Der Transhumanismus ist eine Bewegung, die glaubt, der Mensch sollte Wissenschaft und Technik benutzen, um in seine eigene Entwicklung einzugreifen. Das finden nicht alle gut. Zuletzt äußerten sich kritische Stimmen in Luxemburg.

Im letzten Monat fand hierzulande eine Debatte statt mit dem Titel “Die selbstmörderischen Versprechungen der Transhumanisten”. Sprecher war der renommierte Biologe Jacques Testart, der 1982 dem ersten Baby in Frankreich per In-vitro-Befruchtung zur Entstehung verhalf. Er vergleicht die Philosophie der Transhumanisten mit den Methoden u.a. der Nationalsozialisten, die versuchten, den Menschen nach ihren Vorstellungen zu formen, indem sie Individuen, die ihnen nicht in den Kram passten, sterilisierten oder ermordeten.

Worum geht es? Der Transhumanismus ist eine philosophische Denkrichtung, die den Menschen durch technologische Verfahren neue Möglichkeiten erschließen will, um sich körperlich und geistig weiterzuentwickeln. Transhumanisten sind davon überzeugt, dass die Evolution auf dem Zufall basiert und dass Menschen das Recht haben, in ihre eigene Entwicklung einzugreifen. Der Philosoph Max More schreibt: “Transhumanismus ist eine Kategorie von Anschauungen, die uns in Richtung eines posthumanen Zustands führen.” Transhumanismus teile viele Aspekte mit dem Humanismus, darunter den Respekt vor der Vernunft und der Wissenschaft, die Verpflichtung zum Fortschritt und den Respekt vor dem menschlichen Leben. Transhumanismus unterscheidet sich vom Humanismus, indem er radikale Möglichkeiten, das Leben zu verändern, antizipiert.

Interesse an Technik

Deshalb haben Transhumanisten ein gesteigertes Interesse an einer Reihe von wissenschaftlichen Feldern, die in ihren Augen das Potenzial haben, zur Verbesserung des Menschen beizutragen. Kritiker bezeichnen den Transhumanismus daher manchmal als “Techno-Religion”, obwohl er weder eine bestimmte Gottheit anbetet, noch übernatürliche Elemente aufweist.

Zu diesen Wissenschaften zählt etwa die Genetik. Von ihr versprechen sich Transhumanisten, dass einige Krankheiten geheilt werden können und dass die Lebensspanne der Menschen verlängert werden kann. Insbesondere die kürzlich entwickelte Methode CRISPR, die auch „Genschere“ genannt wird, scheint in dieser Hinsicht vielversprechend. Einige Mediziner wie der amerikanische Wissenschaftler Aubrey de Grey gehen davon aus, dass das Leben durch Therapien extrem verlängert werden kann. Altern bezeichnet de Grey als eine bloße Ansammlung von Schäden im Körper, die der Körper eigenständig nicht schnell genug reparieren kann.

Ein weiteres Feld, das immer wieder mit Transhumanismus in Verbindung gebracht wird, ist die Prothetik, also die Entwicklung immer besserer Prothesen. Nach Vorstellung der meisten Transhumanisten können diese nicht nur dazu dienen, fehlende Körperteile zu ersetzen, sondern auch, um den Körper zu verbessern. Tatsächlich gibt es heute bereits sehr fortschrittliche Prothesen, die über den reinen Ersatz eines Armes oder Beines hinausgehen. Cochlea-Implantate etwa werden direkt mit dem Hörnerv verbunden und sorgen dafür, dass eine schwerhörige Person (nach intensivem Training) wieder hören kann.

Foto: Ydomusch/CC BY 2.5

Eine Person mit einem Cochlea-Implantat als Beispiel für eine technische Ergänzung des Körpers

Die Singularität

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Singularität. Darunter wird ein Moment in der Zukunft verstanden, ab dem der technische Fortschritt unaufhaltsam und unkontrollierbar wird in einem Maße, dass darüber hinaus keine Vorhersagen getroffen werden können. Oft wird behauptet, dies treffe ein, wenn eine Künstliche Intelligenz entsteht, die die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu verbessern. Das würde dazu führen, dass jede Generation der K.I. intelligenter ist als die vorherige, was in einer unvorstellbaren technologischen Entwicklung münden würde.

Der Transhumanismus ist keine homogene Bewegung, sondern beinhaltet eine ganze Reihe von Strömungen. Diese kombinieren meist bestehende politische Strömungen mit den potenziellen Chancen, die sie im technischen Fortschritt sehen. Das Spektrum reicht von der momentan dominierenden neoliberalen Strömung über die sozialistische Strömung bis hin zum Anarcho-Transhumanismus. Insbesondere die Strömung des Techno-Progressivismus spricht soziale und ethische Themen an und will den technischen Fortschritt nutzen, um soziale Ungleichheiten zu beseitigen. Derzeit gibt es in einigen Ländern auch transhumanistische Parteien, darunter Deutschland, die USA und Großbritannien.

Sicher und ethisch

Die transhumanistische Nichtregierungsorganisation “Humanity Plus” etwa setzt sich für den sicheren und ethischen Umgang mit aufkommenden und spekulativen Technologien ein. Dazu zählt die Organisation u.a. Künstliche Intelligenz, Nanotechnologie, Nanomedizin, Biotech, Gentechnik, Klonen, Transgenese, Robotik, Mensch-Maschinen-Interface.

In einem Bericht, der 2006 vom Europäischen Parlament veröffentlicht wurde, heißt es, Transhumanismus sei der politische Ausdruck der Überzeugung, dass Technik verwendet werden sollte, um den Menschen immer weiter zu perfektionieren. Insbesondere Transhumanisten aus den USA bestünden dem Bericht zufolge darauf, dass der Mensch frei über seinen Körper und seinen Geist verfügen kann. Die Autoren des Berichts können der Auseinandersetzung zwischen Transhumanisten und ihren Kritikern – den Bio-Luddisten – durchaus etwas abgewinnen. Sie stellten die äußeren Ränder einer Debatte dar, die in Zukunft nur noch an Bedeutung gewinne.

Persönliche Freiheit statt Eugenik

Erste transhumanistische Ideen finden sich in dem Essay “Daedalus, or Science and the Future” des britischen Genetikers J.B.S. Haldane von 1923. Darin beschreibt er, welche positiven Auswirkungen der Fortschritt auf die menschliche Biologie haben kann. Der kanadische Philosoph W.D. Lighthall benutzte die Bezeichnung Transhumanismus das erste Mal in einem Artikel 1940. Als Erfinder des Transhumanismus gilt aber der Biologe Julian Huxley, der 1957 einen Aufsatz mit dem Begriff betitelte. Huxley war ein Mitglied der British Eugenics Society.

Von Kritikern wird der heutige Transhumanismus immer wieder mit Eugenik in Verbindung gebracht. Unter Eugenik versteht man den Versuch, einen Menschen nach den eigenen Wunschvorstellungen zu schaffen, indem man Menschen, die dieser Vorstellung nicht entsprechen, an der Fortpflanzung hindert und die Fortpflanzung vermeintlich überlegener Menschen fördert. Im Nationalsozialismus wurden Menschen, die nicht den Vorstellungen der Nazis vom “Übermenschen” entsprachen, sterilisiert oder millionenfach brutal ermordet. Testart vermutet, dass Transhumanisten ihre Ziele durch die Selektion von Embryonen erreichen wollen.

Dagegen spricht, dass heutige Transhumanisten immer wieder für einen verantwortungsvollen und ethischen Umgang mit Technik eintreten – wie etwa die NGO Humanity Plus auf ihrer Internetseite – und dass Transhumanisten persönliche Freiheit und persönliche Entscheidungsfreiheit besonders in Bezug auf technologische Verbesserungen hochhalten. Der schwedische Philosoph und Mitbegründer der “World Transhumanist Association” (heute Humanity Plus) Nick Bostrom schreibt in einem Artikel von 2001, dass “die meisten Transhumanisten” diese beiden Werte besonders betonen. Menschen sollen demnach selbst entscheiden, welche technischen Verbesserungen sie wollen und welche nicht. Bostrom stellt diesen Individualismus der Eugenik gegenüber. Die Eugenik-Bewegung bezeichnet er als “gründlich diskreditiert”.

4 Kommentare

  1. Wir kennen doch schon den Impakt den unsere Tablets und Smartphones auf uns haben. Sehen wir da eine Verbesserung des Menschen? Steve Jobs vielleicht.(von Wolke 7) Dass unsere Kinder bald der Handschrift nicht mehr mächtig sind und einen Buchtext nicht mehr handhaben können ist jedenfalls keine Verbesserung. Nach dem Motto: ” Ich und mein Smartphone wissen alles. ” starren wir uns durch den Tag. Fällt das Smartphone aus tut sich eine riesige Lücke auf,wieder nach dem Motto: “Das weiß mein Smartphone.” Scrabble spiele ich immer mit meiner Frau und wir haben immer viel zu lachen,nach dem Motto:” Es gibt auch Hunde ohne Schwanz.” -” In meinem Hause nicht.”(Loriot)

    • “Dass unsere Kinder bald der Handschrift nicht mehr mächtig sind und einen Buchtext nicht mehr handhaben können ”

      Was meinen Sie mit ‘bald’?
      Das ist längst der Fall. DIe können alle Handschrift weder lesen noch schreiben.

  2. Welcher Sportler verbessert seine Situation nicht durch Training, Diät oder gar andere Substanzen um leistungsfähiger zu sein. Wieviele Menschen “optimieren” ihren Körper nicht heute schon mit bestehenden Mitteln und versuchen so ihre Lebenserwartung zu erhöhen. Die biologischen Grenzen des menschlichen Körpers werden weiter aufgelöst. Bei aller Freude darüber sollte man sich allerdings den damit verbundenen sozialen Problemen auch stellen.

  3. Ist doch normal heutzutage.

    Im Gym heute morgen war eine Dame gegenüber von mir mit falschen Haaren, operierter Nase, Zahnimplantate, Brustimplantate, aufgespritzte Lippen und in ihrem Alter (über 70) wahrscheinlich auch Hüft- oder Knieimplanate.

    Und das ist bloss ‘ne einfache Oma, also sollen wir uns nicht so haben.

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