Ein Novum in der Total League der Herren: Am Sonntag wurde die Heffinger Mannschaft von einem weiblichen Coach, Julie Kremer, betreut.

Zum Abschluss des sechsten Spieltages in der Total League der Herren bot sich während des Meisterschaftsspiels US Heffingen gegen Sparta Bartringen ein Bild mit absolutem Seltenheitswert. Dass eine Frau in der höchsten luxemburgischen Basketballiga an der Seitenlinie steht, hat es bisher noch nicht gegeben. Doch ein disqualifizierendes Foul, das der Herrencoach Daniel Brandão vor einer Woche bei einem Jugendspiel aufgebrummt bekommen hatte, und die hierauf folgende Sperre für alle Begegnungen – egal ob bei der Jugend oder den Seniors – für das kommende Wochenende machten diesen ungewöhnlichen Schritt zur Notwendigkeit.

Denn in einem kleinen Verein wie dem derzeitigen Tabellensechsten der Total League sind die Alternativen nicht unbegrenzt. Drei Trainer hat der Klub zurzeit engagiert, von denen mit Brandão einer ausfiel und Assistant- und Jugendcoach Diogo Lopes ablehnte.

Somit fiel die Wahl auf die Trainerin der Damenmannschaft, Julie Kremer, die seit der letzten Saison in Heffingen tätig ist und gleich in ihrem ersten Jahr mit ihrem Team die Coupe FLBB, der Pokal für die Teams, die nicht in der höchsten Spielklasse antreten, gewinnen konnte. „Für uns war es die einfachste Lösung und somit auch der logische Entschluss. Wir mussten reagieren und sind mit der Arbeit, die Julie hier im Verein macht, absolut zufrieden“, begründet Vorstandsmitglied Claude Schmit, der sich im Verein auch um das Herrenteam kümmert, die Entscheidung. „Zudem macht sie zurzeit ihren B-Schein, was uns natürlich entgegenkam“, denn um ein Total-League-Team coachen zu dürfen, müssen die Trainer wenigstens dieses Coaching-Level vorweisen oder zumindest mit den entsprechenden Kursen begonnen haben.

Auf Wolke sieben

Für Julie Kremer kam ihrerseits alles ziemlich überraschend und so schwebte sie auch einen Tag nach der Partie noch auf Wolke sieben: „Ich habe am Donnerstag hiervon erfahren, dann ging alles ziemlich schnell, was natürlich mit einer guten Portion Stress verbunden war.“

Kremer musste mit den Systemen des Teams vertraut gemacht werden. So nahm sich Brandão extra Zeit, um ihr alles zu erklären und die Fragen der 32-Jährigen in Ruhe zu beantworten. „Am Anfang habe ich mir schon die Frage gestellt, ob ich mir das überhaupt zutraue. Doch dann dachte ich mir, dass ich so eine einmalige Chance wohl kein zweites Mal erhalten werde.“

Für die ehemalige Spielerin der Résidence Walferdingen war schnell klar, dass sie für diese Erfahrung ihre langjährige Teamgefährtin und derzeitige Assistenztrainerin bei den Damen, Joëlle Gonnering, mit ins Boot holen würde: „Wir haben uns gesagt, wenn schon, dann ziehen wir das gemeinsam durch.“ Ihr eigentliches Team, das in der Nationale 2 der Damen nach vier Spieltagen ungeschlagen ist, konnte sie in den letzten Tagen guten Gewissens etwas vernachlässigen, denn ein Meisterschaftsspiel stand am Wochenende nicht auf dem Programm.

Drei Spiele innerhalb von sieben Tagen

Das Herrenteam nahm die Nachricht, dass es am Wochenende von einer Frau gecoacht werden sollte, problemlos auf. „Hätte es Zweifel ihrerseits gegeben oder sich jemand nicht mit dieser Entscheidung wohlgefühlt, dann wäre es auch meine Verantwortung als Trainerin gewesen, abzulehnen, weil es in diesem Fall einfach keinen Sinn gemacht hätte“, so die 32-Jährige.

Dass der Ausflug in die Herrenliga so viel Aufmerksamkeit erregen würde, hätte Kremer jedoch nicht erwartet: „Erst als meine Mutter mich darauf angesprochen hat, ob es das jemals gegeben hat, ist mir klargeworden, wie einzigartig das ist. Doch egal ob Frau oder Mann, für mich war es einfach nur wichtig, mir treu zu bleiben und dem Team die bestmögliche Betreuung zu bieten.“

Und da sollte es für Heffingen nicht zu einem Sieg reichen. Nachdem die Spieler um Max Schmit bereits unter der Woche ein vorgezogenes Spiel in Ettelbrück bestritten hatten, mussten sie die bereits dritte Partie innerhalb von sieben Tagen absolvieren. Der Akku war dementsprechend platt. Dennoch konnten sie die Begegnung gegen die Sparta lange ausgeglichen gestalten. „Natürlich fehlt Julie noch die Erfahrung – da konnte der gegnerische Coach Kevin Magdowski in gewissen Situationen schon schneller reagieren. Doch sie hat einen super Job gemacht, die Auszeiten dann genommen, wenn es Sinn gemacht hat, und auch die Auswechslungen erfolgten zum richtigen Zeitpunkt“, lautete das Fazit von Claude Schmit.

Immer mehr Frauen wollen Basketballtrainer werden

Und Kremer selbst hat die Erfahrung sehr viel gebracht, schließlich kann in ihrem Trainerkurs kaum jemand behaupten, schon einmal in der höchsten Herrenliga des Landes gecoacht zu haben: „Das Beste an der Erfahrung war tatsächlich die Tatsache, dass ich mich mal länger mit Daniel zusammensetzen konnte und professionelles Feedback erhalten habe. Sonst sieht man sich ja eigentlich immer nur kurz vor oder nach dem Training, dieses Mal war das anders.“

Von Brandão gab es nach dem Spiel eine Glückwunsch-SMS und das Angebot, die Partie in den nächsten Tagen noch einmal per Video zu analysieren. „Das wird mir auf jeden Fall sehr viel bringen“, meint Kremer.

Dass mittlerweile immer mehr Damen im luxemburgischen Basketball in den Trainerbereich vordringen, ist nicht mehr zu übersehen. In ihrem B-Schein-Kurs sind vier von elf Teilnehmer Frauen, wie Kremer erklärt. Mit Andrea Haris, Dragana Zoric, Fabienne Fuger, Tara Booker und Erica Morrow sind in dieser Spielzeit zudem erstmals die Hälfte der Coaches in der höchsten Damenliga weiblich. Hier würde Kremer mit ihrem Team in Zukunft am liebsten auch irgendwann einmal antreten – und da kann die Erfahrung mit dem Herrenteam umso hilfreicher sein.

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