicht abschätzbar waren. Aus ungarischer Sicht war es auch ein Test: Regierungschef Mikos Nemeth wollte, wie er später sagte, mit einer kurzen Öffnung des Eisernen Vorhangs testen, ob er Zusagen des damaligen sowjetischen Staatschefs Michail Gorbatschow trauen könne, oder ob dieser den in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen den Befehl zum Eingreifen geben würde. Budapest hatte sich zwar schon vor Gorbatschow zur „fröhlichsten Baracke“ im Ostblock entwickelt, doch man war auch traumatisiert durch das Jahr 1956, als sowjetische Panzer die ungarische Freiheitsrevolution niedergewalzt hatten. Die ungarische Regierung wollte 1989 auf Nummer sicher gehen und austesten, wie locker die sowjetischen Zügel wirklich waren.

Als sich am 19. August 1989 plötzlich das Tor zur Freiheit öffnete und 600 DDR-Bürger durchströmten, war das also weniger spontan und chaotisch, als es wirkte. Es steckte Kalkül dahinter. Da es aus Moskau keinen Einwand gegen die Grenzöffnung gab, wurde das Fest in Sopron zum „Anfang vom Ende der Teilung Europas durch den Kalten Krieg“, wie EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso am 20. Jahrestag des Picknicks vor zehn Jahren sagte.

Auch am 30. Jahrestag wird in Sopron beim damals eröffneten Denkmal „Umbruch“ dieser Sternstunde der europäischen Geschichte gedacht. Hermann Pfistenreiter wird am heutigen Montag an den Ort zurückkehren, an dem er für sich die keine drei Monate später folgende Wende in der DDR vorweggenommen hat. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban haben sich angesagt. Österreich, das bei früheren Jubiläumsfeiern in Sopron stets hochrangig vertreten war, macht sich dagegen heuer rar. Übergangskanzlerin Brigitte Bierlein und Außenminister Alexander Schallenberg hätten Termine bei den Salzburger Festspielen, teilt das Außenamt in Wien mit.

EU-Perspektive für alle!

Die Paneuropa-Bewegung fordert anlässlich des 30-Jahr-Jubiläums des „Paneuropäischen Picknicks“ eine EU-Beitrittsperspektive für alle europäischen Länder. Es gelte das Bekenntnis „Paneuropa ist ganz Europa“, so Österreich-Präsident Karl Habsburg, dessen 2011 verstorbener Vater vor 30 Jahren am Zustandekommen dieses Picknicks maßgeblich beteiligt war. Die EU-Beitrittsperspektive sei „eine logische Folge der 1989/1990 gewonnenen Freiheit“. Das gelte heute insbesondere für die Länder Südosteuropas und die Ukraine. Kosovaren, Bosnier oder Ukrainer hätten, so Habsburg, genauso ein Recht auf Europa wie Ungarn, Österreicher oder Polen.

Kommentieren Sie den Artikel


Please enter your comment!
Please enter your name here