Er gilt als exklusives Nischenprodukt und bildet den krönenden Abschluss eines Erntejahres für jeden passionierten Weinmacher: der Eiswein oder „vin de glace“. In den vergangenen Jahren hat der Weinkenner jedoch oftmals vergeblich darauf gewartet, dass der Winzer seines Vertrauens ihm diese goldgelbe Köstlichkeit anbietet. Das Tageblatt hat recherchiert – und hinterfragt das Phänomen des stetigen Produktionsrückgangs.

Von Herbert Becker 

Wir haben uns in den vergangenen acht Tagen auf die verzweifelte Suche nach Winzern begeben, die aus der diesjährigen Ernte einen Eiswein produzieren. Unzählige Telefonate und Mailkontakte zwischen Wasserbillig und Schengen erbrachten ein ernüchterndes Resultat: Lediglich Henri Ruppert in Schengen und Guy Krier in Ellingen hatten Trauben am Stock belassen, und Letzterer hat sein Vorhaben mittlerweile bereits aufgegeben, da das Wetter ihm vorab schon einen Streich gespielt hat.

Wir möchten daher das Phänomen des immer stärkeren Rückgangs näher hinterfragen und bekommen einen Termin an kompetenter Stelle beim Weinbauinstitut in Remich. Serge Fischer (Abteilungsleiter Weinbau) und André Mehlen (staatlicher Weinprüfer) stehen uns Rede und Antwort – und das mit belegten Studien, die allesamt darauf hinweisen, dass der fortschreitende Klimawandel in erster Linie dafür verantwortlich ist, dass immer weniger Winzer das Risiko wagen, Lesegut für die Eisweinproduktion hängen zu lassen.
Anzahl der Frosttage nimmt stetig ab

Entlang der Luxemburger Mosel findet man keine Rebstöcke mehr, die auf eine Eisweinlese schließen lassen

„Da sind einige Faktoren impliziert“, erklärt Serge Fischer. „Speziell in diesem Jahr waren die Trauben sehr früh ausgereift, die Lese begann dementsprechend ungewöhnlich früh. Das führt letzten Endes dazu, dass das Lesegut, das für Eiswein vorgesehen ist, viel zu lange am Stock bleiben muss. Die Zeitspanne ist daher sehr groß, und somit auch das Risiko, dass die Beeren beispielsweise aufgrund von Regenfällen faulen. Hinzu kommt, dass die Winter immer milder werden, die Anzahl der Eistage (Höchsttemperatur unter 0 °C) nimmt stetig ab, sogar die der Frosttage (nur Tiefsttemperatur unter 0 °C). Das zeigen unsere Wetteraufzeichnungen hier am Institut ganz deutlich. Dadurch, dass die Trauben noch länger am Stock hängen, steigt auch der Zuckergehalt, weswegen es länger dauert, bis die Beere gefroren ist. Umfangreiche Studien von Dr. Daniel Molitor vom Luxembourg Institute of Science and Technology (LIST) belegen eindeutig den Einfluss des Klimas auf den Weinbau im Moseltal. Wie sich die Reben entwickeln, hängt vornehmlich von den klimatischen Bedingungen ab. Entscheidende Antriebskraft ist hier die Lufttemperatur. Die Erwärmung in den letzten Jahrzehnten wirkt sich auf die wärmeliebenden Reben aus, weswegen die Folgen des Klimawandels zwischen Wasserbillig und Schengen deutlich wahrnehmbar sind.“

Riesling, Pinot blanc und Pinot gris

Zur Verfahrensweise der Eisweinproduktion gibt André Mehlen uns wissenswerte Informationen. „Wie bei unseren deutschen Nachbarn ist auch in Luxemburg die Produktion für Eiswein meldepflichtig. Der Winzer meldet sein Vorhaben also beim Weinbauinstitut an – erreicht die Lufttemperatur die vorgeschriebenen -7 °C, dann erfolgen Lese und Pressung unter Kontrolle der staatlichen Prüfer. Weitere Vorgaben sind ein Mindestmostgewicht von 120° Öchsle, gepresst werden dürfen bis dato nur Riesling, Pinot blanc und Pinot gris.
Das Lesegut wird im gefrorenen Zustand gepresst, das physikalische Verfahren nennt man Kryoextraktion. Der Großteil des Wassers in den Beeren ist gefroren, die Eiskristalle verbleiben bei der Kelterung in den Beerenhäuten und nur der süße Most mit hohem Zucker- und Säuregehalt gelangt in die Produktion. Hier kommen natürlich nur äußerst geringe Mengen zum Tragen.

In Jahren, in denen etwa zehn Winzer Eiswein produzieren, ergibt das in etwa eine Gesamtmenge von einem bis maximal zwei Fudern. Es war, ist und bleibt auch in Zukunft ein Nischenprodukt. Immer mehr Betriebe setzen daher auf die Produktion von Strohwein („vin de paille“), da dies zum einen weniger aufwendig ist, zum anderen mit wesentlich kleineren Risiken behaftet.“

Unser Fazit: Der Eiswein bleibt eine Rarität und so hoffen wir, dass wenigstens das Vorhaben von Henri Ruppert von Erfolg gekrönt sein wird.

Erklärungen

„Der Jahrgang 2018 ist zu schade für Eisweinproduktion“

„Selten hatten wir solch gesundes Lesegut wie in diesem Herbst. Die beiden doch sehr mageren letzten Jahre waren Grund genug für uns, sich auf die Produktion hochwertiger Grand-Cru-Weine und Spätlesen zu konzentrieren.

Unsere Rieslinge hatten Mostgewichte von bis zu 120° Öchsle. Wir fanden, dass der 2018er zu schade sei, um das Risiko eines Eisweins einzugehen.“

Mathis Bastian – Domaine Bastian, Remich

„Frost im Januar ist schon zu spät“

„Wir hatten dieses Jahr Rieslingtrauben zur Eisweinbereitung eingenetzt, leider hat sich kaum ein Botrytispilz gebildet (damit die Beeren eintrocknen können) und die meisten Trauben sind bei dem letzten Starkregen sowie bei sehr hohem Windaufkommen vom Stock abgefallen. Wir haben deshalb beschlossen, die restlichen Trauben zu ernten und als „normalen“ Wein auszubauen.

Die Klimaerwärmung macht die Eisweinbereitung zunehmend schwieriger, in den letzten Jahren wurde es immer nur im Januar kalt genug – und das ist meist schon zu spät, da dann kaum noch verwertbares Lesegut in den Weinbergen hängt.
In Zukunft werden wir uns mehr auf die Strohweinproduktion konzentrieren.

Guy Krier – Domaine Krier-Welbes, Ellingen

„Voraussetzungen sind nicht gegeben“

„Die Mitgliedswinzer unserer Genossenschaft haben von der diesjährigen Ernte keine Trauben für die Eisweinproduktion hängen lassen. Zum einen haben die letzten Jahre gezeigt, dass sich zumeist nicht genügend Frosttage einstellen, die für die Eisweinlese unabdingbar sind, zum anderen waren die Ernteerträge in den beiden vergangenen Jahren derart gering, dass wir uns dazu entschlossen haben, den Fokus aufgrund der außerordentlich üppigen Ernte auf die Produktion von Top-Weinen zu setzen und das Risiko für eine Eisweinlese nicht einzugehen.“

Matthias Lambert – Kellermeister Vinsmoselle, Wellenstein

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