Schreiende Kinder, Schüsse, Hausdurchsuchungen – all dies ist Alltag im Flüchtlingscamp von Jenin, eine Stadt im Norden Palästinas. Letzten Monat war genau dies auch meine Realität.

Von Michelle Schmit

Als freiwillige Mitarbeiterin der Organisation Not to Forget war ich für zwei Wochen bei einer Bewohnerin des Camps untergebracht. Der anfängliche Schock über den spärlichen Zustand meiner Unterkunft war schnell überwunden, als ich das erste Mal die abendlichen Schüsse hörte. Haifa, meine Gastgeberin, versuchte mich zu beruhigen, indem sie mir versicherte, dass die Schüsse jeden Tag zu hören sind. Ihre Geschwister und sie selbst zucken nicht einmal mehr zusammen, wenn das laute Knallen ertönt.

Das Flüchtlingslager wurde 1953 errichtet. Auf der Fläche von einem Quadratkilometer leben heute ungefähr 14.000 palästinensische Flüchtlinge, die noch immer darauf warten, in ihre 1948 von Israel eroberten Heimatstädte zurückzukehren. Die Häuser sind klein und eng aneinander gebaut. Oft bestehen sie nur aus zwei Räumen: eine Küche und ein Aufenthalts- und zugleich Schlafraum. Alles wurde provisorisch aufgebaut. Wasser und Strom sind nur begrenzt vorhanden, vor allem in den Sommermonaten. Als Luxemburgerin war es sehr gewöhnungsbedürftig, plötzlich darauf aufzupassen, wie oft man zur Toilette geht und dass man trotz der Hitze nicht jeden Tag duscht.

Im Jahr 2002 wurden bei der Operation „Schutzschild“ innerhalb von nur zehn Tagen 400 Häuser des Camps von israelischen Soldaten komplett zerstört. Mehr als ein Viertel der Bewohner war daraufhin obdachlos, auch meine Gastfamilie. Nach Angaben der israelischen Armee wurden 53 Palästinenser getötet.

Gegen halb zehn gingen die Schüsse los

Die feministische Organisation Not to Forget wurde als Antwort auf das Massaker ins Leben gerufen. Ihr Ziel ist es, Frauen und Kindern im Camp moralische und psychologische Unterstützung zu bieten. Außerdem werden die Frauen dazu ermutigt und darüber informiert, wie sie ihre Stimme im politischen und wirtschaftlichen Leben einsetzen können.

Die Organisation versucht der wachsenden Frustration im Camp entgegenzuwirken. Viele Bewohner haben lange im nur 30 Minuten entfernten Israel gearbeitet. Seit der zweiten Intifada wurde der Zugang zu den israelischen Städten erheblich erschwert und somit stiegen die Arbeitslosigkeit und die Armut im Camp. Immer mehr Jugendliche verlassen die Schule, da die Lage selbst mit Universitätsdiplom aussichtslos ist. Neben den ökonomischen Problemen ist es vor allem die allgegenwärtige Unsicherheit im Camp, die den Bewohnern das Leben zur Hölle macht. Bis heute fallen tagtäglich entweder israelische oder palästinensische Soldaten ins Camp ein. So auch in der Nacht vom 24. Juni. Gegen halb zehn gingen die ersten Schüsse los.

Gefühlt direkt neben dem Haus meiner Gastfamilie. Immer wieder wurde es ruhig, bevor das Knallen erneut ertönte. Ein Bruder von Haifa betrat das Haus gemeinsam mit seiner vor Angst zitternden und schreienden Enkelin. Er schloss schnell die Tür hinter sich, die sonst immer bis Mitternacht offen steht. Nach zwölf Uhr wurde es langsam ruhiger und ich versuchte endlich, ein Auge zuzumachen. Um vier Uhr morgens wurde ich plötzlich von einem einzelnen, erschreckend lauten Knall aus dem Schlaf gerissen.

Festnahmen gehören zum Alltag

Am nächsten Morgen sah ich, was in der Nacht passiert war. Vor dem von Not to Forget errichteten Spielplatz lagen unzählige Patronenhülsen auf dem Boden. Es stellte sich heraus, dass der laute Knall am frühen Morgen Tränengas war. Im Gespräch mit einigen Müttern des Camps erfuhr ich, dass israelische Soldaten ihre Häuser gestürmt hatten. Sie benutzten stumme Sprengsätze, um die Haustüren unbemerkt zu öffnen.

„Ich wurde durch ein grelles Licht aus dem Schlaf gerissen und als ich die Augen aufmachte, sah ich, wie ein Soldat mir seine Taschenlampe ins Gesicht hielt“, erzählte eine Mutter. Sie haben die Personalien der Eltern und Kinder aufgenommen und dann das Haus wieder verlassen. Danach war an Schlaf natürlich nicht mehr zu denken. „Meine Kinder hörten bis morgens nicht auf zu weinen.“ In dieser Nacht haben die Soldaten drei Jugendliche aus ihrem Zuhause geholt und festgenommen. Grund für solche Festnahmen ist meistens, dass die Jugendlichen Steine auf die israelischen Armeewagen werfen. Manchmal reicht sogar ein propalästinensischer Facebook-Post für eine Festnahme. Unzählige weitere wurden in dieser Nacht verletzt, als sie versuchten, die Soldaten davon abzuhalten, auch in ihr Haus einzudringen.

Solche Vorkommnisse sind im Flüchtlingslager von Jenin durchaus keine Seltenheit. Die Mütter erzählten mir, dass sie jeden einzelnen Abend panische Angst haben, dass eines ihrer Kinder nicht nach Hause kommt. Jede Nacht schließen sie ihr Haus ab, in der Hoffnung, dass dies die Soldaten davon abhält, einzudringen. Jeden Morgen hören sie besorgt zu, was in der vorherigen Nacht bei ihren Nachbarn und anderen Familienmitgliedern vorgefallen ist. Eine ältere Frau nahm bei unserem Gespräch vorsichtig meinen Arm und sagte: „Alles, was ich mir an diesem Punkt wünsche, ist, eine Nacht durchzuschlafen. Ich bin müde. Das ganze Camp ist müde.“

2 Kommentare

  1. Ich kann nur bestätigen, auch aus eigener Erfahrung im Entwicklungsdienst der EU vor Ort, dass die Vorgehensweise der israelische Soldateska eben darauf abzielt die Leute zu vertreiben, denn niemals wird Israel den Flüchtlingen die Rückkehr nach Palästina erlauben. Israel will ein reiner Judenstaat werden und langfristig alle Nichtjuden aus dem Land vertreiben….es will auch deshalb keinen 2 Staatenlösung anstreben, und so wird versucht die arabische Bevölkerung zu verdrängen mittels Polizei und Armeeterror, Zerstörung der Wohnsiedlungen usw…und mit Duldung der USA, insbesondere seit Trump dort Präsident wurde., hat sich Lage nur noch verschlimmert.

    • Ein “reiner Judenstaat”? Dafür gibt es dann doch etwas zu viele Israelis mit arabischen Wurzeln. Ein Palästinenserstaat hingegen wäre garantiert “judenrein”, das steht fest. Andererseits: Will denn die Palästineser-Führung tatsächlich so etwas wie einen eigenen Staat? Da würde sie doch nur verlieren.

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