Der US-Präsident macht es vor. Er nutzt eifrig die sozialen Medien, um Statements abzugeben und Ereignisse zu kommentieren. Politiker weltweit machen es ihm nach.
Auch in Luxemburg nutzen Politiker gerne Facebook und Twitter, um ihre politische Botschaft an den Menschen zu bringen. Doch handelt es sich dabei um eine positive Entwicklung? Die Meinungen darüber gehen auseinander.

Politik nahe am Menschen

2018 war das Jahr, in dem die Politik endgültig Einzug in die sozialen Medien Luxemburgs fand: Keine Partei konnte auf Werbebotschaften verzichten, kein Politiker auf Fotos mit potenziellen Wählern. Das Phänomen ist natürlich nicht neu: Schon Barack Obama ist mithilfe geschickter Kommunikationsstrategie in den sozialen Netzwerken US-Präsident geworden – Donald Trump ebenso. Dennoch die Frage: Ist das eigentlich gut? Sollen Politiker in sozialen Netzwerken für sich und ihre Ideen werben? Oder sollen sie das lassen?
Ich befürworte die Entwicklung. Denn Politik soll dort stattfinden, wo sich Menschen befinden. Nicht im Verborgenen oder hinter Türen, sondern inmitten der Gesellschaft. Und, ob man es nun will oder nicht, ein Großteil des gesellschaftlichen Lebens findet in den sozialen Medien statt: auf Facebook, Instagram, Twitter, Snapchat usw.

Zudem birgt die Entwicklung ein demokratisches Potenzial. Denn Politiker können nicht nur direkt mit den Bürgern in den Austausch treten, sondern die Bürger auch direkt mit den Politikern. Die Zeiten des gefilterten Dialogs, in denen Mittler wie Journalisten zwischen Politik und Bürger agierten, sind vorbei. Das mag für klassische Medien eine Herausforderung sein, aber das ist kein Argument gegen Politiker in sozialen Netzwerken. Ein einzelner Bürger kann durch seinen Beitrag einen Politiker in Erklärungsnot bringen. Für Politiker ein Problem, für die Bürger jedoch ein Machtgewinn.

Was die meisten wohl viel mehr an den sozialen Medien stört, ist der Ton. Der Künstler Serge Tonnar spricht deshalb gerne von „asozialen Medien“. Und es stimmt. Wer sich Gehör verschaffen will, muss vor allem laut – sehr laut – sein. Sachbezogene Debatten sind dadurch oft schwierig, Regeln zur gesitteten Kommunikation werden missachtet. Die Verheißung des demokratischen Austauschs in sozialen Netzwerken endet oft im Sumpf zahlreicher Beschimpfungen.

Dabei greift es zu kurz, nur die Absender ins Blickfeld zu nehmen. Viel interessanter sind die Rezipienten. Denn viele von uns haben schlichtweg verlernt, mit lautem Geschrei in Gesellschaften umzugehen. Soziale Medien sind nichts anderes als Marktplätze. Digitale Marktplätze, in denen Meinungen, Weltansichten und Waren getauscht werden. Und wer sich jenseits von Westeuropa einmal auf analogen Märkten bewegt, wird feststellen, dass dort der Ton ein ganz ähnlicher ist. Dort trifft man auf Händler, die lauthals ihre Melonen anpreisen, auf Menschen, die sich gegenseitig beleidigen und beschimpfen oder sich genervt den Rücken zukehren – sich aber meistens trotz der Beleidigungen am Ende die Hand reichen. Der Unterschied: Die Marktbesucher wissen, dass sie sich auf einem Markt befinden, dass sie den Tonfall gelegentlich ignorieren können und dass an einem solchen Ort gegebenenfalls dicker aufgetragen wird als gewollt. Während der Marktplatz in Marrakesch oder Istanbul gerne als das pure Leben idealisiert wird, denkt man sich in den digitalen Marktplätzen hingegen: Wo kommen all diese Verrückten her? Warum verroht die Gesellschaft?

Politik gehört also genau wie sonstige Befindlichkeiten in die sozialen Medien. Der Bürger muss sich nur darüber im Klaren sein, dass er sich auf einem Jahrmarkt der Ideen befindet, und sollte sich nicht nur von den lautesten Rufen in die Irre führen lassen.

Pol Schock, Politikredaktion

 

Schlechter Stil

Indem Politiker durch soziale Medien kommunizieren, verliert die Kommunikation an Qualität. Dafür gibt es mehrere Gründe.

Erstens richten die Politiker ihre Botschaften damit an eine bestimmte Gruppe von Menschen. Menschen, die ihnen in den sozialen Netzwerken folgen und mit ihnen verbunden sind. Andere Menschen erreichen die Nachrichten gar nicht.

Zweitens sind soziale Medien denkbar schlecht für einen konstruktiven Meinungsaustausch geeignet. Das, was dort als Diskussion bezeichnet wird, ist meistens nur eine Aneinanderreihung von rechthaberischen Aussagen, gefolgt von blinder Zustimmung und wütenden Gegenreaktionen, Shitstorms und Bashing. Eine nuancierte Auseinandersetzung mit einem Sachverhalt ist nicht möglich.

Außerdem täuschen soziale Medien eine Nähe der Bürger zur Politik vor, die so nicht existiert. Wenn Politiker hin und wieder Fotos aus ihrem Privatleben posten, wollen sie damit vermitteln, ganz nah am Bürger zu sein. Das ist nicht der Fall.

Ein weiteres Problem besteht in der Geschwindigkeit, mit der solche Botschaften verfasst werden. Es gibt wenig Raum für Selbstreflexion zwischen dem Verfassen und der Veröffentlichung. Jedem Menschen soll es erlaubt sein, hin und wieder einmal einen Gehirnfurz zu haben. Soziale Medien erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass der Geruch in die Welt hinausgeblasen wird.

Wo wir dabei sind: Vieles von dem, was Politiker in den sozialen Medien teilen, ist für die politische Meinungsbildung irrelevant. Politiker teilen dort neben ihren politischen Aktivitäten nicht selten ihre sozialen Engagements und ausgewählte Momente aus ihrem Privatleben und Artikel zu allen erdenklichen Themen oder kurze Sätze, die zwar nach Politik klingen, aber nichts erklären und nichts argumentieren. Bürger müssen nun die wichtigen Botschaften aus all diesen Facebook-Einträgen und Tweets – diesem Rauschen – herausfiltern. Tatsächlich gilt das nicht für alle Politiker. Einige sind besser in der Lage, ihren offiziellen Facebook- oder Twitter-Auftritt nur mit politischen Aussagen und Nachrichten zu füllen, als andere – übrigens ganz unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit.

Daneben ermöglichen es soziale Medien den Nutzern allgemein und natürlich auch Politikern, ihre Demografie zu analysieren und die so gewonnenen Informationen für sich zu nutzen, etwa um Werbung zielgerichteter zu schalten.

Zu guter Letzt hat die Kommunikation über soziale Medien einfach keinen Stil. Wer sich kurz und knapp ausdrückt, vermittelt den Eindruck, dem Gegenüber keine Aufmerksamkeit zu schenken. Wer lange Texte schreibt, wirkt belehrend oder rechthaberisch. Und wer Twitter nutzt, um täglich einen Aphorismus rauszuhauen, wirkt oberlehrerhaft. Es gibt keinen Weg, sich über soziale Medien stilvoll auszudrücken. Es gibt bessere Arten, wie Politiker mit Menschen kommunizieren können. Dazu gehören einerseits Radio-, Fernseh- und Zeitungsinterviews. Vor allem aber öffentliche Auftritte und Diskussionen, von denen es zwar schon einige, aber immer noch zu wenige gibt.

Yves Greis, Politikredaktion

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