Für viele ist Gambia, der kleinste Staat Afrikas, ein unbedeutender Fleck auf der Weltkarte. Für eine Frau aus Luxemburg ist genau der jedoch die große Liebe. Sia Jongeneel, 48, setzt sich in dem von Armut geprägten Land seit über 15 Jahren dafür ein, dass elternlose Kinder in einem sicheren Umfeld aufwachsen können. Die Geschichte einer starken Frau, die trotz schwerer Krankheit weiter für das Wohl einer lokalen Gemeinschaft kämpft.

Von Steve Peffer (Text und Foto)

Wer die Wohnung von Sia Jongeneel betritt, bemerkt sofort ihre Leidenschaft für den afrikanischen Kontinent. Das Wohnzimmer ist mit zahlreichen Masken, Statuen und Teppichen dekoriert, die sie über Jahrzehnte aus ihrer dritten Heimat mitgebracht hat. Sia ist in den Niederlanden geboren und aufgewachsen, 1992 verschlug es sie ins Großherzogtum. “Meine damalige beste Freundin hatte sich während ihres Ferienjobs auf einem Campingplatz in einen französischen Patissier verliebt, der im Hotel Le Royal angestellt war, und beschloss, mit ihm zusammenzuziehen. Da ich nicht zurückgelassen werden wollte, folgte ich ihr prompt nach Thionville. Da hatte ich gerade meine Berufsausbildung zur Schneiderin abgeschlossen.”

Aufgrund mangelnder Französischkenntnisse zog die damals 22-Jährige nach einigen Monaten nach Luxemburg, wo sie sich als Verkäuferin in einem Kleiderladen durchschlug. Später wechselte sie zu einer Immobilienagentur und schließlich zu einer Bank in Strassen, wo sie bis vor zehn Jahren angestellt war.

Erst 2000 lernte sie das Land Gambia kennen, das später zu ihrem Lebensinhalt werden sollte. “Um die Jahrtausendwende lagen Reisen nach Afrika in den Niederlanden im Trend. Das war exotisch, das war günstig, also dachte ich mir: Wieso nicht?” Der Urlaub sollte der Flucht aus dem Alltag und Erholungszwecken dienen.

Doch während europäische Touristen reihenweise am Stand in der Sonne vor sich hin garten und Kokosmilch schlürften, tranken die Einheimischen nur wenige Kilometer entfernt verschmutztes Wasser aus Lehmkuhlen, für das die Frauen weite Strecken zurücklegen müssen.

Sia war erschüttert von diesen Lebensumständen und wollte etwas für das Land tun. Sie schloss sich einer privaten Hilfsgemeinschaft an, die ein Krankenhaus errichtete. Zwei Jahre lang leistete sie Freiwilligenarbeit und trug auf Flohmärkten in Luxemburg und Umgebung Gelder zusammen, die der besagten Klinik zugutekommen sollten.

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Les Amis de Gambie bei Facebook

Es stellte sich jedoch heraus, dass das Geld stattdessen für ein Flugticket ausgegeben wurde. Sia beendete die Zusammenarbeit unverzüglich. Mit ihrem Ex-Partner Jean Junker gründete sie schließlich ihre eigene Organisation, “Les amis de Gambie“.


SPENDEN …

… können an das Konto IBAN LU42 0030 6563 9934 0000 (BGLLLULL) getätigt werden. Da es sich bei „Les amis de Gambie“ um eine offiziell anerkannte nichtstaatliche Organisation handelt, sind die Spenden steuerlich absetzbar.


Im Jahr 2004 erfuhr Sia durch einen Zeitungsartikel von der außergewöhnlich hohen Anzahl von Waisenkindern. Es sind über 66.000 auf eine Einwohnerzahl von zwei Millionen. “Ich fragte mich: Wo sind all diese Kinder?” Ihren eigenen Recherchen zufolge leben viele bei Verwandten oder anderen Familien in der Nachbarschaft. Kinder ohne Angehörige wurden in einem der landesweit drei einzigen Heime für Kinder untergebracht.

Dass ein Mangel an solchen Einrichtungen besteht, bestätigte das Ministerium für Sozialleistungen auf Sias Nachfrage hin. Die Richtung für die Arbeit ihrer Organisation war gefunden.

Mit ihrem damaligen Lebenspartner arbeitete sie in Luxemburg einen Plan aus und erstellte einen Modellbau, den die beiden nach monatelanger Arbeit dem gambischen Ministerium vorstellten. Mit Erfolg, denn gleich an Ort und Stelle wurde eine Absichtserklärung zwischen “Les amis de Gambie” und dem afrikanischen Staat unterzeichnet.

Doch nun musste erst einmal eine geeignete Stelle gefunden werden, an der das künftige Heim errichtet werden soll. “Es gab für mich drei Bedingungen an die Lage des ‘foyer’: weg vom Meer, weg von Touristen- und weg von Ballungsgebieten. Die Kinder, die später dort wohnen würden, sollen in einem sicheren und ruhigen Umfeld aufwachsen.”

Das Waisenheim

Fündig wurde Sia in der Nähe der Kleinstadt Sinchu Alhagie. Der Rat der Ältesten schenkte ihr 2.500 Quadratmeter Brachland neben einer Grundschule. Letztere wurde zum Gegenstand des ersten Projektes der “Amis de Gambie”.

Sia erinnert sich noch: “Das kleine Schulgebäude befand sich in einem furchtbaren Zustand. Die Schüler hatten nicht einmal Bänke, sondern saßen auf dem kalten Boden.” Noch bevor der Bau des Heims beginnen konnte, wurde die alte Schule auf Vordermann gebracht. Im Januar 2005 erfolgte der erste Spatenstich.

Was nun folgte, fasst Sia als ein “vier Jahre langes Hin und Her” zusammen. Meinungsverschiedenheiten mit dem Bauunternehmen, fehlende Fördergelder und lange Regenzeiten verzögerten die Fertigstellung maßgeblich. Doch all die Mühen fanden ein gutes Ende, als das Heim im Januar 2009 offiziell eingeweiht wurde und die ersten sechs Kinder einzogen.

Mittlerweile sind es 25, alle stammen aus unterschiedlichen sozialen Milieus. “Besonders am Anfang war es sehr schwierig, mit den Kindern eine Verbindung aufzubauen”, erzählt Sia. “Einige von ihnen litten anfangs an Verhaltensstörungen wie Zerstörungswut, Hang zum Diebstahl und Depressionen. Mittlerweile leben die Kinder friedlich zusammen und sind unzertrennlich. Das liegt vor allem daran, dass sie bei uns viel Liebe und Geborgenheit erhalten.”

Derzeit sind dort 20 Angestellte beschäftigt, darunter acht Betreuerinnen, drei Putzfrauen, zwei Privatlehrer, eine Köchin, zwei Gärtner, eine Busfahrerin und eine Managerin. Alle stammen aus Nordafrika und können mit ihren Gehältern, die monatlich zwischen umgerechnet 60 und 170 Euro liegen, ihre Familien versorgen. “Dieser Punkt wird häufig übersehen. Mit unserem Heim helfen wir nicht nur den Kindern, sondern auch der lokalen Gemeinschaft”, betont Sia. 2016 richtete die NGO einen Bolzplatz im Dorf ein und erneuerte einen wichtigen Straßenabschnitt.

Laut gambischer Gesetzgebung dürfen Kinder nach Erreichen der Volljährigkeit nicht mehr in einem Heim wohnen. Dies führt dazu, dass viele noch vor ihrem Schulabschluss eine schlecht bezahlte Arbeit annehmen oder das Land verlassen müssen. Um zu verhindern, dass die 25 Kinder des Sinchu-Heims das gleiche Schicksal ereilt, wurde 2017 ein sogenanntes “In-between House” errichtet. Hierbei handelt es sich um ein Wohnheim, in dem die Jugendlichen nach ihrem 18. Geburtstag leben dürfen, bis sie auf eigenen Beinen stehen können. Zwei der 25 Kinder sind seit vergangenem Jahr dort untergebracht.

Das Heim wird durch Sonnenenergie und Windkraft autonom mit Strom versorgt. Auch der Zugang zu sauberem Wasser ist gewährleistet, nachdem die Vereinigung drei Grundwasser-Brunnen im Dorf errichtet hat. Es gibt allerdings ein Problem: “Vor Kurzem ist einer unserer Wechselrichter ausgefallen, der den erzeugten Gleichstrom in nutzbaren Wechselstrom umwandelt. Und ausgerechnet dieser wird für die Förderung des Brunnenwassers gebraucht.”

Die Stromversorgung läuft nun durch die beiden übrigen Wechselrichter sowie durch einen Notstromgenerator. Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis auch diese ausfallen werden, denn jahrelange ununterbrochene Betriebszeit bei 40° Celsius zwingt die Technik in die Knie. Die Wechselrichter zu ersetzen, kostet insgesamt 8.136 Euro. Die Organisation ist dringend auf Spenden angewiesen.

Der Schock

2016 brach für Sia eine Welt zusammen. Die Ärzte stellten bei ihr Krebs im Unterleib fest: 16 Monate Chemotherapie und eine Unterleibsoperation musste sie über sich ergehen lassen. Doch der Krebs hatte sich bereits im ganzen Körper ausgebreitet.

“Ich habe mich inzwischen mit dem Tod abgefunden”, sagt sie und fügt hinzu, dass sie Angst hat. “Ich habe Angst. Nicht um mich, sondern um die Zukunft der Kinder. Was, wenn wir nach meinem Ableben keine Spenden mehr erhalten, weil die Leute denken, es sei vorbei?” Das Heim wird mittlerweile von den Angestellten geleitet und Sias Lebenswerk von ihrem Mann Gert-Jan Bevers, Ex-Partner Jean Junker und den übrigen fünf Mitgliedern der NGO weitergeführt.

2 Kommentare

  1. Da wären die € 9.000.000,– ( neun Millionen ) oder einen Teil davon besser untergebracht als sie wie damals für Schneeleoparden auszugeben.
    Oder ein Teil des Geldes was für überflüssige Gambia Projekte ausgegeben wird, nicht wahr Herr Bausch.

  2. Von dieser Problematik müssten sich eigentlich in erster Linie die Grünen angesprochen fühlen. Statt Millionen in utopische Weltraumprojekte zu verpulvern, täte unsere Regierung besser daran, Projekte und Hilfsorganisationen wie die von unserer tapferen Landsmännin in Gambia tatkräftig zu unterstützen. Alles Gute Sia Jongeneel und weiterhin viel Erfolg bei Ihrem uneigennützigen Unternehmen. Respekt!

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