Seit 175 Jahren gestaltet die „Maîtrise de la cathédrale Notre-Dame“ das kirchenmusikalische Programm aller Gottesdienste in der Kathedrale. Die außergewöhnliche Performance dieser Institution dürfte allen durch die Übertragungen des Te Deum bekannt sein. Das Tageblatt blickt auf die lange Tradition der „Maîtrise“ zurück und hat sich diesbezüglich mit dem Dirigenten Marc Dostert, 43, über die Entwicklung der Kirchenmusik unterhalten. 

Von André Feller

Tageblatt: Sie haben 2013 die Nachfolge von Antonio Grosu angetreten. Damals zählte der Chor 20 aktive Sängerinnen und Sänger. Heute sind es deren rund 50. Wie haben Sie es geschafft, so viele Menschen für Kirchenmusik zu begeistern?

Marc Dostert: Als Gesangsprofessor am hauptstädtischen Konservatorium und vorher Gesangslehrer in regionalen Musikschulen sitze ich quasi an der Quelle. Schüler und Schülerinnen mit Potenzial lade ich in unseren Chor ein. Nach einer ersten Teilnahme an einem einzelnen Konzert bleibt der Nachwuchs oftmals dem Chor treu. Dank Mundpropaganda und der hohen Anerkennung der Maîtrise in der Gesellschaft finden Sänger und Sängerinnen aus allen Ecken des Landes zu uns.

Also kann eigentlich jeder Interessierte der Maîtrise beitreten?

Im Prinzip ja. Potenzielle Kandidatinnen und Kandidaten werden zu einem Vorsingen eingeladen. Eine musikalische Vorbildung ist wichtig, um die Proben auf ein Minimum zu begrenzen, ohne jedoch an Performance einzubüßen. Die Novizen durchlaufen eine sechsmonatige Probezeit, bevor der Vorstand zusammen mit mir über die definitive Aufnahme entscheidet.

Der frühere Dirigent René Ponchelet öffnete die Maitrîse für Frauen. Wie kam es eigentlich dazu? Zumal Frauen in der katholischen Kirche nicht gleichgestellt sind…

René Ponchelet war „Aumônier“ im privaten Gymnasium „Sainte Sophie“. Dort erkannte er das Potenzial der jungen Frauen in Bezug auf deren Stimmen für den Domchor. Immer weniger Männer interessierten sich für den Kirchen- und Chorgesang. Ponchelet hatte eine gewisse Weitsicht und schlug neue Wege ein. Ihm ging es um das Fortbestehen der Maîtrise, aber auch um die Erweiterung der Stimmenvielfalt. Seine Initiative ermöglichte eine neue Interpretierung bekannter Werke und eine Öffnung für neue Werke, wie es zuvor nicht möglich war.

In den letzten 50 Jahren hat die Bevölkerung Luxemburgs einen wesentlichen demografischen Wandel erlebt. Hat dieser auch Einzug in die Maîtrise gehalten?

Ja, das kann man durchaus sagen – unsere Mitglieder sind ein Spiegelbild der unzähligen Nationen, die in Luxemburg leben. In puncto Sprache ist das dennoch immer einfach, mit dem offenen Umgang untereinander lässt kann man die Sprachbarriere überschreiten.

Alle Dirigenten und Organisten übten durch ihre eigene Vorliebe ihren Einfluss auf den Chor aus. Wie sieht Ihr musikalisches Markenzeichen aus?

Ich bevorzuge eine ausgewogene Mischung von historischer Kirchenmusik mit zeitgenössischen Kompositionen – und darunter vorwiegend die von Luxemburger Komponisten. Ihre Kompositionen sind oft einzigartig und herausfordernd für den Chor, zum Teil aber wenig bekannt, was ich sehr bedauere. Das möchte ich als Dirigent eines so bedeutenden Chors ändern. In Zukunft werde ich alte, bisher nicht oder kaum aufgeführte

Werke ins Programm integrieren. Wir haben eine beachtliche Sammlung historischer Manuskripte in der Kathedrale gefunden. Diese werden erst mal an der Universität Luxemburg aufgearbeitet.

Als Dirigent in der Kathedrale beobachten Sie auch die Entwicklung der Kirchenmusik quer durchs Land. Wie steht es um die Zukunft der Kirchenchöre?

In vielen Regionen kam es zu Fusionen der Pfarreien und somit auch der Kirchenchöre. In der Tat interessieren sich immer weniger Menschen für den Chorgesang, sei es für weltliche oder Kirchenmusik. Beide Chorwelten erleben die gleiche Entwicklung. Dieser Abwärtstrend lässt sich jedoch nicht verallgemeinern. Viele Kirchenchöre sind überaus aktiv und stellen sich musikalischen Herausforderungen mit Bravur. Ich denke, in Zukunft wird die Anzahl an Chören weiterhin schwinden. Stattdessen werden meiner Meinung nach jedoch größere Regional- und Projektchöre entstehen.

Worauf führen Sie das mangelnde Interesse an der Kirchenmusik zurück?

Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Früher hatten die Menschen wenig Abwechslung im Dorf. Die Freizeitbeschäftigung begrenzte sich auf die Feuerwehr, eventuell ein Fußballverein, eine Musikgruppe und halt den Kirchenchor. Die Menschen pflegten die Dorfgemeinschaft und verbrachten die Freizeit zusammen. Auch spielte die eingeschränkte Mobilität eine Rolle, um die Jahrhundertwende gab es kaum Autos. Eine Fahrt von A nach B ist heute kaum mehr als ein Katzensprung, das Freizeitangebot somit vielfältiger als früher. Weitere Aspekte sind der gesellschaftliche Wandel, die multimediale Entwicklung, die Arbeitswelt. Und schließlich der individuelle Lebensstil statt des Gemeinschaftlichen.

Haben die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, im Speziellen die Trennung von Kirche und Staat, einen Einfluss auf die Mitgliederzahl der Maîtrise?

Im Grunde genommen nicht. Trotzdem hinterlässt die Trennung von Staat und Kirche ihre Spuren. Für die musikalische Gestaltung des Te Deum und des nationalen Gedenktages entgeht uns die staatliche Gage und somit eine Einnahmequelle zur Finanzierung unserer Konzertaktivitäten im In- und Ausland.

Welchen Stellenwert hat die Kirchenmusik heute in der Gesellschaft?

Angesichts der hohen Anzahl an Konzertbesucher sowie der gut besuchten musikalisch umrahmten Gottesdienste hat die Kirchenmusik noch immer einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft.

Spielt der Glaube eine Voraussetzung in der Interpretierung von Kirchenmusik?

Jedem Sänger und Musiker ist es freigestellt, wie er seinen Glauben praktiziert oder eben nicht praktiziert. Dennoch muss man sich mit dem Inhalt der zu interpretierenden Werken identifizieren, in unserem Fall mit dem Glauben. Die Identifikation des Interpreten mit einem musikalischen Werk, unabhängig vom Genre oder lyrischen Inhalt, ist das A und O in der Musik.

Die Musiklandschaft geprägt

Am 16. Juni 1844 gründete der gebürtige Aachener Johannes Theodor Laurent, Apostolischer Vikar von Luxemburg, den kirchlichen Gesangsverein „Sankt Cäcilia“, bestehend aus rund 50 Männern. Später gesellten sich Knaben zum Chor und erweiterten somit die Stimmregister. 1870 wurde der Gesangsverein Sankt Cäcilia auf den Namen „Maîtrise de la cathédrale Notre-Dame“ umbenannt.

Zum 1. August 1866 trat Heinrich Oberhoffer, der aus dem Trierer Ortsteil Pfalzel stammt, die Nachfolge des verstorbenen Organisten Troes an der Kathedrale an. Oberhoffer war ein herausragender Organist und Komponist zahlreicher Werke kirchlicher Musik.
Die „Maîtrise“ erreichte recht schnell einen hohen Bekanntheitsgrad. In den 1920ern schwand der Nachwuchs mangels Knaben. Der Domchor blieb als Männerchor aktiv. Erst 121 Jahren nach der Gründung des Chors – wir schreiben das Jahr 1965 – öffnete sich die Institution auf Initiative des Dirigenten René Ponchelet für Frauen. Viele Luxemburger verbinden mit dem Kathedralchor den Namen Carlo Hommel, der zum Nachfolger von Albert Leblanc als Titularorganist ernannt wurde. Unter seiner Leitung als Experte sind über 60 Orgeln errichtet bzw. restauriert worden. Sein musikalisches Interesse galt insbesondere dem gregorianischen Choral, den er sowohl bei Konzerten wie auch in den Messen sehr gepflegt hat. Im Alter von nur 52 Jahren verstarb der beliebte Organist unerwartet am 8. März 2006. Sein ehemaliger Schüler Paul Breisch übernahm das Amt des Domorganisten und erfüllt auch heute noch diese Funktion. Seit 2013 steht der gemischte Chor unter der Leitung von Marc Dostert.

2 Kommentare

  1. “Wie steht es um die Zukunft der Kirchenchöre?”

    Naja, die paar hundert Kirchen die zugesperrt sind brauchen schon mal keinen Chor, bei den anderen Kirchen ist manchmal der Chor die einzigen die die Messe besuchen.

    Wenigstens kostet die Kathedrale weniger Miete im Jahr als ich im Monat bezahle, wieso, keine Ahnung.

    Müssten die Gemeindeoberen nicht reelle Preise verlangen, sozusagen als ‘bon père de famille’?

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